Cholesterin

Fruchtzucker hilft Krebszellen beim Ausbrechen aus dem Tumor

 Dennis Lenz

Fruchtzucker hilft Krebszellen beim Ausbrechen aus dem Tumor
(Symbolbild) Fruchtzucker gehört zu den meistverwendeten Süßungsmitteln in Limonaden, Säften und Fertigprodukten. Eine Untersuchung am Wistar Institute zeigt nun, dass er bei Eierstockkrebs nicht nur als Energieträger wirkt, sondern als Signalstoff zwischen Tumorzellen. Ausgangspunkt sind Zellen, die eine Chemotherapie überstanden haben und sich zwar nicht mehr teilen, aber weiterhin Botenstoffe abgeben. Die Ergebnisse stammen aus Zellkulturen und Mausmodellen und sind an Patienten bislang nicht bestätigt. (Foto: © Forschung und Wissen)

Fruchtzucker steckt in Limonaden, gesüßten Säften, Gebäck und zahllosen Fertigprodukten und gilt vor allem als Kalorienlieferant. Eine Arbeit des Wistar Institute in Philadelphia beschreibt ihn nun in einer völlig anderen Rolle, nämlich als chemisches Signal zwischen Tumorzellen nach einer Chemotherapie. Bei Eierstockkrebs entscheidet vor allem die Ausbreitung im Bauchraum über den Verlauf, und genau dieser Schritt beginnt damit, dass sich einzelne Zellen aus dem Zellverband lösen. Die Untersuchung benennt einen Stoffwechselweg, der diese Ablösung erleichtert, und der Weg führt über ein Molekül, das man dort nicht erwartet hätte.

Das hochgradig seröse Ovarialkarzinom ist die häufigste und aggressivste Form von Eierstockkrebs. Nahezu alle Betroffenen erhalten eine platinbasierte Chemotherapie, und das anfängliche Ansprechen ist häufig gut. Trotzdem kehrt die Erkrankung in den meisten Fällen zurück und breitet sich dann im Bauchraum aus, wo rund 90 Prozent der Todesfälle ihren Ursprung haben. Entscheidend ist dabei ein mechanischer Vorgang, denn Tumorzellen haften über Kontakte in der Zellmembran aneinander, und erst wenn diese Zellhaftung nachlässt, können sich einzelne Zellen lösen, im Bauchraum treiben und an anderer Stelle wieder anwachsen. Warum dieser Prozess ausgerechnet nach einer erfolgreichen Behandlung an Fahrt aufnimmt, gehört zu den offenen Fragen der Onkologie und ist bisher überwiegend über genetische Veränderungen erklärt worden.

Ein zweiter Baustein betrifft Zellen, die eine Chemotherapie überstehen, ohne sich weiter zu teilen. Dieser Zustand wird als Seneszenz bezeichnet und galt lange als harmlose Sackgasse, weil solche Zellen keinen neuen Tumor bilden. Tatsächlich bleiben sie jedoch stoffwechselaktiv und geben ein ganzes Bündel von Botenstoffen an ihre Umgebung ab. Fruchtzucker ist chemisch ein Einfachzucker, und Zucker zählen zu den zentralen Molekülen des Lebens, weil sie Energie liefern und zugleich Bausteine für Erbgut und Zellstrukturen stellen. Als Träger von Information zwischen benachbarten Zellen waren sie bislang kaum im Blick, und genau an dieser Stelle setzt die neue Arbeit an.

Wie Fruchtzucker die Haftung zwischen Tumorzellen schwächt

Das Team um Erstautor Aidan Cole aus dem Labor von Katherine Aird sammelte zunächst die Substanzen, die therapieüberlebende Zellen abgeben, und übertrug sie auf unbehandelte Tumorzellen. Bereits dieses zellfreie Gemisch reichte aus, um die Ausbreitung anzustoßen, was zeigt, dass die Moleküle selbst und nicht die überlebenden Zellen der Auslöser sind. Über groß angelegte Stoffwechselanalysen und einen CRISPR-Screen identifizierten die Forscher Fruchtzucker als entscheidenden Botenstoff. In den Empfängerzellen drosselt er die körpereigene Herstellung von Cholesterin, und da Cholesterin die Zellmembran stabilisiert und wie ein biologischer Klebstoff zwischen Nachbarzellen wirkt, sinkt mit seinem Gehalt auch die Zellhaftung. Die Zellen lösen sich leichter, und die Ablösung ist der erste Schritt jeder Metastasierung. Die Ergebnisse sind in Nature Aging dokumentiert und beruhen auf Zellkulturen sowie Mausmodellen.

Was der Befund für Süßgetränke bislang bedeutet

Besondere Aufmerksamkeit verdient ein zweiter Versuchsteil. Fruchtzucker, der von außen zugeführt wurde, förderte die Ausbreitung im Modell auch ohne vorangegangene Chemotherapie, und zwar in Konzentrationen, die dem Konsum gesüßter Getränke entsprechen. Daraus folgt allerdings kein Nachweis, dass Süßgetränke beim Menschen den Verlauf einer Krebserkrankung verändern, denn präklinische Modelle bilden Stoffwechsel, Immunsystem und Ernährungsgewohnheiten nur eingeschränkt ab. Wie stark Alltagskonsum tatsächlich wirkt, lässt sich erst in klinischen Studien beurteilen, ähnlich wie bei der Frage, ob Kaffee und Energydrink unterschiedlich auf das Herz wirken. Offen ist auch, ob sich der Effekt auf andere Tumorarten übertragen lässt, was die Autoren für möglich halten.

Warum Cholesterinsenker jetzt neu betrachtet werden

Aus dem beschriebenen Mechanismus ergibt sich eine unerwartete Konsequenz. Wenn ein niedriger Cholesterinspiegel in der Tumorzelle die Ablösung begünstigt, rücken Medikamente in den Blick, die genau diesen Spiegel senken. Cholesterinsenker gehören zu den am häufigsten verordneten Arzneimitteln überhaupt, und ihre Wirkung auf Tumorgewebe wird seit Jahren widersprüchlich diskutiert, teils mit Hinweisen auf einen schützenden Effekt. Die neue Arbeit liefert keinen Beleg für ein Risiko bei Patienten, wohl aber eine konkrete Hypothese, die sich prüfen lässt. Für die Behandlung selbst eröffnet der Befund einen zweiten Ansatzpunkt, denn nicht die überlebenden Zellen müssten beseitigt werden, sondern ihre Signale. Ein gezielter Eingriff in den Fruchtzucker-Stoffwechsel könnte die Rückkehr der Erkrankung verzögern, ohne die Chemotherapie selbst zu verändern.

Nature Aging, The chemotherapy-induced senescence-associated secretome promotes cell detachment and metastatic dissemination through metabolic reprogramming; doi:10.1038/s43587-026-01172-5

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