Bis zu 2,8 Millionen Tiefseeaale sammeln sich an einem einzigen Unterwasserberg vor Tasmanien, wie eine neue Auswertung von Sonar- und Kameradaten ergibt. Die Tiere halten sich dort in einer Größenordnung auf, die mit bloßen Unterwasseraufnahmen kaum zu erfassen war. Vieles spricht für eine Versammlung zur Fortpflanzung, doch die besondere Anziehungskraft dieses Berges ist noch nicht erklärt.
Rund 3.550 Tonnen Fischmasse hat ein Team um den Meereswissenschaftler Ben Scoulding für die stärkste untersuchte Aalansammlung am Patience Seamount errechnet. Für die Untersuchung kombinierte die australische Forschungsorganisation CSIRO akustische Erhebungen, Aufnahmen einer Schleppkamera und biologische Proben aus den Jahren 2023 bis 2025. An der Arbeit beteiligte sich auch Sven Gastauer vom Thünen-Institut für Seefischerei in Bremerhaven. Die Berechnung erfasst einen Spitzenbestand am untersuchten Ort; wie viele unterschiedliche Tiere den Treffpunkt während einer ganzen Saison besuchen, bleibt offen.
Im Licht der Unterwasserkameras erscheinen lange Körper mit schmal auslaufenden Schwänzen, die über dem Meeresboden schwimmen oder im Wasser stehen. Es handelt sich um Diastobranchus capensis, eine Meeresart, deren dunkelbraune bis violettschwarze Haut unter der Beleuchtung stellenweise silbrig wirkt. Winzige längliche Schuppen bilden ein gekreuztes Muster, dem die Tiere ihren englischen Namen „basketwork eel“ verdanken, der auf ein Korbgeflecht verweist. Nach dem Artenporträt von Fishes of Australia erreichen sie eine Länge von bis zu 1,8 Metern und erbeuten kleine Fische sowie Krebstiere.
Der Treffpunkt liegt an einem erloschenen Vulkan südlich der australischen Insel, dessen Gipfel nach den Angaben der neuen Studie unter 857 Metern Wasser liegt. Mit einer Grundfläche von ungefähr drei Quadratkilometern bildet der Berg eine begrenzte Erhebung innerhalb einer wesentlich größeren Unterwasserlandschaft. Zu ihr gehören zahlreiche weitere Kuppen, die auf den ersten Blick ähnlich geeignete Lebensräume anbieten. Gerade dieser Vergleich macht Patience interessant, denn eine vergleichbare Konzentration der Aalart wurde an den benachbarten Bergen bislang nicht dokumentiert.
Alan Williams und seine Kollegen hatten den Unterschied bereits in einer früheren Untersuchung anhand von Kamerafahrten an zehn benachbarten Unterwasserbergen überprüft. Dort begegneten ihnen überwiegend einzelne Tiere, während die Aaldichte am Treffpunkt je nach Vergleichsberg um das 40- bis 185-Fache höher lag. An einem Glasfaserkabel schwebte die Kamera wenige Meter über dem Grund und übertrug ihre Bilder unmittelbar auf das Forschungsschiff. Für die damalige Schätzung fehlte allerdings noch ein verlässlich geprüftes Verfahren, um aus den Schallechos eine Gesamtzahl der Aale abzuleiten.
Beim Vermessen schickt ein Echolot Schallimpulse ins Wasser und empfängt die Signale, die von Fischen und vom Boden zurückgeworfen werden. Bei dieser Aalart liefert eine ungewöhnliche Körperstruktur einen kräftigen Widerhall: Ihre gasgefüllte Schwimmblase erstreckt sich ungefähr über zwei Drittel der Körperlänge. Der große Unterschied zwischen Gas und umgebendem Wasser verstärkt das Echo und macht die Tiere für akustische Messungen besonders interessant. Wie viele Individuen hinter einem Signal stecken, hängt deshalb auch von den Eigenschaften des einzelnen Fisches ab.
Nahe am steilen Grund entsteht zudem eine akustische Totzone, in der das früh eintreffende Bodenecho die schwächeren Fischsignale überlagern kann. Bei den älteren Fahrten filmte das Team an solchen Stellen zahlreiche Aale, ohne dass das Schiffssonar eine entsprechend starke Ansammlung anzeigte. Eine Kamera ergänzt die Schallmessung hier um den direkten Blick auf die Tiere und ihren Aufenthaltsort. Auch bei der visuellen Erkundung der Tiefsee ist diese Unterscheidung grundlegend, weil ein vermessenes Relief die darin lebenden Arten noch nicht erkennen lässt.
Zusätzliche Arbeit verursacht der Artenmix, denn am Berg halten sich auch Granatbarsche der Art Hoplostethus atlanticus auf, international als „orange roughy“ bekannt. Die Kamerabilder zeigen eine hilfreiche räumliche Trennung: Aale bevorzugen tiefere, flachere Bereiche, während sich die anderen Fische stärker an steilen Gipfelhängen konzentrieren. Diese Verteilung nutzte das Team, um die gemessenen Echos den beiden Arten zuzuordnen. Anschließend prüfte es verschiedene Annahmen für den Granatbarschbestand, damit dessen Anteil an der Schallrückstreuung innerhalb plausibler Grenzen blieb.
