Laichreise

Die Fortpflanzung des Aals hat nie ein Mensch beobachtet

Die Fortpflanzung des Aals hat nie ein Mensch beobachtet
(Symbolbild) Europäische Aale wandern tausende Kilometer bis in die Sargassosee, um sich dort fortzupflanzen. Ihre Paarung hat jedoch bis heute niemand direkt beobachtet. Erst moderne Sender haben nachgewiesen, dass erwachsene Tiere das ferne Laichgebiet überhaupt erreichen. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Der Aal ist ein Fisch, den fast jeder kennt, und doch birgt er eines der hartnäckigsten Rätsel der Biologie. Europäische Aale wandern am Ende ihres Lebens tausende Kilometer über den Atlantik bis in die Sargassosee, ein Meeresgebiet ohne feste Küsten. Dort, so die Annahme, pflanzen sie sich fort und sterben. Das Erstaunliche daran: Ihre Paarung und das Ablaichen hat bis heute niemand direkt beobachtet. Über Jahrhunderte war schon unklar, woher junge Aale überhaupt stammen, und selbst heute bleibt ihr Fortpflanzungsverhalten weitgehend im Dunkeln.

Der Lebensweg des Aals ist eine der bemerkenswertesten Wanderungen der Tierwelt. Aus winzigen Larven, die im offenen Atlantik treiben, werden auf dem langen Weg nach Europa zunächst durchsichtige Glasaale, die in Flüsse und Seen aufsteigen. Dort verbringen die Tiere viele Jahre, wachsen heran und färben sich dunkel. Erst als erwachsene, geschlechtsreife Tiere machen sie sich auf die Rückreise zum Meer. Dabei verwandeln sie sich erneut, ihre Augen werden größer, ihr Körper wird auf die Reise durch die Tiefe vorbereitet. Diese letzte Wanderung führt über tausende Kilometer zurück zu jenem Gebiet, aus dem einst die Larven kamen. Was am Ziel geschieht, entzieht sich jedoch bis heute der direkten Beobachtung.

Schon in der Antike rätselten Gelehrte über die Herkunft der Aale. Weil man nie Eier oder eindeutige Fortpflanzungsorgane fand, entstanden die abenteuerlichsten Vorstellungen, bis hin zur Idee, Aale entstünden aus Schlamm. Erst im Lauf der Zeit setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Tiere zum Laichen ins ferne Meer ziehen. Doch selbst als das Laichgebiet grob eingegrenzt war, blieb der entscheidende Vorgang unsichtbar. Niemand hatte je gesehen, wie sich erwachsene Aale in der Sargassosee paaren, und lange war nicht einmal sicher belegt, dass die erwachsenen Tiere überhaupt dort ankommen. Genau diese Lücke macht die Fortpflanzung des Aals bis heute zu einem echten Rätsel.

Was die Fortpflanzung des Aals so rätselhaft macht

Europäische Aale wandern tausende Kilometer bis in die Sargassosee, um dort zu laichen, doch ihre Paarung hat niemand je direkt beobachtet. Weder das Ablaichen noch das Verhalten der erwachsenen Tiere am Ziel sind bekannt. Erst moderne Sender haben überhaupt bestätigt, dass die Tiere das ferne Laichgebiet erreichen.

Der Grund für diese Wissenslücke liegt in der Natur des Ortes und des Vorgangs. Die Sargassosee ist ein riesiges, tiefes Meeresgebiet mitten im Atlantik, ohne Küsten, dafür mit weiten Feldern treibender Algen. Ein Laichvorgang in großer Tiefe, weit draußen im offenen Ozean, ist kaum zu beobachten. Hinzu kommt, dass gefangene Aale sich unter künstlichen Bedingungen nur schwer zur natürlichen Fortpflanzung bewegen lassen. So blieb der entscheidende Moment im Lebenszyklus des Aals der direkten Beobachtung verschlossen. Vieles, was über die Fortpflanzung angenommen wird, stützt sich daher auf indirekte Hinweise, etwa auf gefundene Larven verschiedener Größe, aus deren Verteilung sich auf das Laichgebiet schließen lässt.

