Katapult aus Seide

Spinne schießt Ameisen mit bis zu 140-facher Schwerkraft ins Netz

 Dennis Lenz

Spinne schießt Ameisen mit bis zu 140-facher Schwerkraft ins Netz
Eine Ballista-Spinne der Gattung Propostira spannt im Regenwald von Queensland ihre Fäden zu einem Kegel. Beißt eine Grüne Weberameise hinein, schleudert die Spinnenfalle sie in Sekundenbruchteilen nach oben ins Netz. (Foto: © Ajay Narendra, Pranav Joshi, Daniele Liprandi, Gregory J. Anderson, Jonas Wolff (Ausschnitt), The Conversation, CC BY 4.0)

Eine winzige Spinne aus dem Regenwald im Nordosten Australiens baut eine gespannte Seidenfalle, die angreifende Ameisen in ihr Netz katapultiert. Forscher der Macquarie University in Sydney haben gemessen, dass die Beute dabei mit bis zu 1.367 Metern pro Sekunde zum Quadrat beschleunigt wird, rund 140-mal stärker als durch die Schwerkraft. Ausgelöst wird die Falle laut Current Biology von der Ameise selbst.

Bis zu 140-fache Erdbeschleunigung erreicht eine Ameise, wenn sie in die Falle der sogenannten Ballista-Spinne beißt. Das ist etwa 15-mal mehr als die extremsten Belastungen, die Kampfjetpiloten aushalten. Entdeckt haben die Spinne Ajay Narendra, Pranav Joshi, Daniele Liprandi, Gregory J. Anderson und Jonas Wolff von der Macquarie University in den tropischen Regenwäldern der Kap-York-Halbinsel in Queensland. Die Art gehört zur Gattung Propostira aus der Familie der Haubennetzspinnen und hat noch keinen wissenschaftlichen Namen. Die Forscher nennen sie nach der Ballista, einem antiken Wurfgeschütz, das mit gespannten Seilen Steine schleuderte. Mit Hochgeschwindigkeits- und Infrarotkameras haben sie in zehn Nächten im Regenwald aufgezeichnet, wie die Spinne ihre Falle baut und auslöst. Ihre Messungen haben sie im Fachjournal Current Biology veröffentlicht.

Wie baut die Ballista-Spinne ihre Falle?

Tagsüber versteckt sich die Spinne in einem Seidenunterschlupf an der Unterseite von Blättern. Etwa eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang wird sie aktiv. Sie seilt sich an einem Faden bis zu 50 Zentimeter tief ab, bis sie auf ein Blatt, einen Ast oder den Waldboden trifft. Dort setzt sie einen Ankerpunkt und klettert zurück zu ihrem Hauptnetz, wobei sie einen gespannten Faden hinter sich herzieht. Diesen Vorgang wiederholt sie mit großer Genauigkeit. So entsteht ein Fächer aus 15 bis 60 sogenannten Spannfäden, die dicht über dem Untergrund zu einem kleinen Kegel gebündelt sind. Zum Schluss umwickelt die Spinne den Kegel mit einer feineren Seide und zieht sich einige Zentimeter nach oben zurück. Bis zu vier Stunden kann der Bau einer solchen Falle dauern. Die Fäden stehen dann unter Spannung wie die Sehne eines gespannten Bogens.

Was passiert, wenn die Ameise zubeißt?

Schon wenige Sekunden bis knapp eine Minute nach dem Umwickeln tauchen Ameisen am Kegel auf. Sie tasten ihn mit den Fühlern ab, richten drohend den Hinterleib auf und beißen in die Seide. Genau dieser Biss löst den Mechanismus aus. Innerhalb von etwa 42 Millisekunden reißt der Kegel vom Untergrund ab, die Spannfäden ziehen sich zusammen und reißen die Ameise mit nach oben. Weil sie den Kegel noch zwischen den Kiefern hält, fliegt sie direkt in das Hauptnetz. Die Forscher maßen Flugstrecken von bis zu 28 Zentimetern und Geschwindigkeiten von bis zu 4,36 Metern pro Sekunde. Die Spitzenbeschleunigung lag bei 1.367 Metern pro Sekunde zum Quadrat, im Mittel bei rund 1.109. Die Spinne selbst rührt sich erst, wenn die Ameise keinen Kontakt mehr zum Boden hat. Sie wartet ab, bis sich die Beute vollständig verheddert hat, und wickelt sie dann in Seide ein. In einem Fall löste eine Ameise die Falle aus, ohne mitgerissen zu werden. Ohne die Last schnellte der Kegel mit 4.733 Metern pro Sekunde zum Quadrat und 13,47 Metern pro Sekunde nach oben.

