Schaltbare Kühlung

Smartfenster bildet unter Strom Silber und kühlt bis zu 7 Grad

 Dennis Lenz

Smartfenster bildet unter Strom Silber und kühlt bis zu 7 Grad
(Symbolbild) Das Smartfenster nutzt eine reversible Silberschicht, um Sonnenstrahlung je nach Schaltzustand stärker zu reflektieren. Seine äußere Beschichtung unterstützt zugleich die radiative Kühlung, indem Wärme im mittleren Infrarot abgegeben wird. Der Laboransatz verbindet damit elektrochemische Metallabscheidung, strukturelle Farbe und Wärmemanagement in einer Scheibe. Für reale Gebäude müssen Haltbarkeit, Größe und Einbaurichtung noch geprüft werden. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Ein neues Smartfenster kann unter angelegter Spannung eine reflektierende Silberschicht aufbauen und sie beim Umpolen wieder entfernen. In Außenversuchen blieb ein damit abgedeckter Testkörper zeitweise bis zu 7 Grad kühler als mit gewöhnlichem Quarzglas. Gleichzeitig kann die Scheibe zwischen einem durchsichtigen, farbigen Zustand und einer stark reflektierenden, blickdichten Fläche wechseln. Der ungewöhnliche Trick steckt in einer Kombination aus elektrochemischer Metallabscheidung und einer Beschichtung, die Wärmestrahlung nach außen abgibt.

Auf einem Versuchsstand in Shanghai legte das Team um Jingjing Mao und Boxiang Wang kleine Fensterproben über abgeschlossene Testkörper und setzte sie direkter Sonne aus. Die aktive Scheibe wirkt je nach Aufbau hellgelb, blass cyanfarben, grauviolett oder rosarot; unter Spannung wächst auf einer inneren Grenzfläche eine spiegelnde Metallschicht. Dieser sichtbare Wechsel ist mehr als ein Farbeffekt, denn die Forscher koppeln ihn mit einer Oberfläche, die Wärme besonders gut als mittlere Infrarotstrahlung an die Umgebung abgeben kann. Damit verbindet der Prototyp zwei Funktionen, die bei bisherigen Smartgläsern oft getrennt behandelt werden: einstellbaren Sonnenschutz und passive radiative Kühlung.

Die in Nano Letters veröffentlichte Arbeit beschreibt dafür einen mehrschichtigen Aufbau aus transparenten leitfähigen Schichten, optisch wirksamen Nanokavitäten, Elektrolyt und einer äußeren Silikonlage. Das Silber sitzt nicht dauerhaft als feste Spiegelfolie im Glas, sondern wird elektrochemisch aus dem Elektrolyten abgeschieden und bei umgekehrter Polarität wieder gelöst. Weil dieser Vorgang reversibel ist, kann dieselbe Probe zwischen einem lichtdurchlässigen Zustand für Tageslicht und einem stark reflektierenden Zustand für intensive Sonneneinstrahlung wechseln. Die Technik ähnelt damit in ihrer Steueridee einem elektrochromen Smartglas, nutzt für die optische Umschaltung aber eine ganz andere Chemie.

Shanghai-Test koppelt Farbe und Wärmeschutz

Für einen getesteten Aufbau sank die mittlere Durchlässigkeit für sichtbares Licht von rund 44 Prozent im transparenten Zustand auf weniger als 5 Prozent nach der Metallabscheidung. Gleichzeitig stieg die Reflexion im nahen Infrarot von ungefähr 54 auf 83 Prozent, also genau in dem Spektralbereich, der viel Sonnenenergie transportiert, aber nicht zur Helligkeit eines Raums beiträgt. Die Silikonbeschichtung an der Außenseite erfüllt eine zweite Aufgabe: Sie besitzt eine hohe Emissivität im mittleren Infrarot, sodass erwärmte Oberflächen Energie als Wärmestrahlung abgeben können. Das Fenster arbeitet daher nicht nur wie eine variable Sonnenblende, sondern verändert zugleich den Weg, auf dem Wärme das System wieder verlässt.

Chemisch verhält sich das System wie eine schaltbare Metalloberfläche: Elektronenfluss und Ionenbewegung bestimmen, ob Silber an der Elektrode wächst oder zurück in den Elektrolyten geht. Damit unterscheidet sich die Elektrochromie von Materialien, deren Molekülstruktur beim Schalten lediglich ihre Lichtabsorption ändert. Eine metallische Reflexionsfläche lenkt einen Teil der eintreffenden Strahlung unmittelbar zurück, statt diese Energie erst im Glas aufzunehmen und anschließend als Wärme abzugeben. Gerade diese Trennung zwischen reflektiertem Sonnenlicht und abgeführter Wärmestrahlung macht den Aufbau physikalisch interessant, weil beide Prozesse in unterschiedlichen Spektralbereichen arbeiten.

Fabry-Pérot-Schichten erzeugen mehrere sichtbare Farbtöne

Die Farbtöne entstehen durch optische Interferenz in dünnen Schichten, deren Abstände und Brechungsindizes bestimmte Wellenlängen verstärken und andere auslöschen. Solche Fabry-Pérot-Resonanzen lassen sich über die Schichtdicken so einstellen, dass verschiedene Proben unterschiedliche Grundfarben annehmen, ohne dafür klassische Farbstoffe zu benötigen. Wenn sich Silber abscheidet, verändert sich zugleich die optische Randbedingung dieser Nanokavitäten, wodurch der reflektierte Farbeindruck mit dem Schaltzustand wechselt. Laut Studie deckt die Familie der hergestellten Varianten 99,5 Prozent des sRGB-Farbraums ab; das beschreibt die Vielfalt verschiedener Proben und bedeutet nicht, dass eine einzelne Scheibe beliebig jede Farbe anzeigen kann.

