Spätentscheider

Unentschlossene Wähler haben sich meist längst entschieden

 Dennis Lenz

Unentschlossene Wähler haben sich meist längst entschieden
(Symbolbild) Wenige Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt rückt eine Gruppe in den Fokus, die als schwer berechenbar gilt. Unentschlossene Wähler wirken offen für jedes Argument, doch die Wahlpsychologie zeichnet ein anderes Bild. Kognitionsforscher konnten das spätere Verhalten Zweifelnder bereits eine Woche vor der Entscheidung vorhersagen. Verantwortlich sind automatisch ablaufende Bewertungen, die sich der bewussten Kontrolle weitgehend entziehen. (Foto: © Forschung und Wissen)

Wenige Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 gelten viele Menschen offiziell als unentschlossen. Die Wahlpsychologie zeichnet jedoch ein anderes Bild: Ein großer Teil dieser unentschlossenen Wähler trägt seine spätere Wahlentscheidung bereits in sich, ohne es zu bemerken. Kognitionsforscher konnten in kontrollierten Studien vorhersagen, wofür sich Zweifelnde später entscheiden würden. Verantwortlich sind Prozesse, die sich der bewussten Abwägung weitgehend entziehen.

Als unentschlossene Wähler gelten Menschen, die kurz vor einer Wahl noch nicht sicher sagen können oder wollen, wem sie ihre Stimme geben. In der Wahlpsychologie sind sie eine der am intensivsten untersuchten Gruppen, denn in engen Rennen können sie den Ausgang bestimmen. Lange galt die Annahme, dass diese Menschen ihre Wahlentscheidung durch sorgfältiges Abwägen von Argumenten, Programmen und Kandidaten treffen. Neuere Forschung stellt dieses Bild infrage. Sie trennt bewusste Aussagen und implizite Einstellungen, also spontane, automatisch abrufbare Bewertungen. Diese lassen sich mit Reaktionszeittests messen und weichen bei Zweifelnden häufig von den bewussten Angaben ab. Dass das Gehirn dabei mit begrenzter Geschwindigkeit arbeitet und dennoch verlässlich entscheidet, zeigt die Forschung zur gemessenen Denkgeschwindigkeit des menschlichen Gehirns, die trotz geringer Rate zu tragfähigen Urteilen führt.

Der Begriff Spätentscheider beschreibt jene Wählerinnen und Wähler, die sich erst in den letzten Tagen oder sogar erst in der Wahlkabine festlegen. Wahlforscher gehen davon aus, dass dieser Anteil über die Jahrzehnte gewachsen ist, weil die Bindung an einzelne Parteien nachgelassen und die Zahl der Wechselwähler zugenommen hat. Für Wahlkämpfe ist das entscheidend, denn die Endphase gewinnt an Gewicht. Zugleich zeigt die Entscheidungsforschung, dass schnelle, aus dem Bauch getroffene Urteile nicht zwangsläufig schlechter sind als lange Abwägungen, sondern oft auf verdichteter Erfahrung beruhen. Wie eng bewusste und unbewusste Prozesse zusammenspielen, verdeutlicht die Beobachtung, dass intelligente Menschen bei kniffligen Aufgaben eher langsamer entscheiden und dafür seltener falschliegen. Für die Frage, wie sich Unentschlossene am Wahltag verhalten, verschiebt sich der Blick damit weg von reinen Sachargumenten.

Warum unentschlossene Wähler oft längst entschieden sind

Den vielleicht deutlichsten Beleg lieferte ein Team um die Psychologin Silvia Galdi an der Universität Padua. In einer Phase intensiver öffentlicher Debatte über die umstrittene Erweiterung einer Militärbasis in ihrer Region befragten die Forscher rund 130 Anwohner und teilten sie in entschiedene und unentschlossene Personen ein. Neben den bewussten Meinungen erfassten sie über einen Reaktionszeittest automatische Assoziationen, also spontane positive oder negative Verknüpfungen mit dem Streitthema. Eine Woche später wurden dieselben Menschen erneut befragt. Bei den Unentschlossenen sagten nicht die bewussten Aussagen, sondern die zuvor gemessenen Verknüpfungen vorher, wofür sie sich schließlich entscheiden würden. Ihre spätere Wahlentscheidung stand also in einem messbaren Sinn bereits fest, bevor sie selbst sie kannten. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal Science und dokumentieren diesen Vorhersageeffekt im Detail.

Wie viele Menschen sich erst spät festlegen

Dass diese Erkenntnisse nicht nur für Laborsituationen gelten, zeigt die Wahlforschung in Deutschland. Untersuchungen zu zurückliegenden Bundestags- und Landtagswahlen legen nahe, dass sich ein erheblicher Teil der Wählerschaft erst in den letzten Tagen vor dem Urnengang festlegt, ein kleinerer Teil sogar erst im Wahllokal. Diese Spätentscheider sind selten völlig meinungslos. Häufig schwanken sie zwischen zwei Optionen, zu denen sie längst eine gefühlsmäßige Neigung entwickelt haben. Parallel dazu verändert sich die Zusammensetzung der Wählerschaft, weil die feste Bindung an eine einzelne Partei abnimmt, die Zahl der Wechselwähler steigt und sich die Beteiligung ungleich über soziale Gruppen verteilt. Wie sich Teilnahme und Fernbleiben erklären lassen, hat unter anderem die Bertelsmann Stiftung im Superwahljahr 2026 analysiert und mit Vorschlägen zur Mobilisierung verbunden.

Was das für die Landtagswahl bedeutet

Für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt heißt das nicht, dass Programme und Argumente bedeutungslos wären. Bewusste Überlegungen prägen vor allem, wie Menschen ihre bereits vorhandene Neigung begründen und ob sie überhaupt zur Wahl gehen. Die Forschung deutet aber darauf hin, dass viele Botschaften der Wahlkampf-Endphase eher bestätigen als umlenken, weil sie auf ein bereits vorhandenes Gefühl treffen. Genau deshalb ist auch die Debatte darüber wichtig, wie stark sich Meinungen gezielt beeinflussen lassen, etwa wenn Dialoge mit KI-Systemen Wahlpräferenzen verschieben können und so die Endphase prägen. Einschränkend gilt, dass die zentrale Grundlagenstudie ein lokales Streitthema und keine komplette Parteienwahl untersuchte und dass implizite Messverfahren in der Fachwelt umstritten bleiben. Als Faustregel lässt sich festhalten, dass die Gruppe der unentschlossenen Wähler weniger offen ist, als der Begriff vermuten lässt.

Science, Automatic Mental Associations Predict Future Choices of Undecided Decision-Makers; doi:10.1126/science.1160769

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