Für diesen Rechenschritt setzte die Studie aufgrund früherer Bestandsbewertungen eine Spanne von 200 bis 850 Tonnen für die Begleitart an. Ohne eine solche Begrenzung ergaben sich Granatbarschmengen, die sich mit den regionalen Kenntnissen über deren Bestand nicht vereinbaren ließen. Außerdem stammen die verglichenen Biomassewerte von unterschiedlichen Fahrten des Forschungsschiffs Investigator: aus März, April und Mai verschiedener Untersuchungsjahre. Die nach Monaten geordnete Reihe deutet auf ein saisonales Muster hin, bildet aber keinen lückenlos beobachteten Anstieg innerhalb derselben Saison ab.
Warum sich die Tiere versammeln, untersuchte das frühere Team besonders gründlich an Fängen am Berg und am angrenzenden Hang aus dem April 2015, also dem australischen Herbst. Vierzehn Weibchen und sechs Männchen hatten weit entwickelte Geschlechtsorgane, die bei manchen Exemplaren einen großen Teil der Bauchhöhle einnahmen. Sämtliche Mägen waren leer, was gegen eine bloße Ansammlung an einer ergiebigen Futterquelle und für einen Zusammenhang mit der Fortpflanzung spricht. Bei später gefangenen Weibchen im Dezember 2018 fand sich ein anderes Bild: Sie nahmen Nahrung auf und befanden sich nicht im Laichzustand.
Eine direkte Beobachtung der Eiabgabe gelang bei diesen Untersuchungen nicht, ebenso wenig dokumentierten die Kameras eindeutige enge Gruppen beim Ablaichen. Auf den Aufnahmen bewegten sich die Tiere überwiegend ruhig und wichen dem Gerät meist erst bei sehr geringer Entfernung aus. Die Grenze zwischen nachgewiesenem Aufenthaltsort und beobachteter Fortpflanzung ist auch von der Laichwanderung des Europäischen Aals bekannt.
Aus Gewebeproben fortpflanzungsreifer Weibchen ermittelte das ältere Team zudem einen bislang kaum bekannten Teil ihrer Biologie: Je Tier waren hochgerechnet etwa 73.000 bis 235.000 Eier vorhanden. Die Eizahl nahm mit der Körperlänge zu, während die einzelnen Eier ungefähr einen Millimeter maßen und durch die dünnen Eierstockwände sichtbar waren. Museumsproben enthalten außerdem Weibchen mit entwickelten Eiern aus der Großen Australischen Bucht und dem südwestlichen Indischen Ozean. Wo sich die Tiere in diesen weit entfernten Regionen zum Laichen treffen, ist bislang nicht geklärt.
Den Fischern war die ungewöhnliche Stelle bereits in den frühen 1990er-Jahren bekannt, lange bevor das Forschungsteam ihre biologische Bedeutung genauer untersuchte. Sie nannten den Ort „Eel Hill“, nachdem dort große Mengen Aale als Beifang in Netzen gelandet waren. Einige Netzzüge zielten auf auffällige Sonarsignale, die irrtümlich Granatbarschen zugeschrieben wurden, und trafen damit gerade die dichten Ansammlungen der anderen Art. Nach den für die Vorgängerstudie ausgewerteten Aufzeichnungen fanden am Patience Seamount mehr als 600 Grundschleppnetz-Einsätze statt; wie viele Aale dabei starben, ist unbekannt.
Seit 2007 liegt der Berg im Huon Marine Park, der auch empfindliche Lebensgemeinschaften an zahlreichen weiteren Vulkanresten umfasst. Rund um solche Erhebungen beschleunigen sich Strömungen und halten Flächen frei von abgelagertem Sediment, an denen sich Korallen und Schwämme ansiedeln. Das vorbeifließende Wasser bringt den festsitzenden Tieren Nahrungspartikel und trägt so zum Aufbau vielfältiger Gemeinschaften an den Hängen bei. Ob sich nach den früheren Fischereieingriffen auch der Aalbestand erholt, lässt sich erst mit vergleichbaren Messungen über längere Zeit zuverlässig beurteilen.
Ein ergänzender CSIRO-Datensatz enthält genetische Merkmale von 91 Aalen aus Australien und Neuseeland, die über deren gesamtes Erbgut verteilt sind. Die zugehörigen Daten und Auswertungsschritte sind für eine Untersuchung der genetischen Struktur verschiedener Bestände zusammengestellt. Solche Vergleiche bieten einen weiteren Zugang zu der Frage, wie eng Populationen auf beiden Seiten der Tasmansee miteinander verbunden sind.
Royal Society Open Science, A unique ecological phenomenon quantified by hydroacoustics: the deep-sea eel spawning aggregation at Patience Seamount; doi:10.1098/rsos.260397
Journal of Marine Science and Engineering, A Very Large Spawning Aggregation of a Deep-Sea Eel: Magnitude and Status; doi:10.3390/jmse9070723
Parks Australia, Huon Marine Park
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