Politische Meinungen wirken nicht automatisch glaubhafter, nur weil sie wiederholt werden. In zwei Experimenten mit insgesamt 457 Teilnehmern erhöhte die Wiederholung die eingeschätzte Wahrheit solcher Aussagen nicht in bedeutsamem Umfang. Das galt für zustimmend, ablehnend und neutral bewertete Positionen. Der Befund begrenzt einen bekannten psychologischen Effekt, ohne politische Beeinflussung generell infrage zu stellen.
Paul Riesthuis und Josh Woods untersuchten, wie Menschen gesellschaftliche und politische Wertungen beurteilen. Wie die Grand View University berichtet, erschien die Arbeit im Fachjournal Consciousness and Cognition. Im Mittelpunkt steht der sogenannte Wahrheitseffekt: Wiederholte Informationen werden häufig für wahrer gehalten als erstmals präsentierte. Die Forscher prüften, ob diese Beobachtung auch für Meinungen gilt. Ihre Ergebnisse sprechen dafür, zwischen unterschiedlichen Arten von Aussagen sorgfältiger zu unterscheiden.
Eine Tatsachenbehauptung beschreibt etwas, das grundsätzlich anhand von Belegen überprüft werden kann. Die Aussage, Berlin sei die Hauptstadt Deutschlands, ist ein einfaches Beispiel. Eine Forderung danach, wofür der Staat mehr Geld ausgeben sollte, enthält dagegen eine Wertung. Bei ihrer Beurteilung spielen Ziele, Prioritäten und persönliche Überzeugungen eine Rolle. Dass beide sprachlich als klare Sätze auftreten, macht sie noch nicht zu derselben psychologischen Aufgabe.
Diese Unterscheidung ist für den Wahrheitseffekt zentral. Bei einer unbekannten Sachinformation kann Vertrautheit als Hinweis dienen, dass die Aussage schon einmal bestätigt oder zuverlässig vermittelt worden sei. Eine politische Wertung lässt sich dagegen möglicherweise unmittelbarer an der eigenen Haltung prüfen. Wiedererkennen würde dann weniger zusätzliche Information liefern. Das ist eine mögliche Erklärung des Befunds, kein in der Studie abschließend nachgewiesener Mechanismus.
Die Teilnehmer bewerteten neue und wiederholte Meinungsäußerungen. Dabei wurden sowohl subjektive Wahrheitsurteile als auch die persönliche Zustimmung erfasst. In den beiden Experimenten war die zeitliche Anordnung dieser Bewertungen unterschiedlich. Dadurch sollte der Befund nicht allein von einer bestimmten Abfolge der Aufgaben abhängen. Beide Untersuchungen wurden vorab registriert, insgesamt nahmen 457 Personen teil.
Präregistrierung bedeutet, dass wesentliche Untersuchungspläne vor der Auswertung festgehalten werden. Das erleichtert die Unterscheidung zwischen vorher vorgesehenen Prüfungen und später entstandenen Erklärungen. Es garantiert für sich genommen weder fehlerfreie Messungen noch eine uneingeschränkte Übertragbarkeit. Für die Bewertung eines unerwartet kleinen Effekts ist ein transparenter Analyseplan dennoch hilfreich. Er macht nachvollziehbarer, welche Hypothesen tatsächlich geprüft wurden.
Die Autoren betrachteten außerdem getrennt, ob Teilnehmer einer Meinung zustimmten, sie ablehnten oder neutral bewerteten. In keiner dieser Gruppen zeigte sich ein bedeutsamer Anstieg der Wahrheitsurteile durch Wiederholung. Das bedeutet nicht, dass Zustimmung für die Bewertung insgesamt unwichtig wäre. Untersucht wurde, welchen zusätzlichen Unterschied das wiederholte Auftreten machte. Eine starke eigene Haltung und ein kleiner Wiederholungseffekt können problemlos gleichzeitig bestehen.
