Stoffwechselstudie

12 Wochen Shakes und Sport ersetzten bei Typ-2-Diabetes Tabletten

 Dennis Lenz

12 Wochen Shakes und Sport ersetzten bei Typ-2-Diabetes Tabletten
(Symbolbild, KI-generiert) In der RESET-for-Remission-Studie trainierten die Teilnehmer neben einer Diät mit 800 bis 900 Kilokalorien am Tag, meist in Form von Shakes, zweimal pro Woche unter Anleitung Kraft und Ausdauer, unter anderem mit freien Gewichten, dazu einmal allein. 54 Prozent der jungen Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes kamen nach einem halben Jahr ohne blutzuckersenkende Medikamente aus. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Typ-2-Diabetes heißt meist Tabletten fürs Leben. Doch nach zwölf Wochen Shakes mit 800 bis 900 Kilokalorien am Tag und betreutem Training brauchten 54 Prozent junger Patienten in einer Studie nach einem halben Jahr keine Medikamente mehr, ohne Programm nur 4 Prozent. An der RESET-for-Remission-Studie unter Leitung des Forschungsinstituts des McGill University Health Centre in Montreal und der University of Leicester nahmen 96 Erwachsene zwischen 18 und 45 Jahren teil. Sie erschien in der Fachzeitschrift The Lancet Regional Health Americas. Die Muskeln der Teilnehmer blieben dabei erhalten.

Typ-2-Diabetes gilt vielen als Krankheit des Alters. Inzwischen trifft die Diagnose aber immer häufiger Menschen unter 45 Jahren, mitten in der Ausbildung, im Berufsaufbau oder in der Familienplanung. Bei ihnen verläuft die Krankheit meist schneller und aggressiver als bei Älteren, Folgeschäden an Herz, Nieren, Augen und Nerven treten früher auf, und die Lebenserwartung sinkt. Gerade für diese Gruppe gab es bisher kaum belastbare Daten darüber, wie sich die Krankheit ohne Medikamente oder Operation zurückdrängen lässt.

Ein Team um die Ärztin Kaberi Dasgupta vom Research Institute of the McGill University Health Centre und den Bewegungsforscher Tom Yates von der University of Leicester hat deshalb erstmals eine streng kalorienreduzierte Diät mit einem betreuten Ausdauer- und Krafttraining kombiniert. Die Studie lief an drei Standorten in Montreal, Edmonton und Leicester. Das Forschungsinstitut in Montreal hat die Ergebnisse nun vorgestellt.

So lief das Programm gegen den Typ-2-Diabetes ab

An der Studie nahmen 96 Erwachsene zwischen 18 und 45 Jahren teil, die an Typ-2-Diabetes und Adipositas litten, aber noch kein Insulin spritzten. Im Mittel waren sie 38 Jahre alt, ihr Body-Mass-Index lag bei 35,2, die Diagnose lag durchschnittlich 2,3 Jahre zurück. Ihr Langzeitblutzuckerwert HbA1c betrug im Mittel 7,2 Prozent, mehr als drei Viertel nahmen bereits blutzuckersenkende Medikamente. Per Los kamen 50 Teilnehmer in das Programm, 46 erhielten die übliche ärztliche Versorgung.

In den ersten zwölf Wochen aßen die Teilnehmer des Programms nur 800 bis 900 Kilokalorien am Tag, das ist etwa ein Drittel dessen, was ein Erwachsener sonst zu sich nimmt. In den ersten beiden Wochen bestand die Nahrung vollständig aus Ersatzmahlzeiten in Form von Shakes und Riegeln, danach war eine normale Mahlzeit pro Tag erlaubt. Alle blutzuckersenkenden Medikamente wurden zu Beginn abgesetzt, ebenso in vielen Fällen die Blutdruckmittel. Ab der dritten Woche kam zweimal wöchentlich ein betreutes Training hinzu, das sich auf jeweils eine Stunde steigerte, je zur Hälfte Ausdauer, etwa Gehen und Intervalltraining, und Krafttraining an Geräten oder mit Hanteln. Eine dritte Einheit pro Woche absolvierten die Teilnehmer allein. In der zweiten Hälfte der Studie stellten sie auf eine normale, gesunde Ernährung um, die das Gewicht halten sollte, und trainierten selbstständig weiter.

54 Prozent schafften die Remission

Als Remission galt, wenn der HbA1c-Wert unter 6,5 Prozent lag, also unter der Schwelle, ab der Ärzte einen Diabetes diagnostizieren, und zwar ohne blutzuckersenkende Medikamente seit mindestens zwölf Wochen. Nach 24 Wochen erreichten das 27 der 50 Teilnehmer im Programm, also 54 Prozent. In der Vergleichsgruppe waren es nur 2 von 46, rund 4 Prozent. Der Effekt zeigte sich bei Frauen und Männern, in verschiedenen ethnischen Gruppen und in beiden Ländern gleichermaßen. Am Ende kamen 86 der 96 Teilnehmer zur Abschlussuntersuchung, eine Quote von 90 Prozent.

