Steilküsten

Kalifornische Klippe wich in 7 Jahren mehr als ein Fußballfeld zurück

 Dennis Lenz

Kalifornische Klippe wich in 7 Jahren mehr als ein Fußballfeld zurück
(Symbolbild, KI-generiert nach einer Vorlage des USGS) Erdrutsch an der Steilküste der Lost Coast Headlands im Humboldt County in Nordkalifornien. Dort wich die Oberkante der Klippen zwischen 2016 und 2023 um mehr als 22 Meter pro Jahr zurück. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Mehr als ein Fußballfeld in sieben Jahren: So weit ist die Steilküste an den Lost Coast Headlands in Nordkalifornien zurückgewichen, wo ein gewaltiger Erdrutsch niederging. Im landesweiten Schnitt verlieren Kaliforniens Klippen dagegen nur rund vier Zentimeter pro Jahr, und an 96 Prozent der Klippen wich die Oberkante gar nicht zurück. Das zeigt der Vergleich zweier Laserscans aus dem Flugzeug von 2016 und 2023.

Rund 1650 Kilometer lang ist die Küste Kaliforniens, und nach Angaben der Universität bestehen rund 70 Prozent davon aus Steilküsten. Auf und hinter vielen dieser Klippen stehen Straßen, Häuser, Bahnstrecken und Parks. Wie schnell die Klippen zurückweichen, ist deshalb für Städte und Behörden eine drängende Frage. Die letzten landesweiten Werte waren aber schon rund zehn Jahre alt. Ein Team um den Küstengeomorphologen Danghan Xie, der die Arbeit als Postdoktorand an der Scripps Institution of Oceanography der University of California San Diego durchführte, und den Projektleiter Adam Young hat die gesamte Steilküste des Bundesstaates im Jahr 2023 ein weiteres Mal aus der Luft vermessen. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal International Journal of Applied Earth Observation and Geoinformation, die Universität stellte sie am 23. Oktober 2026 in einer Mitteilung vor.

Laserstrahlen aus dem Flugzeug tasten die Küste ab

Für die Messung flogen die Forscher mit einem Flugzeug die Küste ab, an Bord ein sogenanntes Lidar. Das Gerät sendet Laserpulse zum Boden und misst, wie lange das reflektierte Licht zurück braucht. Daraus entsteht ein dreidimensionales Höhenmodell der Landschaft, sehr genau. Vergleicht man zwei solcher Modelle aus verschiedenen Jahren, sieht man, wo Gestein abgebrochen ist und wo sich Material angesammelt hat. Das Team verglich eine landesweite Befliegung aus dem Jahr 2016 mit einer weiteren aus dem Jahr 2023.

Ein großes Problem bei solchen Messungen ist der Bewuchs. Viele Klippen in Kalifornien sind mit Büschen, Gras und Eispflanzen bedeckt. Frühere landesweite Auswertungen ließen bewachsene Klippen entweder ganz weg oder übernahmen sie unkorrigiert, obwohl Pflanzen die Messung verfälschen. Die Wissenschaftler entwickelten deshalb einen Filter, der die Pflanzen aus den Daten herausrechnet und den nackten Boden darunter freilegt. So ließen sich auch Klippen auswerten, die unter der Vegetation verborgen liegen. Der Anteil der Küste, über den sich keine Aussage treffen ließ, sank dadurch von 70 bis 90 Prozent auf weniger als 20 Prozent.

Im Schnitt nur wenige Zentimeter pro Jahr

Die durchschnittliche Klippe an Kaliforniens Küste ist 38 Meter hoch, 55 Meter breit und um 37 Grad geneigt. Im Mittel wich die Oberkante der Klippen zwischen 2016 und 2023 nur um etwa vier Zentimeter pro Jahr zurück, die Klippenwand um etwa sechs Zentimeter. Im Zeitraum 2009 bis 2016 hatte eine frühere landesweite Auswertung noch etwa sechs Zentimeter pro Jahr ergeben. Der Mittelwert ist auch deshalb so klein, weil sich an rund 96 Prozent der Klippen die Oberkante zwischen 2016 und 2023 gar nicht verschob, im Zeitraum davor waren es 92 Prozent. Irgendeine messbare Veränderung, etwa an der Klippenwand, zeigten nach Angaben der Universität dagegen rund 65 Prozent der Klippen. Ein gutes Drittel blieb in den sieben Jahren also praktisch unverändert. Die übrigen Abschnitte verloren dagegen Material, im Schnitt 2,6 Kubikmeter pro Meter Küstenlinie und Jahr.

Die Unterschiede zwischen den Regionen sind groß. Im Orange County im Süden lag der mittlere Rückgang der Oberkante unter einem Zentimeter pro Jahr. Im Humboldt County ganz im Norden waren es 16 Zentimeter pro Jahr. Höhere Klippen erodierten im Schnitt stärker als niedrige. Und nur etwa zehn Prozent des abgebrochenen Materials blieben am Fuß der Klippen liegen. Der Rest wurde vom Meer abtransportiert.

