Videospiele und Gehirn

Bei jugendlichen Vielspielern ist die Hirnrinde dünner

 Dennis Lenz

Bei jugendlichen Vielspielern ist die Hirnrinde dünner
(Symbolbild) Jugendliche, die viel Zeit mit Videospielen verbringen, haben im Durchschnitt eine dünnere Hirnrinde und eine kleinere Oberfläche der Hirnrinde in mehreren Regionen des Gehirns. Das zeigt die Auswertung von Hirnscans von 5.686 Jugendlichen im Alter von rund 14 Jahren. Dabei spielte auch die Art des Spielens eine Rolle, denn nicht jede Form des Spielens ging mit messbaren Unterschieden einher. Ob die Spiele die Unterschiede verursachen, kann die Studie nicht beantworten. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Jugendliche, die viel Zeit mit Videospielen verbringen, haben im Durchschnitt eine dünnere Hirnrinde als Gleichaltrige, die weniger spielen. Das zeigt die Auswertung von Hirnscans von 5.686 Jugendlichen in den USA, die im Mittel rund 3,1 Stunden am Tag spielten. Die Unterschiede sind klein, aber über weite Teile des Gehirns verteilt. Überraschend ist, dass es offenbar nicht nur darauf ankommt, wie lange gespielt wird, sondern auch wie.

Die Hirnrinde ist die gefaltete äußere Schicht des Gehirns, in der Denken, Gedächtnis, Gefühle und Sprache verarbeitet werden. Forscher beschreiben ihren Aufbau vor allem mit zwei Größen: der Dicke der Rinde, also der Tiefe dieses Gewebes, und ihrer Oberfläche, die angibt, wie viel Fläche die Windungen einnehmen. Beide Werte lassen sich mit der Magnetresonanztomografie, kurz MRT, bei lebenden Menschen genau vermessen. Im Jugendalter befindet sich das Gehirn mitten in einem tiefgreifenden Umbau. Nervenverbindungen werden neu geordnet, wenig genutzte Verbindungen abgebaut und häufig genutzte gestärkt. Ein Teil dieses Umbaus zeigt sich darin, dass die Hirnrinde in dieser Lebensphase ganz normal dünner wird, weil die Schaltkreise effizienter werden. Genau in diese Phase fällt für viele Jugendliche eine Freizeitbeschäftigung, die einen großen Teil ihres Tages ausmacht. Videospiele gehören für die Mehrheit der Heranwachsenden zum Alltag, und entsprechend groß ist das Interesse an der Frage, ob sich diese Gewohnheit im Gehirn niederschlägt.

Bisherige Studien zu dieser Frage lieferten ein widersprüchliches Bild. Eine frühere Untersuchung an 14-Jährigen fand etwa, dass mehr Spielzeit mit dickeren Bereichen im Stirnhirn einherging. Viele dieser Arbeiten beruhten jedoch auf kleinen Gruppen und konnten nicht klären, ob Videospiele bestimmte Hirnregionen eher vergrößern oder verkleinern. Um diese Lücke zu schließen, greifen Forscher zunehmend auf große nationale Datensätze zurück. Ein Team um den Kinderarzt und Forscher Jason Nagata von der University of California in San Francisco hat nun Daten aus der ABCD-Studie ausgewertet, einem großen Langzeitprojekt, das die Gesundheit und Hirnentwicklung von Kindern und Jugendlichen in den USA verfolgt. Das Ziel war nicht nur, die gesamte Spielzeit mit der Struktur des Gehirns zu vergleichen, sondern auch die Art des Spielens zu berücksichtigen. Die Forscher unterschieden deshalb zwischen Spielen allein, Spielen mit anderen und Spielen mit Inhalten, die für ältere Spieler gedacht sind.

Was die Hirnscans von 5.686 Jugendlichen zeigen

Für die Analyse standen Daten von 5.686 Jugendlichen im Alter von durchschnittlich etwa 14 Jahren zur Verfügung. Die Teilnehmer gaben in Fragebögen an, wie viel Zeit sie an einem typischen Wochentag und am Wochenende mit Einzelspieler- und Mehrspielerspielen verbrachten und wie oft sie Spiele für ältere Spieler nutzten. Im Durchschnitt kamen sie auf rund 3,1 Stunden Spielzeit am Tag, und etwa 81 Prozent spielten zumindest gelegentlich. Anschließend wurden Dicke und Oberfläche der Hirnrinde mit der MRT vermessen. Das Ergebnis erschien in der Fachzeitschrift NeuroImage in einer Studie zu Videospielen und dem Aufbau der Hirnrinde bei Jugendlichen. Mehr Spielzeit ging demnach mit einer dünneren Hirnrinde und einer kleineren Oberfläche in mehreren Regionen einher, verteilt über Stirnlappen, Schläfenlappen, Scheitellappen und Hinterhauptslappen. Die Forscher berücksichtigten dabei Alter, Geschlecht, genetische Herkunft, Haushaltseinkommen, Körpergewicht und die übrige Bildschirmzeit.

