Verdauungsbeschwerden

1,9 Millionen Datensätze verbinden ADHS mit dem Darm

 Dennis Lenz

1,9 Millionen Datensätze verbinden ADHS mit dem Darm
(Symbolbild) Schätzungen zufolge sind weltweit rund fünf Prozent der Kinder und drei bis vier Prozent der Erwachsenen von ADHS betroffen. Die Zahl der gestellten Diagnosen ist in den vergangenen vier Jahrzehnten deutlich gestiegen. Die ausgewerteten Studien stammen unter anderem aus den USA, Schweden, Deutschland und Südkorea. Die Teilnehmer waren zwischen zwei und 65 Jahre alt. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Eine Übersichtsarbeit der University of Warwick hat 23 Einzelstudien mit zusammen mehr als 1,9 Millionen Menschen ausgewertet und findet bei ADHS deutlich häufiger Beschwerden im Verdauungstrakt. Über alle Symptome hinweg lag die Häufigkeit rund 50 Prozent höher als bei Menschen ohne die Diagnose. Bei einzelnen Beschwerdebildern fallen die Unterschiede noch größer aus. Es ist die erste systematische Übersicht, die sich ausschließlich mit dieser Verbindung befasst.

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung gilt als eine der häufigsten neurologischen Entwicklungsstörungen überhaupt. Nach gängigen Schätzungen sind weltweit rund fünf Prozent der Kinder und drei bis vier Prozent der Erwachsenen betroffen, wobei die Diagnoseraten zwischen Ländern erheblich schwanken und in den vergangenen vier Jahrzehnten stark gestiegen sind. Wahrgenommen wird ADHS meist über die Kernmerkmale Unaufmerksamkeit, Impulsivität und motorische Unruhe. Körperliche Begleiterscheinungen stehen dagegen selten im Blick, obwohl Betroffene und Eltern seit Langem von Bauchschmerzen, Appetitproblemen und unregelmäßigem Stuhlgang berichten. Bei der Autismus-Spektrum-Störung ist der Zusammenhang mit Magen-Darm-Beschwerden bereits gut dokumentiert, für ADHS fehlte bislang eine belastbare Gesamtschau über die verstreuten Einzelbefunde hinweg.

Hintergrund dieser Fragestellung ist ein Forschungsfeld, das in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist: die sogenannte Darm-Hirn-Achse. Damit beschreiben Fachleute die ständige Kommunikation zwischen Verdauungssystem und Gehirn, die über Nervenbahnen, Botenstoffe, Immunsignale und die Zusammensetzung der Darmflora verläuft. Der Vagusnerv leitet Informationen aus dem Bauchraum direkt ins Gehirn, Darmbakterien bilden Vorstufen von Neurotransmittern, und Entzündungssignale wirken in beide Richtungen. Ob solche Verbindungen bei neurologischen Entwicklungsstörungen eine ursächliche Rolle spielen oder lediglich Begleiterscheinungen sind, ist ungeklärt. Um überhaupt eine Grundlage für diese Diskussion zu schaffen, braucht es zunächst verlässliche Zahlen dazu, wie häufig Verdauungsbeschwerden bei ADHS tatsächlich vorkommen.

Was die Auswertung von 23 Studien ergab

Das Team um Sarah Blake, Hugo Cannon und Saran Shantikumar an der Warwick Medical School fasste 23 Untersuchungen aus mehreren Ländern zusammen, darunter die USA, Schweden, Deutschland und Südkorea, mit Teilnehmern im Alter zwischen zwei und 65 Jahren. Wie die im Journal of Attention Disorders veröffentlichte Metaanalyse zeigt, lag die Chance für Magen-Darm-Symptome insgesamt um knapp 50 Prozent höher als in Vergleichsgruppen ohne ADHS. Deutlicher fielen einzelne Beschwerdebilder aus: Verstopfung trat mit annähernd doppelter Häufigkeit auf, das Reizdarmsyndrom um 58 Prozent häufiger, und für Enkopresis, also den unwillkürlichen Stuhlabgang jenseits des Säuglingsalters, ergab sich mehr als die vierfache Chance.

