Antibiotikaresistenzen zählen zu den größten Gesundheitsgefahren der Gegenwart, denn immer mehr Erreger überstehen selbst Reservemedikamente für den Notfall. Forscher haben nun einen Weg gefunden, das besiegte Antibiotikum Vancomycin wieder wirksam zu machen. Ein kleines Molekül namens pghi-4 blockiert ein Schlüsselenzym resistenter Enterokokken und senkte die nötige Vancomycin-Dosis im Labor um bis zu das Achtfache. Statt neue Medikamente zu erfinden, könnten künftig alte Wirkstoffe wiederbelebt werden.
Wenn Bakterien Resistenzen entwickeln, verlieren einst zuverlässige Medikamente ihre Wirkung, und Routineeingriffe, Krebstherapien und selbst gewöhnliche Infektionen werden zum Risiko. Nach einer vielzitierten Analyse standen arzneimittelresistente Erreger allein im Jahr 2019 mit fast fünf Millionen Todesfällen weltweit in Verbindung, mehr als Malaria und Aids zusammen. Besonders gefürchtet sind Vancomycin-resistente Enterokokken, kurz VRE, die sich in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen ausbreiten und vor allem geschwächte Patienten auf Intensivstationen, Transplantierte und Krebskranke treffen. Das Bakterium Enterococcus faecium kann dabei gleich mehreren Reserveantibiotika widerstehen, darunter seinem Namensgeber Vancomycin, das seit Jahrzehnten als eines der letzten Mittel bei lebensbedrohlichen Infektionen gilt. Für manche Betroffene bleibt bei einer Infektion mit resistenten Stämmen derzeit keine wirksame Behandlungsoption mehr übrig.
Die Entwicklung eines völlig neuen Antibiotikums dauert im Schnitt mehr als ein Jahrzehnt und verschlingt Milliardensummen, weshalb die Forschung zunehmend einen anderen Weg verfolgt. Sogenannte Adjuvantien sind Hilfsstoffe, die Bakterien nicht selbst töten, sondern gezielt jene Verteidigungsmechanismen ausschalten, mit denen sich die Erreger gegen vorhandene Antibiotika wehren. Das alte Medikament kann dann wieder angreifen. Wie dringend solche Strategien gebraucht werden, zeigt der Umstand, dass Antibiotikaresistenzen bereits Millionen Todesfälle verursachen und die Pipeline neuer Wirkstoffe seit Jahren dünn bleibt. Genau hier setzt die neue Arbeit eines amerikanischen Forschungsverbunds an, die einem geschlagenen Klassiker zu einem Comeback verhilft.
Ein Team des Cold Spring Harbor Laboratory um den Chemiker John Moses und der Scripps Research um Howard Hang identifizierte das Enzym SagA als Achillesferse der resistenten Erreger. Mit diesem Enzym bauen die Bakterien ihre Zellwand um und machen sich so widerstandsfähiger gegen den Antibiotikaangriff. Aus einer per Klick-Chemie erzeugten Bibliothek von über 150 Molekülen fischten die Forscher den Wirkstoff pghi-4, den ersten bekannten Hemmstoff dieser Enzymfamilie überhaupt. Laut der im Fachjournal Nature Communications veröffentlichten Studie machte die Kombination aus Vancomycin und pghi-4 resistente Enterokokken wieder angreifbar, die erforderliche Antibiotikadosis sank in Versuchen mit mehreren klinischen Bakterienstämmen um bis zu das Achtfache. Auch im Mausmodell bestätigte sich die wiederhergestellte Wirkung des Antibiotikums.
Bemerkenswert ist die Herkunft der Entdeckung, denn sie entsprang keiner gezielten Antibiotikasuche, sondern der chemischen Grundlagenforschung an neuen Reaktionswegen, wie das Cold Spring Harbor Laboratory in seiner Mitteilung betont. Die Forscher entwickeln bereits potentere Nachfolgemoleküle und arbeiten an Varianten, die den Hemmstoff direkt mit Vancomycin koppeln. Langfristig soll das Prinzip auf weitere resistente Erreger übertragen werden, darunter Tuberkulosebakterien und resistente Staphylokokken. Wichtig bleibt die Einordnung, dass alle bisherigen Daten aus Labor- und Tierversuchen stammen und klinische Studien am Menschen noch ausstehen. Dennoch eröffnet der Ansatz eine Perspektive, die die Medizin dringend braucht, denn er ergänzt die Suche nach gänzlich neuen Wirkstoffen, bei der zuletzt etwa ein neues Antibiotikum gegen Krankenhauskeime vorgestellt wurde, um eine zweite, womöglich schnellere Waffe.
Nature Communications, Genetic and pharmacological inactivation of peptidoglycan remodeling increases antibiotic susceptibility of vancomycin-resistant Enterococcus faecium; doi:10.1038/s41467-026-74057-1