Negative Schaltsekunde?

Erdrotation wird schneller

Robert Klatt

Die Erdrotation wird seit einigen Jahren schneller. Dies könnte im Jahr 2021 erstmals eine negative Schaltsekunde auslösen.

Paris (Frankreich). Die Erde benötigt etwa 86.400 Sekunden für eine Umdrehung. Die Gezeiten zwischen Erde und Mond, Bewegungen im Erdkern und Ereignisse wie Erdbeben, extremes Wetter und die Eisschmelze können die Rotation des Planeten und damit die Tagesdauer aber beeinflussen. Die Tage auf der Erde sind seit der Zeit der Dinosaurier deshalb rund 30 Minuten länger geworden.

Diese Entwicklung hielt bis ins Jahr 2016 an. Danach hat der Internationale Dienst für Erdrotation und Referenzsysteme (IERS) keine Schaltsekunde mehr angeordnet, die zuvor nötig war, um die Zeitmessung an die langsamer werdende Erdrotation anzugleichen. Auch für das Jahr 2021 wurde laut dem IERS bisher keine Schaltsekunde geplant.

Kürzester Tag der Messgeschichte am 19. Juli 2020

Messungen belegen, dass die Rotation unseres Planeten seit 2016 wieder schneller wird. Dies wird über Fixpunkte im Weltraum, meist Quasare, ermittelt. Die so gemessene astronomische Tageslänge wird dann mit den Werten der Atomuhren verglichen, die die Weltzeit vorgeben. Es kann so berechnet werden, ob Abweichungen zwischen der Weltzeit und der astronomischen Tageslänge existieren, die durch eine Schaltsekunde ausgeglichen werden müssen.

Besonders schnell war die Rotation der Erde laut diesen Messungen im Jahr 2020. Der bisherige Rekord vom 5. Juli 2005 lag 1,0516 Millisekunden unterhalb des Standardwerts von 86.400 Sekunden. Am 19. Juli 2020 wurde der Standardwert um 1,46 Millisekunden unterboten. Auch 27 andere Tage lagen im Jahr 2020 laut den Wissenschaftlern des IERS deutlich unterhalb des Standardwerts.

2021 wird noch kürzer

Laut den Prognosen des IERS wird die Rotationsgeschwindigkeit der Erde im laufenden Jahr weiter zunehmen. Im Mittel wird ein Tag des Jahres 2021 deshalb etwa 0,05 Millisekunden unterhalb des Richtwerts von 86.400 Sekunden liegen. Im Jahresverlauf bedeutet dies, dass die Erdzeit rund 19 Millisekunden vorgeht. 2021 wäre damit das kürzeste Jahr seit Jahrzehnten und das erste Jahr seit 1937 dessen Tageslänge im Jahresmittelwert den Standardwert unterschreitet.

Welche Ursachen die Rotationsgeschwindigkeit der Erde seit 2016 steigen lassen, konnte die Forschung bisher nicht herausfinden. Als wahrscheinlich gelten geodynamische Prozesse an der Grenze von Erdmantel und Erdkern. Es wäre aber auch möglich, dass die Umdrehung der Erde durch indirekte Klimaeffekte schneller werden. Die Eisschmelze in den Polarregionen führt beispielsweise zu einer veränderten Massenverteilung des Planeten und beeinflusst damit auch die Rotation.

Negative Schaltsekunde?

Sollte die Geschwindigkeit der Erdrotation weiter zunehmen, könnte schon bald erstmals eine negative Schaltsekunde zur Angleichung der Weltzeit an die astronomische Tageslänge nötig werden. Dabei würden in der Silvesternacht die Uhren eine Sekunde überspringen und von 23:59:58 direkt auf 00.00 Uhr springen. Seit der Einführung der Schaltsekunden im Jahr 1972 gab es bisher 27 positive Schaltsekunden, aber bisher keine negative Schaltsekunde.

Spannend & Interessant
VGWortpixel