Mindeststandard

IQB-Bildungstrend zeigt Einbruch in Mathe und Naturwissenschaften

 Dennis Lenz

IQB-Bildungstrend zeigt Einbruch in Mathe und Naturwissenschaften
(Symbolbild) Der IQB-Bildungstrend prüft regelmäßig, wie gut Neuntklässler in Deutschland die bundesweiten Bildungsstandards erreichen. In Mathematik, Biologie, Chemie und Physik fallen die Leistungen deutlich hinter frühere Erhebungen zurück. In allen Bundesländern verfehlen mehr Jugendliche als zuvor den Mindeststandard. (Foto: © Forschung und Wissen)

Die mathematischen und naturwissenschaftlichen Kompetenzen deutscher Neuntklässler erreichen einen neuen Tiefstand. Der IQB-Bildungstrend belegt in Mathematik, Biologie, Chemie und Physik durchweg schwächere Leistungen als in den Vorjahren. In allen 16 Bundesländern verfehlen mehr Jugendliche die Mindeststandards. Getestet wurden rund 48.000 Schüler der neunten Klasse. Wie groß der Rückstand ausfällt und welche Fächer besonders betroffen sind, zeigt der Bericht im Detail.

Der IQB-Bildungstrend ist eine der größten Schulleistungsuntersuchungen in Deutschland. Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen an der Humboldt-Universität zu Berlin prüft im Auftrag der Kultusministerkonferenz regelmäßig, inwieweit Schüler der neunten Jahrgangsstufe die bundesweit vereinbarten Bildungsstandards erreichen. Unterschieden werden dabei drei Niveaus. Der Mindeststandard beschreibt die untere Schwelle grundlegender Kompetenzen, der Regelstandard das eigentlich angestrebte Zielniveau und der Optimalstandard vertieftes fachliches Verständnis. Für den aktuellen Durchgang wurden zwischen März und Juli 2024 Schüler aus allen Bundesländern nach einem Zufallsverfahren getestet, insgesamt rund 48.000 Jugendliche. Geprüft wurden die Fächer Mathematik, Biologie, Chemie und Physik in der Sekundarstufe I. Weil dieselbe Untersuchung bereits 2012 und 2018 stattfand, lassen sich die Ergebnisse über zwölf Jahre hinweg vergleichen.

Die Ergebnisse, die im Oktober 2025 vorgestellt wurden, fallen deutlich negativ aus. In allen vier untersuchten Fächern werden die Regel- und Mindeststandards seltener erreicht als 2018 und 2012. Der Rückgang bei den Schülerleistungen betrifft ausnahmslos alle Bundesländer, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. In Mathematik liegt der bundesweite Mittelwert 2024 bei 474 Punkten und damit rund 24 Punkte unter dem Wert von 2018. Da ein Unterschied von etwa 50 Punkten nach dem verwendeten Modell ungefähr dem Lernzuwachs eines Schuljahres entspricht, verlieren die Neuntklässler rechnerisch rund ein halbes Schuljahr an Kompetenz. Der Befund reiht sich in ein größeres Bild ein, das zuvor bereits internationale Vergleichsstudien und der vorangegangene Bildungstrend zu den sprachlichen Fächern gezeichnet hatten. Anders als zwischen 2012 und 2018, als die Werte weitgehend stabil blieben, markiert der aktuelle Einbruch eine bildungspolitische Zäsur.

Wie viele Schüler den Mindeststandard verfehlen

Besonders aufschlussreich sind die Anteile jener Jugendlichen, die den Mindeststandard verfehlen, wie das verantwortliche Institut die Zahlen im Detail ausweist und nach Abschlussart aufschlüsselt. In Mathematik verfehlen bundesweit knapp 9 Prozent aller Neuntklässler den Mindeststandard für den Ersten Schulabschluss und rund 34 Prozent jenen für den Mittleren Schulabschluss. Betrachtet man nur die Jugendlichen, die mindestens den Mittleren Schulabschluss anstreben, so verfehlen dort etwa 24 Prozent den Mindeststandard in Mathematik, 25 Prozent in Chemie, 16 Prozent in Physik und 10 Prozent in Biologie. Diese Anteile sind gegenüber den Vorjahren um rund fünf bis neun Prozentpunkte gestiegen. Damit gilt vor allem in Mathematik und Chemie ein zu großer Teil eines Jahrgangs als unzureichend auf Ausbildung und weiterführende Bildung vorbereitet.

Was der IQB-Bildungstrend als Ursachen nennt

Als mögliche Ursachen für die schwächeren Leistungen benennt der IQB-Bildungstrend mehrere Faktoren. Eine Rolle spielen demnach die Nachwirkungen der Corona-Pandemie, da die getesteten Jugendlichen während der ersten Schulschließungen in der fünften Klasse waren. Hinzu kommen die gestiegene Vielfalt der Schülerschaft und ein enger Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und erreichten Kompetenzen. Kinder aus zugewanderten Familien schneiden im Durchschnitt weiterhin schwächer ab, doch der Leistungsrückgang betrifft ausdrücklich alle Gruppen, unabhängig von Herkunft oder Einkommen. Die Kultusministerkonferenz, die den Bildungstrend als Teil ihres Bildungsmonitorings in Auftrag gibt, dokumentiert die Befunde und Materialien auf ihren offiziellen Seiten. Fachleute warnen davor, den Rückgang allein der Bildungspolitik oder einer einzelnen Ursache zuzuschreiben.

Warum der Befund weit über die Schule hinausreicht

Die Tragweite des Befunds reicht weit über den Unterricht hinaus. Wer die schulischen Mindeststandards in Mathematik oder den Naturwissenschaften nicht erreicht, hat es später schwerer beim Übergang in Ausbildung und Beruf. Da rund ein Viertel eines Jahrgangs in diese Kategorie fällt, geht es nicht um Einzelfälle, sondern um ein strukturelles Muster. Wirtschaftlich ist das bedeutsam, weil die Zahl gut qualifizierbarer Fachkräfte in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen sinkt. Gesellschaftlich spielt es eine Rolle, weil geringere Kompetenzen die Teilhabechancen mindern und Ungleichheiten verstärken können. Die zuständige Bundesbildungsministerin sprach angesichts der Ergebnisse von einem besorgniserregenden Befund und rief Bund, Länder und Kommunen zu einer gemeinsamen Kraftanstrengung auf. Ob die Werte einen Wendepunkt markieren, hängt davon ab, welche Konsequenzen aus dem IQB-Bildungstrend gezogen werden.

Spannend & Interessant
VGWortpixel