Ein statistisch nicht auffälliges Ergebnis beweist normalerweise nicht, dass ein Effekt fehlt. Eine Untersuchung könnte schlicht zu ungenau sein, um einen vorhandenen Unterschied zu erkennen. Die Autoren ergänzten deshalb Äquivalenztests. Diese prüfen, ob die Daten mit Effekten vereinbar sind, die kleiner als eine vorab festgelegte relevante Größenordnung ausfallen. Damit wird eine andere Frage gestellt als bei der bloßen Suche nach einem statistisch signifikanten Unterschied.
Die Ergebnisse stützten die Einordnung als vernachlässigbar innerhalb der geprüften Grenzen. Zusätzlich bündelte eine kleine Metaanalyse die neuen Experimente mit früheren Arbeiten. Auch diese Zusammenführung sprach gegen einen bedeutsamen durchschnittlichen Wiederholungseffekt für die betrachteten Meinungsäußerungen. Daraus folgt jedoch keine mathematisch bewiesene Wirkung von exakt null in jeder denkbaren Situation. Die Schlussfolgerung bleibt an das untersuchte Material, die Versuchsbedingungen und die gewählten Relevanzgrenzen gebunden.
Die Arbeit widerspricht nicht automatisch früheren Experimenten mit falschen Tatsachenbehauptungen. Gordon Pennycook, Tyrone Cannon und David Rand zeigten beispielsweise, dass bereits ein vorheriger Kontakt die später wahrgenommene Genauigkeit erfundener Nachrichtenschlagzeilen erhöhen kann. Dabei geht es um als Fakten präsentierte Inhalte. Eine politische Meinung und eine falsche Nachricht mit politischem Thema sind deshalb keine austauschbaren Versuchsmaterialien. Das politische Thema allein entscheidet nicht darüber, welche Art von Aussage bewertet wird.
Auch der Kommunikationskontext verdient eine eigene Betrachtung. Wer eine konkrete Sachfrage beantwortet, übernimmt damit nicht zwangsläufig eine politische Position. Untersuchungen dazu, wie KI-Chatbots politisches Wissen vermitteln, verdeutlichen diese Trennung zwischen Wissenserwerb und Überzeugung. Für die Wiederholungsstudie ist daher die genaue Messgröße entscheidend. Erfasst wurde ein Wahrheitsurteil über vorgelegte Meinungen, nicht jede mögliche Veränderung politischen Verhaltens.
Im Alltag treffen Menschen selten auf vollständig isolierte Aussagen. Botschaften können mit neuen Argumenten, emotionalen Bildern, bekannten Absendern oder sozialer Zustimmung verbunden sein. Außerdem kann Wiederholung die Aufmerksamkeit auf ein Thema lenken, ohne eine konkrete Wertung sofort glaubhafter zu machen. Solche möglichen Wirkungen sind von dem hier untersuchten Wahrheitsurteil zu unterscheiden. Die Ergebnisse erlauben deshalb nicht den Schluss, wiederholte politische Kommunikation sei generell wirkungslos.
Hinzu kommen bereits vorhandene Einstellungen. Forschung zu Vorentscheidungen vermeintlich unentschlossener Wähler beschäftigt sich damit, wie Bewertungen wirken können, bevor sie ausdrücklich formuliert werden. Die neue Studie klärt nicht, wie solche Einstellungen entstehen oder sich langfristig verändern. Ihr Beitrag ist enger: Bei den geprüften gesellschaftlichen und politischen Meinungen machte bloßes Wiederholen die Aussagen kaum wahrer. Für eine Erklärung politischer Überzeugung müssen Inhalt, eigene Haltung und Kommunikationssituation deshalb gemeinsam berücksichtigt werden.
Consciousness and Cognition, Limits of the illusory truth effect for social-political opinions: Evidence from two experiments and a mini meta-analysis; doi:10.1016/j.concog.2026.104119
Journal of Experimental Psychology: General, Prior exposure increases perceived accuracy of fake news; doi:10.1037/xge0000465
Grand View University, Dr. Woods Publishes Research Challenging Established Psychological Theory