Robert Klatt
Peking (China). Der reale Meeresspiegelanstieg in den letzten Jahrzehnten ist deutlich höher als die Wissenschaft zuvor berechnet hat. Es wurde somit deutlich, dass es neben den bereits berücksichtigten Ursachen, etwa den schmelzenden Gletschern und Eisschilden an den Polen, noch mindestens einen weiteren Faktor für den Meeresspiegelanstieg geben muss, der bisher unzureichend oder gar nicht beachtet wurde.
Forscher der Chinese Academy of Sciences (CAS) haben nun eine Studie publiziert, die erneut die für den Meeresspiegelanstieg verantwortlichen Faktoren untersucht hat. Das Ziel der Studie war es, das Meeresspiegelbudget besser berechnen zu können. Das Meeresspiegelbudget erlaubt es, auf Basis aller bekannten Faktoren zu berechnen, wie stark der Meeresspiegel in den kommenden Jahrzehnten bei unterschiedlichen Szenarien des Klimawandels zunehmen wird.
„Seit Jahren gibt es eine frustrierende Lücke zwischen der beobachteten Höhe des Meeresspiegelanstiegs und dem Anteil, den wir durch einzelne Ursachen erklären konnten. Diese Arbeit zeigt, dass diese Wissenslücke mit besseren Instrumenten, verbesserten Prozessen und intelligenteren Analysen geschlossen werden kann. Wir können den Meeresspiegelanstieg mit größerer Sicherheit erklären.“
Die Wissenschaftler haben für ihre Studie Messdaten aus dem Zeitraum von 1960 bis 2023 mit aktuellen wissenschaftlichen Schätzungen zum Meeresspiegelanstieg und seinen Ursachen verknüpft. Laut dem neuen Modell hat die Erderwärmung, die zu einer thermischen Expansion des Wassers führt, den größten Anteil am Meeresspiegelanstieg (43 %). Danach folgen das Abschmelzen der Gebirgsgletscher (27 %), des arktischen Eisschilds (15 %), des antarktischen Eisschilds (12 %) und die geringere Wasserspeicherkapazität der Landflächen (3 %).
Zudem haben die Forscher berechnet, wie schnell der Meeresspiegel zugenommen hat. Im untersuchten Zeitraum ist der durchschnittlich um zwei Millimeter pro Jahr gestiegen. Im Zeitraum von 2005 bis 2023 war die Zunahme hingegen mit rund vier Millimetern pro Jahr etwa doppelt so hoch. Den größten Anteil an dieser starken Erhöhung der Geschwindigkeit des Meeresspiegelanstiegs hat die thermische Ausdehnung des Wassers (41 %), gefolgt von der reduzierten Wasserspeicherung an Land (21 %).
Quellen:
Studie im Fachmagazin Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.aea0652