Im Archiv einer Klosterapotheke in Florenz ist ein vergilbter Werbezettel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgetaucht. Beworben wird darin ein stärkendes Weinelixier aus bolivianischen Kokablättern und afrikanischen Kolanüssen, also genau jene Kombination, die wenige Jahrzehnte später am Anfang der Coca-Cola stand. Dreißig Gramm Kolanüsse und zehn Gramm Kokablätter kamen dafür auf einen Liter alkoholischer Mischung. Der Fund verschiebt die Frage, wie weit die Vorgeschichte des heute weltweit verkauften Erfrischungsgetränks tatsächlich zurückreicht.
Klosterapotheken gehörten über Jahrhunderte zu den wichtigsten Orten der europäischen Arzneimittelherstellung. In ihnen wurden Heilpflanzen getrocknet, zerkleinert, in Wasser, Öl oder Alkohol ausgezogen und zu Salben, Sirupen und Elixieren verarbeitet. Die Antica Farmacia di San Marco in Florenz entstand nach Angaben des Konvents bereits 1436 und versorgte die Bevölkerung der Stadt über Generationen mit Kräuterzubereitungen, Essenzen und parfümierten Wässern. Genau aus diesem Bestand stammt das Dokument, das die Vorgeschichte der Coca-Cola nun um eine ungewöhnliche Fußnote erweitert. Die Dominikaner führten dabei ein Sortiment, das nicht nur heimische Kräuter umfasste, sondern auch importierte pflanzliche Rohstoffe aus Übersee. Ein Elixier auf Basis von Kokablättern und Kolanüssen ist für eine europäische Klosterapotheke des 19. Jahrhunderts keineswegs selbstverständlich, denn beide Zutaten mussten über weite Handelswege aus Südamerika und Westafrika beschafft werden.
Das 19. Jahrhundert war zugleich die Blütezeit der sogenannten Tonika. Apotheker in Europa und Nordamerika mischten pflanzliche Auszüge mit Wein oder Branntwein und boten die Ergebnisse als Mittel gegen Erschöpfung, Kopfschmerzen und Nervenschwäche an. Der französische Chemiker Angelo Mariani brachte ab 1863 einen Kokawein auf den Markt, der in ganz Europa bekannt wurde. Dass dabei ausgerechnet Alkohol als Auszugsmittel diente, hatte einen chemischen Grund, denn Ethanol löst Alkaloide deutlich besser als reines Wasser und hält die Wirkstoffe über Monate stabil. Der Apotheker John Stith Pemberton griff dieses Prinzip in Atlanta auf und verkaufte seine French Wine Coca als medizinisches Stärkungsmittel. Erst als in seiner Heimatstadt der Alkoholausschank verboten wurde, ersetzte er den Wein durch Wasser und Zuckersirup. 1886 erschien die erste Anzeige für das Getränk, das daraus hervorging.
Entdeckt wurde das Blatt bei Aufräumarbeiten im historischen Bestand des Konvents von San Marco an der Via Cavour. Nach der Darstellung, die das Wochenblatt Toscana Oggi veröffentlichte, stieß Konventsrektor Manuel Russo zunächst auf die alte Reklame und arbeitete sich anschließend durch die übrige Überlieferung des Hauses. Das Elixir vinoso ricostituente war demnach eines der am stärksten nachgefragten Produkte der Apotheke. Der Zettel beschreibt es als Tonikum gegen körperliche und geistige Erschöpfung, gegen Kopfschmerzen sowie gegen Schwächezustände, die auf höheres Alter oder außergewöhnliche Anstrengungen zurückgingen. Die Rezeptur nennt dreißig Gramm Kolanüsse und zehn Gramm bolivianische Kokablätter, angesetzt in einem Liter alkoholischer Mischung. Hergestellt wurde das Mittel bis in die 1930er Jahre. Erhalten sind neben dem Werbeblatt originale Etiketten und einige leere Fläschchen.
Kokablätter stammen von Sträuchern der Gattung Erythroxylum, die in den Anden seit Jahrtausenden kultiviert werden. Ihr Gesamtgehalt an Tropanalkaloiden liegt nach einer Übersicht des Expertenausschusses der Weltgesundheitsorganisation meist zwischen 0,7 und 1,5 Prozent der Trockenmasse, wobei Kokain den größten Einzelanteil stellt. Bolivianische Herkünfte enthalten insgesamt weniger Alkaloide als javanische Blätter, dafür aber einen höheren Kokainanteil. Genau solches Material nennt der Florentiner Zettel. Für einen alkoholischen Auszug bedeutet das eine spürbar stimulierende Komponente, die damals als Arzneiwirkung galt und rechtlich unproblematisch war. Erst um 1900 setzte sich die Erkenntnis durch, wie stark das isolierte Alkaloid abhängig macht. Bemerkenswert am Fund ist deshalb vor allem der Zeitpunkt, denn er liegt klar vor der Karriere, die dieselbe Pflanze in Atlanta machen sollte.
Die zweite Zutat kam aus Westafrika. Kolanüsse sind die Samen von Bäumen der Gattung Cola, vor allem von Cola nitida und Cola acuminata, und werden dort seit langem gekaut, um Müdigkeit und Hungergefühl zu unterdrücken. Ihr Koffeingehalt liegt nach einer Analyse von 25 Kola-Herkünften bei rund 2,8 Prozent, dazu kommen etwa 0,05 Prozent Theobromin sowie erhebliche Mengen phenolischer Verbindungen. Dreißig Gramm dieser Samen enthalten damit rechnerisch etwa 0,8 Gramm Koffein, das im Ethanol vollständig in Lösung geht. Die Mischung aus Koka und Kola verband also zwei unterschiedliche Stimulanzien in einem einzigen Ansatz. Genau diese Doppelwirkung machte solche Tonika im 19. Jahrhundert kommerziell so erfolgreich.
Der Rektor des Konvents betont, dass kein Dokument einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem florentinischen Elixier und der amerikanischen Mixtur belegt. Die Kombination aus Kokablättern und Kolanüssen war kein Geheimwissen, sondern ein verbreitetes Muster der damaligen Pharmazie, das in mehreren Ländern parallel auftauchte. Wahrscheinlich brachten Missionare die Rohstoffe aus Lateinamerika und Afrika in die Toskana, wo sie in einer eingespielten Laborpraxis weiterverarbeitet wurden. Der Fund taugt deshalb nicht als Beleg für einen italienischen Ursprung der Coca-Cola, wohl aber als Beleg dafür, wie international die Materia medica europäischer Klöster bereits war. Pharmakologisch wirkt das Koffein aus Kolanüssen auf demselben Weg wie jenes aus Kaffee, indem es Adenosinrezeptoren im Gehirn blockiert und die Müdigkeitssignale unterdrückt. Offen bleibt, wie viele vergleichbare Rezepturen in europäischen Klosterarchiven noch unerschlossen liegen.