An den Brennpunkten bricht die Küste dramatisch ab

Hinter den Durchschnittswerten verbergen sich einige Brennpunkte. Am stärksten betroffen sind die Lost Coast Headlands im Humboldt County in Nordkalifornien. Dort wich die Oberkante der Klippen um mehr als 22 Meter pro Jahr zurück, über die sieben Jahre also um mehr als die Länge eines Fußballfelds. Grund dafür war vor allem ein einzelner großer Erdrutsch, der rund eine Million Kubikmeter Gestein und Erde bewegte. Der Wert ist damit ein Extrem und kein Tempo, mit dem die ganze Küste schwindet. An einigen Stellen gingen mehr als 1150 Kubikmeter Material pro Meter Küste und Jahr verloren. Nach Angaben der Forscher entspricht das an solchen Brennpunkten mehr als 800 Lastwagenladungen pro knapp einem Meter Küstenlinie.

Die nächsten Brennpunkte liegen deutlich darunter. An der King Range im Humboldt County und an der Point Reyes National Seashore nördlich von San Francisco wich die Oberkante laut Studie um mehr als zehn Meter pro Jahr zurück. Rückgänge von mehr als drei Metern pro Jahr meldet die Universität außerdem aus dem Redwood-Nationalpark im Norden, aus Big Sur und von Martins Beach an der Zentralküste. Im Süden gehören die Küste bei der Vandenberg Space Force Base, der El Capitan State Beach bei Santa Barbara und die Halbinsel Palos Verdes bei Los Angeles dazu. Auf Palos Verdes rutschen seit Jahren Hänge mit Wohnhäusern langsam ab.

„Gut 21 Meter pro Jahr sind eine Menge. Über die sieben Jahre der Studie ist das mehr als die Länge eines Fußballfelds“, sagt Young. Geformt werden die Klippen vor allem von Regen, der das Gestein durchnässt, und von Wellen, die ihren Fuß unterspülen. Oft passiert an einer Stelle jahrelang wenig, dann bricht plötzlich ein großes Stück ab. „Die Klippen sind nicht stabil. Sie erodieren und stürzen mit der Zeit ein“, sagt Xie. „Das ist unvorhersehbar und eine erhebliche Gefahr für die Menschen an der Küste.“ Auch Erdrutsche spielen eine große Rolle, vor allem im Norden, wo das Gestein oft weich und stark zerklüftet ist.

Ein starker El Niño könnte die Küste weiter angreifen

Für den kommenden Winter erwarten Klimaforscher ein starkes El-Niño-Ereignis. Dabei erwärmt sich der östliche Pazifik, und an der Küste Kaliforniens kommt es oft zu schweren Stürmen, hohen Wellen und starken Regenfällen. Frühere El-Niño-Winter haben an vielen Stellen große Teile der Küste abbrechen lassen. Die Forscher wollen die Veränderungen in diesem Winter deshalb genau verfolgen. Das Programm sammelt inzwischen zweimal im Jahr Lidar-Daten entlang der ganzen Küste. Langfristig erhöht auch der steigende Meeresspiegel die Gefahr, weil die Wellen den Fuß der Klippen öfter erreichen. Wie stark der Anstieg regional ausfallen kann, zeigt eine Studie, nach der der Meeresspiegel regional deutlich stärker steigt als im weltweiten Mittel.

Die Daten sind über eine öffentliche Online-Karte, den Cliff Erosion Viewer, für jeden zugänglich. Städte, Planer und Anwohner können dort nachsehen, wie schnell die Küste vor ihrer Haustür zurückweicht. Die Finanzierung des Messprogramms läuft allerdings 2027 aus. Ohne weitere Messflüge ließe sich kaum noch verfolgen, wie sich die Klippen nach dem nächsten Sturmwinter verändern.

Auch anderswo verliert die Küste an Land

Kalifornien ist kein Einzelfall. Steilküsten weichen überall auf der Welt zurück, auch in Deutschland, etwa an der Kreideküste von Rügen oder am Roten Kliff auf Sylt. Dort brechen ebenfalls immer wieder große Stücke ab, oft nach Stürmen oder Frost. An vielen flachen Küsten wiederum sinkt das Land sogar ab, wie eine Untersuchung zeigt, nach der viele Küstenstädte schneller versinken als das Meer steigt. Die US-Westküste ist zudem durch Erdbeben bedroht, die ebenfalls Hänge ins Rutschen bringen können. Forscher halten es für möglich, dass dort zwei Erdbebenzonen direkt nacheinander brechen.

Die Vermessung von 2023 liefert ein aktuelles Bild davon, wo Kaliforniens Steilküste besonders schnell verschwindet. Sie zeigt aber auch, dass solche Werte über wenige Jahre schwanken. Ein einziger großer Abbruch kann die Rate an einer Stelle stark nach oben treiben. Erst wiederholte Messungen über viele Jahre zeigen, wo die Küste dauerhaft auf dem Rückzug ist.

Scripps Institution of Oceanography, UC San Diego, International Journal of Applied Earth Observation and Geoinformation, Improved understanding of California coastal cliff morphodynamics using airborne lidar and vegetation filtering (2016–2023); doi:10.1016/j.jag.2026.105433

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