Wie moderne Sender das Rätsel ein Stück weit lösten

Lange fehlte sogar der Beweis, dass erwachsene Aale die Sargassosee tatsächlich erreichen. Zwar deutete alles darauf hin, doch niemand hatte ein markiertes Tier bis ans Ziel verfolgen können. Das änderte sich, als Forschende erwachsene Aale mit kleinen Sendern ausstatteten, die ihren Weg über den Atlantik aufzeichneten. Auf diese Weise ließ sich erstmals direkt nachweisen, dass Tiere die weite Strecke bis in das Gebiet der Sargassosee zurücklegen. Diese Untersuchung schloss eine große Lücke, denn sie bestätigte den letzten Abschnitt der berühmten Wanderung. Zugleich zeigte sie, wie langsam und über welche Umwege die Aale reisen. Der eigentliche Laichvorgang selbst blieb dabei aber weiterhin unbeobachtet, denn ein Sender verrät den Weg, nicht das Verhalten am Ziel.

Warum die Wanderung eine so gewaltige Leistung ist

Die Reise des Aals ist auch körperlich eine enorme Anstrengung. Die Tiere legen tausende Kilometer zurück, oft ohne unterwegs zu fressen, und zehren dabei von ihren Reserven. Ihr Körper stellt sich vor der Wanderung um, damit er den Bedingungen der Tiefsee standhält. Dass ein Fisch, der viele Jahre in einem heimischen Fluss verbracht hat, den Weg über den weiten Ozean zu einem bestimmten Meeresgebiet findet, ist an sich schon bemerkenswert. Wie genau die Aale navigieren, ist ebenfalls nicht vollständig geklärt; vermutet werden unter anderem das Erdmagnetfeld und andere Umweltreize. Solche großen Tierwanderungen sind in der Natur keine Seltenheit, wie auch das Beispiel wandernder Falter zeigt, doch die des Aals ist wegen ihres unsichtbaren Ziels besonders geheimnisvoll.

Was das Rätsel für den Schutz der Aale bedeutet

Die Wissenslücken sind nicht nur von wissenschaftlichem Interesse, sondern auch praktisch bedeutsam. Der europäische Aal ist stark zurückgegangen und gilt als bedroht. Solange zentrale Teile seines Lebenszyklus im Dunkeln liegen, ist es schwer, gezielt zu helfen. Wenn man nicht genau weiß, wie, wo und unter welchen Bedingungen sich die Tiere fortpflanzen, lässt sich auch schwer abschätzen, welche Eingriffe des Menschen die Fortpflanzung am stärksten stören. Jeder neue Baustein, etwa der Nachweis der vollständigen Wanderung, hilft daher, Schutzmaßnahmen besser zu begründen. So verbindet sich beim Aal ein altes biologisches Rätsel mit einer sehr gegenwärtigen Aufgabe, nämlich den Erhalt einer Art, deren wichtigster Lebensmoment bis heute nicht beobachtet werden konnte.

Was von dem uralten Rätsel bleibt

Am Ende steht ein Fisch, der Alltag und Geheimnis auf ungewöhnliche Weise verbindet. Der Aal ist vertraut, taucht in Küche und Gewässern auf und wandert doch am Ende seines Lebens in ein fernes Meer, um dort etwas zu tun, das nie ein Mensch gesehen hat. Gesichert ist inzwischen, dass die erwachsenen Tiere die Sargassosee erreichen. Ungeklärt bleibt, wie genau ihre Paarung abläuft, unter welchen Bedingungen sie ablaichen und wie sie den Weg so zielsicher finden. Damit gehört die Fortpflanzung des Aals zu jenen seltenen Rätseln, die trotz moderner Technik noch nicht gelöst sind, und erinnert daran, dass selbst ein alltäglicher Fisch ein tiefes Geheimnis bewahren kann.

Science Advances, First direct evidence of adult European eels migrating to their spawning area in the Sargasso Sea; doi:10.1126/sciadv.abm8340

Spannend & Interessant
VGWortpixel