Verwitterung im Tuff

Felsnadel bei Göreme bricht nach Starkregen zusammen

 Dennis Lenz

Felsnadel bei Göreme bricht nach Starkregen zusammen
(Symbolbild, KI-generiert) Die Felsnadel in Kappadokien besteht aus vulkanischem Tuff, der durch Wasser, Frost und Klüfte langsam geschwächt wird. Ein härterer Deckstein schützt viele Feenkamine lange vor schneller Abtragung. Nach intensiver Nässe kann Wasser in Risse eindringen und die Stabilität einzelner Felspartien stark verringern. Der Einsturz bei Göreme zeigt, wie unmittelbar die fortlaufende Erosion in der berühmten Vulkanlandschaft sichtbar werden kann. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Eine Felsnadel stürzte bei Göreme nach Starkregen ein und tötete 3 Menschen. Weitere Besucher wurden verletzt, als große Gesteinsbrocken am Eingang des Freilichtmuseums herabfielen. Der Unfall trifft eine Landschaft, deren berühmte Feenkamine gerade durch langsame Erosion entstanden sind. Entscheidend ist nun, warum aus einem geologischen Prozess innerhalb kurzer Zeit ein tödlicher Felssturz wurde.

Nahe dem Göreme-Freilichtmuseum in Kappadokien lösten sich nach heftigen Regenfällen große Teile einer markanten Felsformation und stürzten auf den Bereich unterhalb des Hanges. Die Staatsanwaltschaft von Nevşehir bestätigte später 5 Verletzte und setzte für die Untersuchung ein Gutachterteam ein. Justizminister Akın Gürlek erklärte, dass Ermittler den Ablauf und mögliche Verantwortlichkeiten klären sollen. Die offizielle Mitteilung der Staatsanwaltschaft Nevşehir nennt den Parkplatz am Eingang des Museums als Ort des Unglücks.

Aufnahmen vom Einsatz zeigen nassen Boden, helle abgebrochene Tuffblöcke und schwere Räumtechnik zwischen den charakteristischen Felstürmen. Genau diese Kombination macht das Ereignis geologisch nachvollziehbar: Kappadokiens Feenkamine bestehen aus unterschiedlich widerstandsfähigen vulkanischen Ablagerungen, die von Wasser und Temperaturwechseln ständig weiter zerlegt werden. Vergleichbare Formen entstehen auch in anderen Tufflandschaften, etwa bei den Felstürmen aus Tuff in Arizona, doch in Göreme kommt die jahrhundertelange Nutzung der Felsen durch Menschen hinzu.

Göreme liegt auf mächtigen Ignimbritdecken

Die Landschaft um Nevşehir, Ürgüp und Avanos entstand aus gewaltigen vulkanischen Ablagerungen, die während mehrerer Ausbruchsphasen über Zentralanatolien verteilt wurden. Ein großer Teil besteht aus Ignimbrit, also verfestigtem Material heißer pyroklastischer Ströme, das später zu relativ weichem Tuff verwitterte. Geologen datieren den Beginn der prägenden Ablagerungen auf ungefähr 10 Millionen Jahre vor heute; das vulkanisch geformte Gebiet umfasst etwa 20.000 Quadratkilometer. Wind, Regenwasser und Frost schnitten Täler in diese Schichten und ließen isolierte Säulen stehen.

Viele Feenkamine tragen oben eine härtere Gesteinsplatte, die den darunterliegenden weicheren Körper gegen direkten Niederschlag schützt. Sobald sich dieser Deckstein lockert oder verloren geht, kann die Erosion deutlich schneller in den schmaleren Schaft eingreifen. Die UNESCO beschreibt Göreme als Vulkanlandschaft, die vollständig durch Erosion modelliert wurde und sich weiterhin verändert. Kirchen, Wohnungen und ganze Siedlungsräume wurden später in den weichen Fels geschlagen, wodurch Geologie und Kulturgeschichte heute unmittelbar ineinandergreifen.

Kappadokiens Tuff verliert bei Nässe an Festigkeit

Untersuchungen des Tuffs aus Göreme zeigen, dass das Gestein sehr porös ist und viel Wasser aufnehmen kann. Ingenieurgeologen fanden zudem zwei dominante Kluftsysteme, die nicht nur die Ausbildung einzelner Felssäulen beeinflussen, sondern auch deren strukturelle Stabilität bestimmen. Feuchtigkeit senkt die Festigkeit des Materials zusätzlich, weil Wasser in Poren und Risse eindringt und dort Bindungen schwächt. Bei anhaltendem Regen steigt deshalb die Belastung besonders an Stellen, an denen Klüfte bereits tief in die Felsnadel reichen.

Ein Felssturz braucht dabei keinen einzigen klaren Auslöser, der über Jahre sichtbar gewesen sein muss. Wasser kann einen vorhandenen Riss verbreitern, loses Material ausspülen oder den Untergrund am Fuß einer Säule sättigen, während das Eigengewicht des oberen Felsblocks unverändert bleibt. Starke Niederschläge erhöhen so den Druck in einem System, das durch natürliche Verwitterung ohnehin langsam an Stabilität verliert. Die lokale Verwaltung führte das aktuelle Ereignis auf einen durch intensiven Regen ausgelösten Hangrutsch zurück; die genaue Bruchmechanik müssen die Gutachter am beschädigten Fels klären.