Warum die Zahlen für den Alltag Gewicht haben

Gerade die letzte Zahl hat praktische Bedeutung, weil Enkopresis im Kindesalter regelmäßig als Verhaltensproblem gedeutet wird, obwohl dahinter häufig eine chronische Verstopfung mit Überlaufinkontinenz steckt. Wer diesen Zusammenhang übersieht, behandelt womöglich die falsche Ebene. Die Autoren raten deshalb, bei der Betreuung von Menschen mit ADHS gezielt nach Verdauungsbeschwerden zu fragen, besonders dann, wenn diese die Lebensqualität beeinträchtigen. Für Eltern bedeutet der Befund vor allem eine Entlastung von Schuldzuweisungen, denn wiederkehrende Bauchschmerzen vor der Schule sind vor diesem Hintergrund kein Erziehungsthema. Ähnlich nüchtern fielen zuletzt Befunde zur Herkunft von Wesensmerkmalen aus, als eine große Analyse zeigte, dass das Erbgut nur einen kleinen Teil der Persönlichkeit erklärt.

Was den Zusammenhang erklären könnte

Für die Verbindung kommen mehrere Erklärungen infrage, die sich gegenseitig nicht ausschließen. Denkbar ist eine gemeinsame biologische Grundlage, etwa in der Entwicklung des Nervensystems, das im Darm mit dem enterischen Nervensystem ein eigenes, dichtes Geflecht aus Nervenzellen besitzt. Möglich sind auch indirekte Wege: Unregelmäßige Mahlzeiten, einseitige Ernährung, geringe Flüssigkeitsaufnahme und ein unterbrochener Tagesrhythmus wirken sich direkt auf die Darmtätigkeit aus und kommen bei ADHS gehäuft vor. Hinzu kommt, dass die Wahrnehmung von Körpersignalen, die sogenannte Interozeption, bei Betroffenen verändert sein kann, wodurch der Gang zur Toilette schlicht aufgeschoben wird. Welcher dieser Pfade wie stark beiträgt, lässt sich aus der vorliegenden Datenlage nicht ableiten.

Wo die Grenzen der Übersichtsarbeit liegen

Die Arbeit fasst Beobachtungsstudien zusammen und kann deshalb Ursache und Wirkung nicht trennen. Die Autoren formulieren das ausdrücklich: Weder sei belegt, dass ADHS die Beschwerden auslöst, noch sei klar, was den Zusammenhang antreibt. Metaanalysen erben zudem die Schwächen der eingeschlossenen Untersuchungen, etwa unterschiedliche Diagnosekriterien, uneinheitliche Erhebung der Symptome und die Möglichkeit, dass Menschen mit einer bestehenden Diagnose häufiger ärztlich untersucht werden und deshalb mehr Befunde erhalten. Das Muster ist nach Einschätzung der Autoren dennoch auffällig genug, um in der Versorgung berücksichtigt zu werden. Wie stark sich alltägliche Gewohnheiten auf das Erleben auswirken können, zeigt auch die Debatte darüber, dass Vielnutzer von Sprachmodellen über kürzere Aufmerksamkeitsspannen berichten.

Was als Nächstes geklärt werden muss

Aus der Übersicht ergibt sich ein klarer Forschungsauftrag. Nötig sind Längsschnittstudien, die Kinder über Jahre begleiten und erfassen, ob Verdauungsbeschwerden der Diagnose vorausgehen, ihr folgen oder parallel verlaufen. Ebenso offen ist die Rolle von Ernährung, Bewegung und Tagesstruktur, die sich gezielt verändern lassen und damit als Ansatzpunkt für einfache Maßnahmen infrage kommen. Interessant wird zudem der Vergleich mit der Autismus-Spektrum-Störung, für die ähnliche Muster beschrieben sind, denn Übereinstimmungen könnten auf gemeinsame Mechanismen hinweisen. Für Betroffene bleibt vorerst die pragmatische Konsequenz, Bauchbeschwerden nicht als Randnotiz zu behandeln, sondern in der Sprechstunde anzusprechen, weil Verstopfung und Reizdarm gut behandelbar sind, wenn sie erst einmal benannt werden.

Journal of Attention Disorders, The Association Between Attention-Deficit Hyperactivity Disorder and Gastrointestinal Symptoms; doi:10.1177/10870547261469626

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