Versunkene Landbrücke

Vor 13.000 Jahren konnte man von Sizilien nach Malta laufen

 Dennis Lenz

Vor 13.000 Jahren konnte man von Sizilien nach Malta laufen
(Symbolbild) Während der letzten Eiszeit verband eine Landbrücke Sizilien mit den Maltesischen Inseln. Heute liegt sie rund 95 Meter unter dem Meeresspiegel. Eine italienisch-maltesische Expedition hat den versunkenen Landstreifen nun kartiert und Proben vom Meeresboden entnommen. Die Daten sollen zeigen, ob die Landbrücke Tieren und Menschen als Lebensraum diente. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Während der letzten Eiszeit konnten Tiere und womöglich auch Menschen trockenen Fußes von Sizilien nach Malta gelangen. Vor rund 13.000 Jahren verschluckte das steigende Meer die Landbrücke, heute liegt sie etwa 95 Meter unter der Wasseroberfläche. Eine italienisch-maltesische Expedition hat den versunkenen Landstreifen nun erstmals im Detail vermessen. Erste Ergebnisse zeigen flache Lagunen, Riffe und Sumpfgebiete, die Menschen Nahrung geboten haben könnten.

Malta gehört heute zu den beliebtesten Urlaubszielen im Mittelmeer, doch die Frühgeschichte der Insel ist erstaunlich lückenhaft. Lange galt die Lehrmeinung, dass die ersten Menschen vor rund 7.500 Jahren als jungsteinzeitliche Bauern mit Booten übersetzten, dieselbe Gemeinschaft, die später die berühmten Megalithtempel errichtete. Funde der vergangenen Jahre haben dieses Bild erschüttert. Ein Team um die Archäologin Eleanor Scerri vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie in Jena wies nach, dass bereits Jäger und Sammler die Inseln erreichten, nach den Angaben im Fachmagazin Science vor etwa 8.900 Jahren. Sie mussten dafür eine Seestrecke von rund 100 Kilometern bewältigen. Dauerhaft besiedelt wurde Malta erst später, das viel größere Sizilien dagegen war schon vor rund 16.000 Jahren bewohnt. Scerri betont, dass über das frühe Malta mehr unbekannt als bekannt sei: Ob die bekannten Jäger und Sammler wirklich die ersten Menschen waren und wie ihre Umwelt aussah, sei weitgehend offen.

Einen Teil der Antworten vermuten Forscher mehr als 90 Meter unter dem Meer. Während der letzten Eiszeit lag der Meeresspiegel deutlich tiefer als heute, weil riesige Mengen Wasser in Gletschern gebunden waren. Zwischen dem Südosten Siziliens und dem Nordosten Maltas erstreckte sich damals eine Landbrücke. Bekannt ist dieser versunkene Landstreifen seit der Mitte des 20. Jahrhunderts, doch die damaligen Vermessungen waren zu grob für genaue Analysen. Die Expedition BRIDGES sollte das ändern, wie das Fachmagazin Science berichtet. Italienische und maltesische Forscher steuerten in einer achttägigen Fahrt das Forschungsschiff Gaia Blu des italienischen Nationalen Forschungsrats zwischen Sizilien und Malta hin und her, kartierten den Meeresboden und entnahmen Sedimentkerne. Die Fahrt endete im September in Catania auf Sizilien.

Was unter dem Meer zwischen Sizilien und Malta liegt

An der Expedition waren das Institut für Meereswissenschaften des italienischen Nationalen Forschungsrats, das Nationale Institut für Ozeanografie und angewandte Geophysik in Triest und die Universität Malta beteiligt, geleitet von Maria Filomena Loreto und Emanuele Lodolo. Mit Fächerecholoten zeichneten die Forscher hochauflösende Karten des Meeresbodens auf. Sie zeigen ein zerklüftetes Riff im Westen, schmale Rücken, Becken und Lagunen. In rund 95 Metern Tiefe stießen sie zudem auf ein Feld von Schlammvulkanen. Nach ersten Einschätzungen war die Landbrücke keine gleichförmige Ebene, sondern eine abwechslungsreiche Landschaft mit vielen flachen Bereichen. Diese dürften Lebensraum für Wassertiere geboten haben und damit auch Nahrung für Menschen. Einige sumpfige Zonen könnten zudem als natürliche Barrieren gewirkt haben. Die Auswertung der Sedimentkerne wird Monate dauern. Aus ihnen wollen die Forscher ablesen, welche Pflanzen dort wuchsen, wann das Meer die Brücke überflutete und ob sich Spuren menschlicher Anwesenheit finden.

