Ein in Teilen Asiens gehandelter Speisepilz kann eine ungewöhnliche Form von Halluzinationen auslösen. Betroffene berichten von Dutzenden oder Hunderten winzigen Menschen, die scheinbar in ihrer wirklichen Umgebung umherlaufen. Forscher haben entsprechende Berichte aus China und den Philippinen mit Lanmaoa asiatica verbunden. Welcher Inhaltsstoff die Wahrnehmung verändert, ist weiterhin unbekannt.
Colin Domnauer und Bryn Dentinger von der University of Utah untersuchten die Verwandtschaft innerhalb der Pilzgattung Lanmaoa. Genetische Vergleiche bestätigten, dass gesammelte Exemplare aus den beiden Regionen derselben Art angehören. Der Speisepilz ist damit genauer zugeordnet als in älteren Berichten. Die Arbeit verbindet biologische Systematik mit einer bislang ungelösten Frage zur menschlichen Wahrnehmung.
Lanmaoa asiatica gehört zu den Röhrlingen. Auf der Unterseite des Hutes befinden sich Poren, durch die Sporen abgegeben werden. In Yunnan wird der Pilz auf Märkten angeboten und als Lebensmittel genutzt. Berichte über Halluzinationen stehen insbesondere mit unzureichend gegarten Pilzen in Verbindung. Die traditionelle Verwendung als Speise ist deshalb kein Beleg dafür, dass jedes Exemplar und jede Zubereitung ungefährlich wären.
Die beschriebenen Erscheinungen werden als Lilliput-Halluzinationen bezeichnet. Gemeint sind kleine menschliche oder menschenähnliche Figuren, die Betroffene als Teil ihrer Umgebung erleben. Solche Berichte sind für die Forschung interessant, weil die Wahrnehmung komplexe Gestalten und räumliche Beziehungen erzeugt. Eine Halluzination ist dabei eine Wahrnehmung ohne den entsprechenden äußeren Reiz. Sie bedeutet nicht, dass sich tatsächlich kleine Gestalten in der Umgebung befinden.
Für die Zuordnung ist der genetische Vergleich aussagekräftiger als ein regionaler Name. Derselbe volkstümliche Begriff kann mehrere Pilze bezeichnen, während dieselbe Art in verschiedenen Ländern unterschiedliche Namen trägt. Auch ähnliche Farben und Formen reichen für eine sichere wissenschaftliche Bestimmung nicht immer aus. DNA-Daten helfen, solche Verwechslungen zu erkennen. Die Untersuchung bestätigt die Verbindung zwischen China und den Philippinen, liefert aber keinen entsprechenden genetischen Nachweis für alle historischen Berichte aus anderen Regionen.
Die größere Untersuchung umfasste 53 Exemplare und unterschied 17 Arten innerhalb der untersuchten Gruppe, darunter vier neu beschriebene. Ein Teil des Materials stammte aus Sammlungen. Das zeigt den Wert aufbewahrter Pilzproben: Sie können mit neuen Methoden nochmals untersucht werden. Eine Pilzsammlung dokumentiert damit mehr als sichtbare Formen. Sie bewahrt Material für Fragen, die bei der ursprünglichen Sammlung noch gar nicht gestellt wurden.
Die Forscher fanden in ihren Untersuchungen keine Hinweise auf bekannte psychoaktive Pilzstoffe wie Psilocybin. Das unterscheidet die Fragestellung von Untersuchungen, in denen Psilocin als bekannter Wirkstoff geprüft wird. Bei Lanmaoa asiatica fehlt noch die eindeutig identifizierte chemische Verbindung. Erst ihre Isolierung würde gezielte Untersuchungen zur Wirkweise ermöglichen.
Die Sammelbezeichnung halluzinogener Pilz darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass unterschiedliche Arten verschiedene Stoffe enthalten können. Auch die Inhaltsstoffe des Fliegenpilzes bilden eine eigene chemische und toxikologische Fragestellung. Eine ähnliche sichtbare Wirkung beweist deshalb keinen gemeinsamen Wirkstoff. Umgekehrt lässt sich aus einer biologischen Verwandtschaft nicht automatisch auf dieselbe Wirkung beim Menschen schließen.
Die Zuordnung zur Pilzart klärt, welches biologische Material künftig untersucht werden kann. Offen bleiben die aktive Verbindung, ihre Konzentration in verschiedenen Exemplaren und ihre Angriffspunkte im Nervensystem. Ebenso fehlen daraus abgeleitete, kontrolliert geprüfte medizinische Anwendungen. Die Berichte liefern deshalb keine Grundlage für Selbstversuche oder für eine therapeutische Nutzung. Ihr wissenschaftlicher Wert liegt vorerst in der Möglichkeit, einen ungewöhnlichen Eingriff in die Wahrnehmung chemisch und biologisch genauer zu verstehen.
Mycologia, Phylogenomic systematics of Lanmaoa (Boletaceae) reveals cryptic biodiversity, resolves global evolutionary relationships, and suggests a novel psychoactive lineage; doi:10.1080/00275514.2026.2670968
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