Glückshormon Serotonin

Antidepressiva hemmen Krebswachstum

Robert Klatt

Das Glückshormon Serotonin begünstigt das Krebswachstum. Eine Behandlung mit Antidepressiva konnte bei Mäusen das Tumorwachstum hemmen. Klinische Studien sollen nun zeigen, ob der neue Therapieansatz auch beim Menschen erfolgreich ist.

Zürich (Schweiz). Bekannt wurde der Botenstoff Serotonin vor allem als „Glückshormon“. Zu wenig Serotonin im Gehirn kann zu einer Depression führen. Die meisten Antidepressiva, darunter auch Prozac, hemmen deshalb die Serotonin-Wiederaufnahme, um die Konzentration des Hormons zu erhöhen. Serotonin wird aber auch in der Darmschleimhaut produziert und dort vom Blut aufgenommen, von wo es unter anderem das Herz-Kreislauf-System und den Verdauungstrakt beeinflusst.

Ein Team der Universität Zürich (UZH) hat nun entdeckt, dass Serotonin auch bestimmte Krebszellen beeinflusst. Laut zellbiologischen Tests können die Tumorzellen mit dem Botenstoff die Aktivität der Abwehrzellen des Immunsystems hemmen. „Das periphere Serotonin schwächt die Aktivität der zytotoxischen T-Zellen in den Tumoren“, erklärt das Team um Marcel Schneider.

Serotonin verhindert „Alarm“ des Immunsystems

Laut der im Fachmagazin Science Translational Medicine publizierten Studie erzeugen die Krebszellen mithilfe des Botenstoffs außerdem das immunhemmende Molekül PD-L1. PD-L1 bindet sich an die Abwehrzellen des Immunsystems und sorgt so dafür, dass diese die Krebszellen zerstören. „Dieser doppelt immunhemmende Effekt des Serotonins begünstigt damit das Tumorwachstum“, so die Autoren.

Antidepressivum gegen Darmkrebs

Auf Basis der Beobachtungen entwickelten die Forscher eine neue Therapie, bei der Antidepressiva wie Fluoxetin (Prozac) verwendet werden. Prozac reduziert den Gehalt an peripherem Serotonin, weil das Medikament die Aufnahme des Hormons durch die Blutplättchen reduziert. Erprobt wurde diese Behandlung an Mäusen mit Dickdarm- und Bauchspeicheldrüsentumoren.

Bei den Tieren verlangsamte das Medikament das Tumorwachstum deutlich. Außerdem wanderten vermehrte T-Zellen des Immunsystems in die Krebsgeschwulste. „Diese Klasse von Antidepressiva und andere Serotoninblocker führen dazu, dass die Abwehrzellen die Tumorzellen wieder erkennen und effizient eliminieren. Dadurch wurde in den Mäusen das Wachstum von Dickdarm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs gebremst“, erklärt Pierre-Alain Clavien.

Neue Krebstherapie?

In Kombination mit einer gängigen Immuntherapie war das Antidepressivum noch wirksamer. Erhielten die Tiere beide Therapien, ging das Wachstum des Tumors stärker zurück. Bei einem Drittel der Mäuse sorgte die Kombi-Therapie sogar dafür, dass die Krebsgeschwulste komplett verschwanden. Dies zeigt laut den Wissenschaftlern, dass die Kombi-Therapie sich zur Behandlung von schwer ansprechbaren oder bereits resistenten Tumoren eignen können.

„Bereits zugelassene klassische Antidepressiva könnten helfen, die Therapie von bisher unheilbarem Bauchspeicheldrüsen- und Darmkrebs zu verbessern“, so Clavien. Mit den bisher verfügbaren Therapien sind diese Krebsarten im fortgeschrittenen Stadium nur selten heilbar. Die Wissenschaftler wollen den neuen Therapieansatz deshalb zeitnah in klinischen Studien mit menschlichen Probanden testen. „Da Sicherheitsprofile und Wirksamkeit bekannt sind, sollte es relativ rasch möglich sein, solche neuartigen Medikamentenkombinationen in einer klinischen Studie am Menschen zu prüfen“ so Clavien.

Science Translational Medicine, doi: 10.1126/scitranslmed.abc8188

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