Ein Weg, der vor 13.000 Jahren versank

Nach bisherigen Rekonstruktionen erreichte die Landbrücke ihre größte Ausdehnung während des letzten Eiszeitmaximums vor rund 20.000 Jahren. Mit dem Abschmelzen der Gletscher stieg der Meeresspiegel rasch, und vor etwa 13.000 Jahren war die Verbindung verschwunden. In den folgenden Jahrtausenden erhielten Sizilien und die Maltesischen Inseln ihre heutige Gestalt. Malta umfasst heute gerade einmal 316 Quadratkilometer. Ob Menschen die Landbrücke tatsächlich genutzt haben, ist offen. Sizilien war zu dieser Zeit bereits besiedelt, sodass Jäger und Sammler grundsätzlich hätten hinüberwandern können. Belege dafür fehlen jedoch bislang. Die Rochelle Xerri, Paläontologin am Nationalmuseum für Naturgeschichte in Malta, die nicht an dem Projekt beteiligt ist, hält eine solche Untersuchung für längst überfällig. Wie stark vulkanische und geologische Kräfte die Region bis heute prägen, zeigt auch der Ätna, der erneut Asche spuckt.

Seefahrer vor der Erfindung des Segels

Die Landbrücke ist auch deshalb interessant, weil Malta nach ihrem Untergang nur noch übers Meer erreichbar war. Frühere Studien des Teams um Scerri zeigen, dass Jäger und Sammler vor rund 8.500 Jahren regelmäßig Seestrecken von mindestens 100 Kilometern zurücklegten, lange bevor es Hinweise auf Segel gibt, wie eine im Fachjournal Nature veröffentlichte Arbeit belegt. Modellrechnungen, die im Juli im Fachjournal PNAS Nexus erschienen, ergaben zudem, dass Malta nach dem Versinken der Landbrücke nur noch sehr kleine Gruppen ernähren konnte: vor rund 13.800 Jahren höchstens etwa 319 Menschen, vor rund 9.000 Jahren nur noch etwa 144 bis 170. Solche Gruppen wären zu klein gewesen, um über lange Zeit allein zu überleben. Die Forscher schließen daraus, dass die frühen Bewohner immer wieder zwischen Malta und Sizilien hin- und herfuhren, um Kontakt zu anderen Gruppen zu halten.

Suche nach den ersten Maltesern

Die Daten der Expedition BRIDGES sollen nun helfen, die Umwelt der Landbrücke zu rekonstruieren und mögliche Aufenthaltsorte von Menschen einzugrenzen. Flache Lagunen und Küstenstreifen gelten als besonders vielversprechend, weil Jäger und Sammler dort Fisch, Muscheln und Wasservögel fanden. Sollten sich in künftigen Tauch- oder Bohrkampagnen Spuren menschlicher Anwesenheit finden, könnte die Besiedlungsgeschichte Maltas um Jahrtausende zurückreichen. Die Forscher weisen allerdings darauf hin, dass Fundstellen in solcher Tiefe schwer zu erreichen sind und Sedimente viele Spuren überdeckt haben dürften. Für Urlauber, die heute mit der Fähre von Sizilien nach Malta übersetzen, ist die Vorstellung ungewohnt: Unter dem Schiff liegt eine versunkene Landschaft, über die Tiere einst von einer Insel zur anderen zogen. Wie viel Geschichte Bauwerke der Antike über frühere Gesellschaften verraten, zeigen auch Kalkschichten im Pont du Gard.

CNR-ISMAR, OGS und Universität Malta, Expedition BRIDGES (September 2026)

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