Allein spielen oder mit anderen

Besonders aufschlussreich wird die Studie, wenn man die Art des Spielens betrachtet. Spielen allein vor dem Bildschirm, also Einzelspielerspiele, ging mit einer kleineren Oberfläche der Hirnrinde in Regionen einher, die an der Verarbeitung von Sprache, am Verständnis anderer Menschen und an der Regulierung von Gefühlen beteiligt sind. Für Mehrspielerspiele, bei denen Jugendliche mit oder gegen andere spielen, ließ sich dagegen nach der Korrektur für mehrfache statistische Vergleiche kein Zusammenhang mit dem Aufbau der Hirnrinde nachweisen. Nach Einschätzung von Nagata deutet das darauf hin, dass nicht nur die Menge, sondern auch die Art des Spielens eine Rolle spielen könnte. Wie sich dieser Unterschied erklärt, beantwortet die Studie nicht. Denkbar ist, dass der soziale Austausch beim gemeinsamen Spielen andere Fähigkeiten beansprucht als das Spielen allein. Belegt ist diese Deutung jedoch nicht, und die Autoren betonen, dass weitere Untersuchungen nötig sind, um solche Mechanismen zu prüfen.

Welche Rolle Spiele mit Gewaltinhalten spielen

Neben der Spielzeit fragten die Forscher auch nach Inhalten. Jugendliche, die häufiger Spiele mit einer Altersempfehlung für ältere Spieler nutzten, die oft Gewalt oder derbe Sprache enthalten, hatten im Durchschnitt eine dünnere Hirnrinde in Netzwerken, die Aufmerksamkeit und die Verarbeitung sozialer und emotionaler Signale unterstützen. Auch hier gilt, dass die Studie nur einen Zusammenhang beschreibt. Sie zeigt nicht, dass bestimmte Spielinhalte das Gehirn verändern. Ebenso wenig wurden einzelne Genres erfasst, etwa schnelle Actionspiele im Vergleich zu Strategiespielen oder Denkspielen, die das Gehirn auf sehr unterschiedliche Weise fordern könnten. Wie eng Videospiele mit dem Alltag von Jugendlichen verwoben sind, zeigt sich auch an anderer Stelle, etwa daran, dass zehn Prozent der Jugendlichen 61 Prozent aller In-Game-Käufe bezahlen. Die Frage nach den Folgen dieser Gewohnheiten betrifft damit nicht nur das Gehirn, sondern auch Geld und Freizeit.

Ursache oder Folge bleibt offen

Die wichtigste Einschränkung benennen die Autoren selbst. Die Studie ist eine Querschnittsanalyse, sie betrachtet also nur einen einzigen Zeitpunkt. Damit lässt sich nicht bestimmen, ob Videospiele die Unterschiede im Gehirn verursachen oder ob Jugendliche mit einem bestimmten Aufbau der Hirnrinde häufiger zu Spielen greifen. Hinzu kommt, dass die Spielzeit auf Selbstauskünften beruht, und Menschen schätzen ihre Bildschirmzeit häufig ungenau ein. Die Unterschiede fielen außerdem klein aus. Da die Hirnrinde im Jugendalter ohnehin dünner wird, ist eine dünnere Rinde nach Einschätzung von Nagata nicht automatisch als Schaden zu deuten. Ob die beobachteten Muster eine harmlose Variante der normalen Entwicklung sind oder später Folgen für geistige Fähigkeiten haben, lässt sich erst mit Langzeitdaten klären. Genau das planen die Forscher: Sie wollen dieselben Teilnehmer über die kommenden Jahre weiter beobachten und prüfen, in welche Richtung der Zusammenhang tatsächlich weist.

Was die Befunde für Eltern bedeuten

Für Familien liefert die Studie keine einfache Regel, aber eine differenzierte Botschaft. Die Befunde bedeuten nach Aussage der Autoren nicht, dass Videospiele das Gehirn von Jugendlichen zwangsläufig schädigen. Sie zeigen jedoch, dass Spielzeit, Spielform und Inhalte mit messbaren Unterschieden im Gehirn zusammenhängen, und dass nicht jedes Spielen gleich zu bewerten ist. Ähnliche Muster fanden Forscher bereits für soziale Medien: Eine frühere Untersuchung verband eine höhere tägliche Nutzung sozialer Medien mit einer dünneren Hirnrinde bei jüngeren Jugendlichen. Beide Arbeiten deuten darauf hin, dass intensive digitale Mediennutzung in dieser Altersgruppe mit Unterschieden im Aufbau des Gehirns einhergeht, auch wenn sich die jeweiligen Tätigkeiten unterscheiden. Künftige Studien sollen genauer erfassen, welche Genres gespielt werden, ob allein oder gemeinsam gespielt wird und wann das Spielen problematische Züge annimmt. Erst dann lässt sich sagen, welche Formen des Spielens für die Hirnentwicklung eher unbedenklich sind.

NeuroImage, Associations Between Video Gaming Behaviors and Cortical Morphology in Adolescents; doi:10.1016/j.neuroimage.2026.122196

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