350 Schaltzyklen prüfen die reversible Silberschicht

Wiederholt ließen die Autoren die Metallabscheidung und das anschließende Ablösen ablaufen und beobachteten dabei nur geringe Veränderungen der gemessenen Reflexion. Dieser Test belegt, dass die elektrochemische Umschaltung im Labormaßstab mehrfach funktioniert, ersetzt aber keine Langzeitprüfung über Jahre mit Frost, Feuchtigkeit, Staub, UV-Strahlung und mechanischer Belastung. Auch die Elektrolytversiegelung wird für reale Fenster entscheidend, weil ein großflächiges Bauteil dicht bleiben und an jedem Punkt möglichst gleichmäßig schalten muss. Andere Konzepte, etwa ein bereits untersuchtes Dualband-Fenster mit W18O49-Nanodrähten, zeigen ebenfalls, wie stark Haltbarkeit und Skalierung den Schritt vom Labormuster zum Bauteil bestimmen.

Shanghai-Modellhaus trennt transparenten und opaken Zustand

Neben dem Außenversuch nutzte das Team ein kleines Modellhaus unter simulierter Sonneneinstrahlung, um beide Schaltzustände direkt gegeneinander zu prüfen. Im transparenten Zustand lag die Innenluft im Mittel etwa 4,3 Grad unter der Vergleichsbox mit Quarzglas; nach dem Aufbau der reflektierenden Metallschicht wuchs dieser Unterschied auf rund 5,9 Grad. Die Messung ist für die Funktionsprüfung aussagekräftig, weil sie die optischen Eigenschaften mit einer realen Temperaturreaktion koppelt. Auf ein bewohntes Gebäude lässt sich der Wert trotzdem nicht direkt übertragen, denn Raumvolumen, Dämmung, Luftaustausch, Fensterfläche, Sonnenstand und Klimaanlage verändern die Energiebilanz erheblich.

Himmelsrichtung entscheidet über die radiative Kühlung

Die äußere Wärmestrahlungs-Schicht ist besonders für Flächen gedacht, die einen freien Blick zum Himmel besitzen, weil ihre Infrarotstrahlung dann effizient durch das atmosphärische Fenster entweichen kann. Dachfenster und Oberlichter passen deshalb besser zum jetzigen Aufbau als eine beliebig ausgerichtete senkrechte Fassade, die einen großen Teil ihrer Strahlung auf Nachbargebäude oder den Boden richtet. Für vertikale Scheiben schlagen die Autoren veränderte Oberflächen vor, die austretende Wärmestrahlung stärker in Richtung Himmel lenken. Damit hängt die spätere Leistung nicht nur von der Chemie der Silberschicht ab, sondern ebenso von Einbauwinkel, Umgebung und optischem Design.

Für eine große Scheibe entsteht daraus eine anspruchsvolle Materialaufgabe: Der Elektrolyt muss Silberionen überall ähnlich schnell bereitstellen, während die leitfähigen Flächen den Strom ohne starke Spannungsunterschiede verteilen. Schon kleine lokale Abweichungen könnten sich als unterschiedlich helle Bereiche bemerkbar machen, weil die optische Wirkung direkt von der abgeschiedenen Metallschicht abhängt. Hinzu kommt, dass Fenster im Alltag viele Stunden in einem Zwischenzustand stehen können, statt nur vollständig klar oder vollständig spiegelnd zu sein. Künftige Versuche müssen daher nicht nur Endpunkte vergleichen, sondern auch prüfen, wie stabil solche partiellen Schaltzustände unter wechselnder Sonneneinstrahlung bleiben.

Nano Letters lässt wichtige Praxisfragen offen

Für den nächsten Entwicklungsschritt müssen größere Scheiben zeigen, ob die Silberabscheidung über eine weite Fläche gleichmäßig beginnt und ohne sichtbare Flecken wieder verschwindet. Auch Schaltgeschwindigkeit, Materialkosten, elektrische Anschlüsse, Brandschutz und die Verträglichkeit des Elektrolyten mit Randverbünden sind für ein echtes Bauelement noch zu klären. Die Studie nennt zudem keine Langzeitdaten aus bewohnten Gebäuden; bisher stammen die Temperaturergebnisse aus kleinen experimentellen Aufbauten. Gerade diese offene Skalierungsfrage entscheidet, ob aus dem farbig schimmernden Laborfenster später ein robustes Oberlicht wird, das Licht, Privatsphäre und Wärmeeintrag mit demselben elektrochemischen Prozess steuert.

Nano Letters, Adaptive and Multicolored Electrochromic Smart Window with Transparent–Opaque Switchable Radiative Cooling; doi:10.1021/acs.nanolett.6c03931

Mit KI-Unterstützung erstellt

Keine Neuigkeit aus der Forschung verpassen

Wählen Sie Forschung und Wissen bei Google als bevorzugte Quelle oder folgen Sie uns per RSS-Feed.

 Bevorzugte Quelle bei Google  RSS-Feed
Spannend & Interessant
VGWortpixel