Eine Blinddarm-OP könnte langfristig mehr bewirken als nur die Entzündung zu beseitigen. In einer Auswertung von mehr als 30.000 Patienten erkrankten Menschen, deren entzündeter Wurmfortsatz entfernt wurde, später deutlich seltener an Darmkrebs als vergleichbare Patienten, die ausschließlich Antibiotika erhalten hatten. Der relative Unterschied liegt bei 58 Prozent. Warum das so sein könnte, ist noch offen, doch die Forscher haben mehrere Erklärungen im Blick.
Die Blinddarmentzündung, medizinisch Appendizitis, betrifft den Wurmfortsatz, ein kleines, schmales Anhängsel am Übergang vom Dünndarm zum Dickdarm. Lange galt die operative Entfernung als einzige sichere Behandlung, und die Blinddarm-OP gehört bis heute zu den häufigsten chirurgischen Eingriffen überhaupt. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich das Bild jedoch gewandelt: Bei ausgewählten Patienten mit unkomplizierter Entzündung gilt inzwischen auch eine Behandlung allein mit Antibiotika als anerkannte Option. Viele Betroffene begrüßen das, weil sie so eine Narkose und einen Eingriff vermeiden können. Die Diskussion über beide Wege drehte sich bislang vor allem um kurzfristige Folgen wie Rückfälle, Komplikationen oder die Lebensqualität in den ersten Monaten. Ein Team um den Chirurgen Valentine Nfonsam von der Morehouse School of Medicine in Atlanta stellte deshalb eine andere Frage: Hat es langfristige Folgen für das Krebsrisiko, wenn der entzündete Wurmfortsatz im Körper verbleibt?
Darmkrebs zählt in Deutschland wie in den USA zu den häufigsten Krebserkrankungen und entwickelt sich meist über viele Jahre, ohne zunächst Beschwerden zu verursachen. Deshalb richtet sich der Blick der Forschung zunehmend auf Faktoren, die das Risiko frühzeitig beeinflussen könnten. Dazu gehören Ernährung, Bewegung und genetische Veranlagung, aber auch das Mikrobiom, also die Gemeinschaft der Bakterien und anderen Mikroorganismen im Darm. Der Wurmfortsatz rückt dabei in ein neues Licht. Er wurde lange als nutzloses Überbleibsel der Evolution betrachtet, enthält jedoch reichlich lymphatisches Gewebe, das zum Immunsystem gehört, und steht in engem Austausch mit den Darmbakterien. Welche Rolle er für das spätere Darmkrebsrisiko spielt, ist bislang kaum untersucht. Die neue Arbeit liefert dazu erstmals Zahlen aus einer sehr großen Patientengruppe, auch wenn sie die Ursachen des Zusammenhangs noch nicht klären kann.
Für die Untersuchung nutzten die Forscher das TriNetX Global Collaborative Network, eine Datenbank mit anonymisierten Behandlungsdaten aus 168 Gesundheitseinrichtungen. Sie suchten Patienten mit akuter Blinddarmentzündung heraus, die entweder operiert oder ausschließlich mit Antibiotika behandelt worden waren, und bildeten zwei nach ihren Merkmalen vergleichbare Gruppen mit jeweils 15.774 Personen. Patienten, bei denen bereits vorher Darmkrebs bekannt war, schlossen sie aus, sodass am Ende 15.616 Operierte und 15.295 mit Antibiotika Behandelte übrig blieben. In der Gruppe mit Blinddarm-OP wurde später bei 110 Patienten Darmkrebs festgestellt, das entspricht 0,7 Prozent. In der Antibiotika-Gruppe waren es 254 Patienten oder 1,7 Prozent. Daraus ergibt sich ein um 58 Prozent geringeres relatives Risiko nach der Operation. Die Ergebnisse stellt das Team auf dem Clinical Congress 2026 des American College of Surgeons vor, der vom 26. bis 29. September in Washington stattfindet.