Die Teilnehmer im Programm verloren im Mittel etwa 7,5 Kilogramm mehr als die Vergleichsgruppe. Auch der Blutdruck und der Ruhepuls sanken, die Blutfettwerte verbesserten sich, und die Insulinresistenz nahm ab. Nach zwölf Wochen hatte sich bei 63 Prozent der Programmteilnehmer auch ein zuvor erhöhter Blutdruck normalisiert, in der Vergleichsgruppe bei 13 Prozent. Nach 24 Wochen lag dieser Unterschied noch bei 56 gegenüber 27 Prozent.

Fett verschwand dort, wo es schadet

Mit der Magnetresonanztomografie untersuchten die Forscher, wo die Teilnehmer abnahmen. Das Ergebnis passt zu einer inzwischen gut belegten Erklärung des Typ-2-Diabetes. Laut den Forschern sank das Fett in der Leber um mehr als neun Prozent und das Bauchfett um die Organe um mehr als 24 Prozent. Auch der Fettanteil der Bauchspeicheldrüse ging zurück. Fett in Leber und Bauchspeicheldrüse gilt als zentraler Treiber der Krankheit: Es macht die Leber unempfindlich für Insulin und stört die Zellen, die das Hormon herstellen. Schon die DIRECT-Studie des britischen Diabetesforschers Roy Taylor hatte gezeigt, dass eine Diät mit rund 850 Kilokalorien täglich bei etwa der Hälfte der Teilnehmer mit Typ-2-Diabetes zu einer Remission führen kann.

Neu ist der Blick auf die Muskeln. Wer schnell abnimmt, verliert meist nicht nur Fett, sondern auch Muskelmasse. Nimmt man später wieder zu, kehrt das Gewicht vor allem als Fett zurück, was langfristig das Risiko für Gebrechlichkeit erhöht. In der RESET-Studie dagegen blieb das Muskelvolumen an Bauch und Oberschenkeln laut MRT erhalten, während das Fett in den Muskeln deutlich abnahm. Die Griffkraft stieg, die Fitness bezogen auf das Körpergewicht verbesserte sich um gut zehn Prozent. „Menschen mit Typ-2-Diabetes können bei einfachen Messungen wie der Griffkraft 10 bis 20 Jahre älter wirken als Gleichaltrige ohne Diabetes“, sagte Tom Yates bei der Vorstellung der Studie auf dem Jahrestreffen der Europäischen Diabetesgesellschaft EASD.

Was die Remission für junge Patienten bedeutet

Für jüngere Menschen gibt es bislang nur wenige Wege, den Diabetes wieder loszuwerden. Eine Magen-Operation kann zur Remission führen, ist aber ein großer Eingriff. Abnehmspritzen und andere Diabetes-Medikamente wirken, doch ihre Folgen über Jahrzehnte sind unbekannt, und während einer Schwangerschaft werden sie nicht empfohlen. Die Forscher sehen ihr Programm deshalb gerade für Menschen als Option, die eine Schwangerschaft planen. „Manche Menschen wollen einfach eine Möglichkeit ohne Medikamente“, sagte Dasgupta dem Fachportal Medscape.

Neben den körperlichen Werten verbesserte sich auch das Befinden. Die Teilnehmer im Programm berichteten über weniger depressive Verstimmungen, weniger Belastung durch die Krankheit und eine höhere Lebensqualität. Typische Nebenwirkungen in der Anfangsphase waren Verstopfung, Kopfschmerzen, Schwindel und Müdigkeit, einige hatten Beschwerden oder kleinere Verletzungen durch das Training. Schwere Nebenwirkungen traten nicht auf. Viele Teilnehmer hätten das betreute Training sogar lieber gemocht als die Diät, berichtete Dasgupta, weil die Gruppe sie motiviert habe. Wie stark sich Ernährung allein auf den Blutzucker auswirken kann, zeigten auch frühere Studien, nach denen Intervallfasten zu einer Diabetes-Remission führen kann.

Offene Fragen

Eine Heilung ist eine Remission nicht. Steigt das Gewicht wieder, kann auch der Diabetes zurückkehren, und die Studie lief nur 24 Wochen. Ob die Erfolge über Jahre halten, ist offen. Dasgupta verweist aber auf Daten, nach denen jedes Jahr ohne Diabetes das Risiko für Herz- und Nierenschäden senkt. Zudem fehlte eine dritte Gruppe, die nur die Diät ohne Training erhielt. Ob es wirklich das Training war, das die Muskeln geschützt und die Fitness gesteigert hat, lässt sich daher nicht sicher sagen, auch wenn vieles dafür spricht. Mit 96 Teilnehmern war die Studie zudem eher klein.

Auch die Übertragung in den Alltag ist eine Hürde. Roy Taylor, der nicht an der Studie beteiligt war, lobte die Betreuung des Trainings, hält eine solche Begleitung im normalen Gesundheitssystem aber für schwer bezahlbar. Andere Wege, den Blutzucker zu senken, werden ebenfalls erforscht, etwa ein Implantat, das den Blutzucker mit Strom statt mit Insulin senkt. Als nächsten Schritt planen Dasgupta und Yates eine größere und längere Studie, die Diät allein mit Diät plus Training unter Alltagsbedingungen vergleicht.

The Lancet Regional Health Americas, Low energy diet plus supervised exercise vs. usual care alone in people with early-onset type 2 diabetes (RESET for Remission): a randomised, open-label, blinded-endpoint efficacy trial; doi:10.1016/j.lana.2026.101664

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