Kappadokien verliert nach dem Deckstein schneller Material

Wie stark sich der Erosionsschutz eines Decksteins auswirkt, lässt sich in Kappadokien direkt messen. Mehmet Akif Sarıkaya, Attila Çiner und Marek Zreda bestimmten mit kosmogenem Chlor-36, wie schnell unterschiedlich entwickelte Oberflächen abgetragen werden. Auf weitgehend intakten Plateaus lagen die Raten bei nur 0,58 bis 0,93 Zentimetern pro tausend Jahre. Sobald die Zerschneidung eines Plateaus begann, stieg der Wert auf etwa 4,5 Zentimeter, während die Kappen isolierter Feenkamine bei etwas mehr als 3 Zentimetern lagen.

Nach dem vollständigen Verlust einer Felsnadel beschleunigte sich die Abtragung im untersuchten Material auf rund 28 Zentimeter pro tausend Jahre. Diese Werte beschreiben langfristige Mittel und lassen sich nicht direkt auf einen einzelnen Einsturz übertragen, doch sie zeigen den Mechanismus hinter der Landschaft sehr deutlich. Eine scheinbar stabile Säule ist Teil eines laufenden Umbauprozesses, bei dem härtere und weichere Schichten unterschiedlich schnell verschwinden. Ähnliche Wechsel zwischen langsamer Abtragung und plötzlich sichtbarem Rückzug kennt die Geologie auch von Küsten, etwa bei einer rasch zurückweichenden Klippe in Kalifornien.

UNESCO schützt eine Landschaft die weiter zerfällt

Göreme gehört zum UNESCO-Welterbe, weil die natürlichen Felstürme und die in sie geschlagenen Bauwerke gemeinsam eine außergewöhnliche Kulturlandschaft bilden. Der Schutzstatus friert die Geologie jedoch nicht ein. Die Welterbeorganisation weist ausdrücklich darauf hin, dass die erosiven Prozesse weiterhin neue Formen schaffen und bestehende Säulen zerstören können. Auch Erdbeben haben in der Region bereits einzelne Kegel und Pfeiler beschädigt, während touristische Nutzung zusätzliche Belastungen an empfindlichen Stellen erzeugen kann.

Für den Alltag vor Ort entsteht daraus ein schwieriger Spagat. Besucher bewegen sich dicht an natürlichen Steilwänden, Felskirchen und ausgewitterten Säulen entlang, die teilweise seit Jahrhunderten genutzt werden. Geologen und Denkmalpfleger müssen deshalb nicht nur historische Oberflächen erhalten, sondern auch Risse, Feuchte und Materialverlust beobachten. Ein heller frischer Bruch ist dabei etwas anderes als die dunkel verwitterte Außenhaut: Er zeigt, wo Gestein gerade erst abgesprengt wurde und welche inneren Schichten zuvor vor Wetter geschützt waren.

Göreme lässt Gutachter den Bruch untersuchen

Nach dem Einsturz begann die Staatsanwaltschaft eine technische Untersuchung des Unfallorts und ließ Fachleute den Bruchbereich begutachten. Für die Geologen sind mehrere Spuren besonders aussagekräftig: die Orientierung der Rissflächen, wasserführende Klüfte, frische Abbruchkanten, gelockertes Material am Fuß und die Frage, ob sich ein größerer Hangabschnitt gemeinsam bewegt hat. Aus solchen Merkmalen lässt sich rekonstruieren, ob zuerst ein Deckblock brach, der Schaft versagte oder ein kleiner Hangrutsch die Säule seitlich destabilisierte.

Parallel bleibt die Niederschlagsgeschichte wichtig, weil kurzfristig sehr viel Wasser andere Prozesse auslösen kann als ein gleichmäßiger Regen über längere Zeit. Feuchter Tuff fühlt sich schwerer und weicher an, während Wasser in feinen Poren nur langsam wieder verschwindet. Messungen nach dem Ereignis können deshalb zeigen, welche Bereiche besonders lange gesättigt bleiben und wo neue Risse entstanden sind. Für Besucher sichtbare Absperrungen wären dabei nur der letzte Schritt einer geologischen Bewertung, die im Fels selbst beginnt.

Die nächste belastbare Information wird aus dem Gutachten zum konkreten Bruch kommen. Es muss klären, welche Kluft den versagenden Block begrenzte, ob Wasser am Fuß Material ausräumte und wie weit angrenzende Felspartien ebenfalls geschwächt sind. Erst diese Kartierung kann zeigen, ob der Einsturz ein lokal begrenzter Bruch blieb oder weitere Bereiche am Zugang des Freilichtmuseums technisch überwacht werden müssen.

Nevşehir Cumhuriyet Başsavcılığı, Nevşehir Cumhuriyet Başsavcılığı Basın Açıklaması

Geomorphology, Fairy chimney erosion rates on Cappadocia ignimbrites, Turkey: Insights from cosmogenic nuclides; doi:10.1016/j.geomorph.2014.12.039

Engineering Geology, Engineering geological properties and durability assessment of the Cappadocian tuff; doi:10.1016/S0013-7952(97)00017-3

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