Die Zahl von 58 Prozent klingt dramatisch, bedarf aber einer Einordnung. Sie beschreibt den relativen Unterschied zwischen den beiden Gruppen. In absoluten Zahlen erkrankte nach einer Antibiotikatherapie etwa einer von 60 Patienten an Darmkrebs, nach einer Operation etwa einer von 140. Der Unterschied beträgt also rund einen Prozentpunkt. Das ist für eine Krebserkrankung bedeutsam, heißt aber auch, dass die große Mehrheit der Patienten in beiden Gruppen keinen Darmkrebs entwickelte. Die Mitteilung zur Studie nennt zudem keine Angaben dazu, über welchen Zeitraum die Patienten nachbeobachtet wurden und in welchem Abstand zur Entzündung die Krebsdiagnosen gestellt wurden. Gerade dieser zeitliche Abstand ist für die Deutung wichtig. Treten viele Diagnosen kurz nach der Blinddarmentzündung auf, spricht das eher für einen bereits vorhandenen, bislang unentdeckten Tumor als für einen Effekt, der sich über Jahre entwickelt.
Die Forscher nennen mehrere mögliche Erklärungen, betonen aber, dass ihre Studie keine davon belegt. Die erste betrifft die Früherkennung. In manchen Fällen ist eine Blinddarmentzündung nicht die Ursache, sondern ein frühes Anzeichen eines Darmkrebses. Ein noch unentdeckter Tumor im rechten Teil des Dickdarms kann den Abfluss aus dem Wurmfortsatz blockieren und sich zunächst wie eine gewöhnliche Appendizitis äußern. Bei einer Operation sehen die Chirurgen den Bauchraum direkt, zudem wird der entfernte Wurmfortsatz feingeweblich untersucht, was weitere Untersuchungen auslösen kann. Nach einer reinen Antibiotikatherapie fehlt diese Gelegenheit. Die zweite Erklärung setzt bei der Entzündung selbst an, denn mit dem Wurmfortsatz verschwindet eine Quelle anhaltender Entzündungsreaktionen. Die dritte betrifft seine Rolle im Immunsystem und im Mikrobiom. Veränderungen dieser Umgebung werden mit Prozessen in Verbindung gebracht, die an der Entstehung von Darmkrebs beteiligt sind, ein direkter Nachweis steht jedoch aus.
Bei der Arbeit handelt es sich um eine rückblickende Auswertung von Behandlungsdaten, nicht um ein Experiment, bei dem Patienten zufällig einer Behandlung zugeteilt wurden. Auch nach dem Abgleich der Gruppen können Unterschiede bestehen geblieben sein, etwa weil Ärzte eher jüngeren oder gesünderen Patienten eine Antibiotikatherapie anbieten oder weil sich die Betroffenen in ihrem Lebensstil unterscheiden. Solche Einflüsse lassen sich in Datenbankstudien nie vollständig ausschließen. Zudem wurde die Untersuchung bislang als Kongressbeitrag vorgestellt. Die Beiträge des wissenschaftlichen Forums werden zwar von einem Programmkomitee ausgewählt, haben aber noch kein reguläres Begutachtungsverfahren einer Fachzeitschrift durchlaufen. Nfonsam betont, dass die Ergebnisse nicht bedeuten, jeder Mensch mit Blinddarmentzündung müsse zur Krebsvorbeugung operiert werden. Die Antibiotikatherapie bleibe eine wichtige Option, doch bei der Entscheidung sollten auch mögliche Langzeitfolgen und eine passende Nachsorge bedacht werden.
Nach Ansicht der Autoren sollte die Behandlung der Blinddarmentzündung nicht nach einem einheitlichen Schema erfolgen. Alter, familiäre Vorbelastung, genetische Veranlagung und andere bekannte Risikofaktoren für Darmkrebs könnten künftig helfen, zu entscheiden, welche Patienten eher operiert werden sollten und für wen eine Antibiotikatherapie mit gezielter Nachsorge infrage kommt. Denkbar wäre etwa, nach einer nicht operativen Behandlung früher eine Darmspiegelung anzubieten, um einen möglicherweise versteckten Tumor rechtzeitig zu entdecken. Die Früherkennung spielt bei Darmkrebs eine zentrale Rolle, und die Forschung sucht seit Jahren nach einfacheren Verfahren, darunter Methoden, bei denen sich Darmkrebs im Atem nachweisen lässt. Um zu klären, ob der beobachtete Zusammenhang tatsächlich auf die Entfernung des Wurmfortsatzes zurückgeht, sind Studien mit längerer Nachbeobachtung und genauer zeitlicher Auswertung der Diagnosen nötig.