Warum jagt die Spinne ausgerechnet diese Ameise?

Die Beute ist die Grüne Weberameise, Oecophylla smaragdina, die in Südostasien und Nordaustralien in Baumkronen lebt. Sie gilt als besonders aggressiv und verteidigt ihr Revier gemeinsam. Mit kräftigen Kiefern beißt sie zu und kann Säure in die Wunde spritzen. Für eine kleine Spinne ist eine solche Ameise ein gefährlicher Gegner, zumal Artgenossinnen schnell zu Hilfe kommen. Die Ballista-Spinne lebt dennoch gezielt auf Bäumen, auf denen diese Ameisen ihre Nester haben, und baut ihre Fallen nahe ihrer Laufwege. Als die Forscher andere nachtaktive Ameisen in der Nähe der Fallen aussetzten, fing die Spinne keine davon. Das Team vermutet, dass die feine Wickelseide einen Duftstoff trägt, der gezielt Weberameisen anlockt und zum Angriff reizt. „Dies scheint der einzige Fall zu sein, in dem ein Spinnennetz darauf ausgelegt ist, eine einzige Beuteart zu fangen, und in dem der Mechanismus von der Beute statt vom Räuber ausgelöst wird“, sagte Ajay Narendra der BBC.

Wie stark ist das Seidenkatapult?

Gemessen an ihrem Gewicht speichert die Falle mehr Energie und entfaltet mehr Leistung als jedes bekannte biologische Katapult. Rechnet man auf ein Kilogramm Seide hoch, entspräche die Spitzenleistung 11,73 Megawatt, also Tausende bis Zehntausende Mal mehr, als Muskeln liefern können. Die Bewegungsenergie erreichte bis zu 78,17 Kilojoule pro Kilogramm. Damit übertrifft die Ballista-Falle andere Netze, die ebenfalls mit gespannter Seide arbeiten, etwa das der Steinschleuderspinne, die sich samt Netz auf ihre Beute zuschleudert, oder das Dreiecksnetz der Gattung Hyptiotes. Erstaunlich ist, dass die Seide dafür nur um 0,9 bis 1,5 Prozent vorgedehnt sein muss. Das liegt unter der Grenze, ab der ein Spinnenfaden dauerhaft nachgibt. Die Forscher erklären die enorme Leistung mit der Beute: Die Falle muss die Ameise blitzschnell von ihrem Laufweg und ihren Nestgenossinnen wegreißen, bevor diese eingreifen können. Haubennetzspinnen sind auch in Europa für erstaunliche Jagderfolge bekannt, so fängt die Edle Kugelspinne sogar Fledermäuse.

Was ist an der Entdeckung neu?

Schnelle Schnappmechanismen kennt man in der Tierwelt bereits, etwa von Fangschreckenkrebsen, Schnappkieferameisen oder Steinschleuderspinnen. Sie alle speichern Energie in einer Art Feder und setzen sie in Sekundenbruchteilen frei. Bisher wurden solche Systeme aber immer vom Räuber selbst ausgelöst und richteten sich gegen beliebige Beute. Die Ballista-Spinne kehrt das Prinzip um: Die Beute löst die Falle durch ihr eigenes Abwehrverhalten aus, und die Falle ist auf eine einzige Art zugeschnitten. Nach Ansicht der Forscher hat gerade diese Spezialisierung auf eine gefährliche Beute die außergewöhnliche Leistung der Falle hervorgebracht. Auch andere Spinnen wagen sich an wehrhafte Beute, wie die Arten zeigen, die sogar Schlangen fressen.

Was ist noch offen?

Die Messungen beruhen auf wenigen vollständig gefilmten Fangvorgängen, für die Beschleunigungswerte lagen fünf auswertbare Aufnahmen vor. Ob die Wickelseide tatsächlich einen Lockstoff enthält, haben die Forscher noch nicht chemisch nachgewiesen, es ist bislang eine Vermutung. Die Spinne selbst muss zudem noch formal als neue Art beschrieben werden. Wie verbreitet sie in den Regenwäldern Queenslands ist, wurde nicht untersucht. Federnde Netze mit gespannten Fäden sind bei Spinnen nach Angaben der Forscher mehrfach unabhängig voneinander entstanden. Welche Rolle die Spezialisierung auf eine bestimmte Beute bei den übrigen Arten gespielt hat, ist offen.

Current Biology, Ballistic high-powered spider webs overcome dangerous prey defenses; doi:10.1016/j.cub.2026.04.066

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