Jakarta

Küstenstädte versinken schneller als das Meer steigt

 Dennis Lenz

Küstenstädte versinken schneller als das Meer steigt
(Symbolbild) In vielen Küstenstädten steigt das Wasser relativ zum Land deutlich schneller, als es der klimabedingte Anstieg der Ozeane allein erklären würde. Der Grund liegt im Untergrund, der unter Metropolen wie Jakarta oder Bangkok großflächig nachgibt. Eine geodätische Analyse beziffert nun erstmals weltweit, wie stark Bewohner dicht besiedelter Küsten davon betroffen sind. Die Daten zeigen zugleich, wo sich das Absinken wirksam bremsen lässt. (Foto: © Forschung und Wissen)

Der steigende Meeresspiegel gilt als eine der größten Folgen des Klimawandels, doch für viele Küstenstädte ist er nur die halbe Wahrheit. Eine Analyse der Technischen Universität München und der Tulane University zeigt, dass der Boden unter dicht besiedelten Küstenregionen vielerorts schneller absinkt, als das Wasser steigt. Die Bewohner erleben dort im Schnitt einen relativen Anstieg von rund 6 Millimetern pro Jahr. Warum das so ist und welche Stadt das Problem bereits gelöst hat, offenbart der Blick in den Untergrund.

Mehr als eine halbe Milliarde Menschen lebt weltweit in tief liegenden Küstenzonen, von den Deltas Südostasiens über die Golfküste der USA bis zu den Niederlanden. Für sie ist der Meeresspiegel keine abstrakte Größe, sondern entscheidet über Sturmflutrisiken, Trinkwasserqualität und die Zukunft ganzer Küstenstädte. Durch die Erwärmung der Ozeane und das Abschmelzen der Eisschilde steigt das Wasser derzeit global um etwa 3,15 Millimeter pro Jahr, wobei Klimaphänomene wie ein starker El Niño die Pegel regional zusätzlich verschieben können. Entscheidend für die Menschen vor Ort ist jedoch nicht der absolute, sondern der relative Anstieg, also die Differenz zwischen Wasserstand und Landoberfläche. Und genau diese Landoberfläche ist an vielen Küsten alles andere als stabil.

Landabsenkung, in der Fachsprache Subsidenz genannt, hat viele Ursachen. Werden große Mengen Grundwasser aus dem Untergrund gepumpt, verlieren die wasserführenden Schichten ihren Innendruck und sacken zusammen. Ähnlich wirken die Förderung von Öl und Gas sowie das natürliche Verdichten junger Flusssedimente, auf denen viele Deltastädte errichtet wurden. Hinzu kommt das schiere Gewicht rasch wachsender Metropolen, deren Hochhäuser und Verkehrsbauten den weichen Boden zusätzlich zusammenpressen. Auch langfristige geologische Prozesse wie die Plattentektonik und die Nachwirkungen der letzten Eiszeit spielen mit hinein. Weil all diese Faktoren gleichzeitig wirken, war bislang unklar, wie stark die Küstenbevölkerung weltweit tatsächlich betroffen ist. Genau diese Lücke wollten die Geodäten aus München und New Orleans mit einem globalen Datensatz schließen.

Sechs Millimeter pro Jahr statt drei

Das Team um Julius Oelsmann vom Deutschen Geodätischen Forschungsinstitut der TUM kombinierte dafür Satellitendaten aus Radarmessungen mit Pegelaufzeichnungen und GPS-Stationen entlang der Küsten aller Kontinente, sodass die vertikale Landbewegung erstmals für fast zwei Drittel der Küstenbevölkerung erfasst ist. Wie die Forscher in der Fachzeitschrift Nature Communications und in einer Mitteilung der Technischen Universität München berichten, erleben Bewohner dicht besiedelter Küstenregionen im Mittel einen relativen Anstieg von rund 6 Millimetern pro Jahr. Das ist fast das Dreifache des küstengewichteten globalen Durchschnitts von 2,1 Millimetern und knapp das Doppelte des rein klimabedingten Anstiegs. Insgesamt leben 71 Prozent der Küstenbevölkerung auf absinkendem Land. Der nachgebende Boden verschärft die Lage dort also ungefähr so stark wie der Klimawandel selbst.

Wo Küstenstädte am schnellsten versinken

Die regionalen Unterschiede zwischen den Küstenstädten sind gewaltig. Die höchsten Belastungen errechneten die Forscher für Thailand, Bangladesch, Nigeria, Ägypten, China und Indonesien, wo der bevölkerungsgewichtete relative Anstieg zwischen 7 und 10 Millimetern pro Jahr liegt. Besonders betroffen sind Deltastädte wie Jakarta, Bangkok und Manila, in denen vor allem die massive Entnahme von Grundwasser den Untergrund absacken lässt, örtlich noch deutlich schneller als im Landesmittel. Aber auch Industrienationen bleiben nicht verschont: Für die USA, die Niederlande und Italien weisen die Daten erhöhte Werte von 4 bis 5 Millimetern pro Jahr aus. Nur wenige Regionen profitieren von einer Gegenbewegung, etwa Schweden und Finnland, wo sich die Landmasse seit der letzten Eiszeit weiter hebt und das Wasser relativ gesehen sogar fällt. Möglich werden solche Karten durch immer feinere Messtechnik, zu der neben Satelliten inzwischen auch ungewöhnliche Netze wie 8151 Smartphone-Sensoren unter Neapels Supervulkan gehören.

Tokio zeigt den Ausweg

Die vielleicht wichtigste Botschaft der Analyse lautet: Landabsenkung ist kein unabwendbares Schicksal. In Tokio sackte der Boden Mitte des 20. Jahrhunderts um mehr als 10 Zentimeter pro Jahr ab, in besonders betroffenen Vierteln zeitweise um bis zu 24 Zentimeter. Nachdem die Behörden die Grundwasserentnahme streng reglementiert hatten, kam das Absinken weitgehend zum Stillstand. Auch der Großraum Houston in Texas bremste die Entwicklung durch konsequentes Wassermanagement deutlich. Die Autoren folgern daraus, dass lokale Entscheidungen über Wasserwirtschaft und Bauplanung einen erheblichen Unterschied machen: Wo Grundwasserspeicher gezielt wieder aufgefüllt und Entnahmen begrenzt werden, lassen sich Absenkraten verlangsamen oder nahezu stoppen. Für Millionen Menschen in Küstenstädten könnte das über künftige Überschwemmungen entscheiden, lange bevor der Klimawandel seinen vollen Effekt entfaltet. Deiche und Schutzbauten müssen sich nach Ansicht der Forscher daher immer am relativen Anstieg orientieren und nicht allein an den Ozeandaten.

Nature Communications, Subsidence more than doubles sea-level rise today along densely populated coasts; doi:10.1038/s41467-026-72293-z

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