Psychedelische Substanzen erleben in der Medizin ein umstrittenes Comeback, allen voran Psilocybin aus sogenannten Zauberpilzen. Wirksam wird es im Körper aber erst als Psilocin. Forscher haben diesen eigentlichen Wirkstoff nun erstmals seit den 1960er-Jahren direkt an Menschen getestet. Psilocin wurde etwas besser vertragen als Psilocybin. Die Ergebnisse könnten die Behandlung verkürzen, werfen aber auch neue Fragen auf.
Psilocybin ist ein natürlicher Wirkstoff, der in bestimmten halluzinogenen Pilzen vorkommt. In den vergangenen Jahren ist er als mögliche Behandlung für psychische Erkrankungen in den Fokus der Forschung gerückt, insbesondere bei Depressionen, die auf herkömmliche Medikamente nicht ansprechen. Nach bisherigen Studien kann eine einzelne Dosis zusammen mit psychologischer Begleitung Beschwerden rasch lindern. Zugleich ist der Einsatz von Psychedelika in der Medizin hoch umstritten. Kritiker verweisen auf Risiken wie Angstzustände während der Behandlung, auf mögliche psychotische Reaktionen bei gefährdeten Menschen und auf methodische Schwächen vieler Studien. Die klinische Forschung an Psilocybin kam bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren in Gang, wurde nach dem UN-Übereinkommen über psychotrope Stoffe von 1971 aber für fast drei Jahrzehnte weitgehend eingestellt. Erst Ende der 1990er-Jahre begann eine neue Welle von Studien. Heute laufen weltweit zahlreiche Untersuchungen, und in Australien ist eine eingeschränkte therapeutische Anwendung bereits seit 2023 möglich.
Weniger bekannt ist, dass Psilocybin selbst gar keine psychedelische Wirkung hat. Es ist ein sogenanntes Prodrug, also eine Vorstufe. Wenn ein Mensch Psilocybin schluckt, spalten Enzyme in Darm und Leber ein Phosphatmolekül ab und verwandeln es in Psilocin, das dann im Gehirn vor allem an bestimmten Serotonin-Rezeptoren wirkt. Würde man Psilocin direkt verabreichen, könnte die Wirkung schneller einsetzen und kürzer dauern. Das würde die Zeit verringern, in der Patienten während einer Behandlung überwacht werden müssen, und damit Aufwand und Kosten senken. In der Szene ist die Vorstellung verbreitet, dass Psilocin schneller und verträglicher wirkt. Manche Konsumenten legen Pilze deshalb in saure Flüssigkeiten wie Zitronensaft ein, um die Umwandlung zu fördern, eine Praxis, die als Lemon Tekking bekannt ist. Wissenschaftlich untersucht war das kaum. Die einzige veröffentlichte Studie mit Psilocin am Menschen stammte aus dem Jahr 1962 und nutzte Injektionen bei Gefängnisinsassen. Moderne Studien fehlten bislang, vermutlich weil Psilocin chemisch instabil und schwer herzustellen ist.
Ein Team um die Forscherin Marlene Tai und den Psychiater Josh Woolley hat diese Lücke nun geschlossen. An der Studie nahmen 20 gesunde Erwachsene zwischen 25 und 50 Jahren teil, die bereits Erfahrung mit Psychedelika hatten und über ein leichtes Gefühl sozialer Entfremdung berichteten. Die Forscher nutzten ein sogenanntes Crossover-Design, bei dem jeder Teilnehmer an verschiedenen Tagen unterschiedliche Behandlungen erhält, sodass sich die Wirkungen innerhalb derselben Person vergleichen lassen. Die Teilnehmer kamen zu bis zu vier Sitzungen im Abstand von vier Wochen. Sie erhielten entweder eine Kapsel mit 25 Milligramm Psilocybin, eine Kapsel mit 17,5 Milligramm Psilocin, eine Dosis, die der Wirkung des Psilocybins entsprechen sollte, oder eine Tablette mit Psilocin, die unter der Zunge zergeht. Die Präparate beruhten auf pflanzlichen Formulierungen. Veröffentlicht wurde die Studie zum Vergleich von Psilocybin und Psilocin im Journal of Psychopharmacology.
Das Ergebnis fiel zugunsten des Psilocins aus, wenn auch weniger deutlich, als die Szene es erwartet. Die Teilnehmer vertrugen das geschluckte Psilocin etwas besser als Psilocybin. Es traten im Durchschnitt weniger und mildere Nebenwirkungen auf, vor allem Kopfschmerzen und Angst. Woolley betont jedoch, dass der Unterschied in der Verträglichkeit moderat und nicht dramatisch war. Es handle sich um weniger und mildere Nebenwirkungen im Durchschnitt, nicht um eine grundsätzliche Verbesserung. Die Tablette unter der Zunge wurde ebenfalls gut vertragen, wirkte in den getesteten Dosierungen aber schwächer. Die Anfangsdosis war dafür mit 2,18 Milligramm sehr niedrig angesetzt und wurde im Verlauf der Studie erhöht. Für die künftige Therapie ist der Befund dennoch interessant. Wenn Psilocin schneller wirkt und etwas weniger Nebenwirkungen verursacht, könnte es Behandlungen mit Psychedelika kürzer und für Patienten angenehmer machen. Ob es auch dieselbe therapeutische Wirkung wie Psilocybin entfaltet, hat die Studie nicht untersucht.
Die Studie hat klare Grenzen. Sie umfasste nur 20 gesunde Teilnehmer, die bereits Erfahrung mit Psychedelika hatten. Solche Menschen reagieren womöglich anders als Patienten, die zum ersten Mal eine psychedelische Substanz erhalten, oder als Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen. Die Untersuchung diente vor allem dem Vergleich der akuten körperlichen und psychischen Wirkungen, nicht dem Nachweis eines Behandlungserfolgs. Sie zeigt deshalb, dass Psilocin grundsätzlich einsetzbar ist, aber nicht, dass es besser hilft. Auch die Frage nach den Risiken bleibt bestehen. Psychedelika können starke Angst auslösen, und ihre Anwendung gehört nach heutigem Stand nur unter ärztlicher Aufsicht in einen streng kontrollierten Rahmen. Der Konsum außerhalb von Studien ist in Deutschland verboten. Die Arbeit eröffnet dennoch einen neuen Forschungsweg. Nach mehr als sechs Jahrzehnten ist der eigentliche Wirkstoff der Zauberpilze wieder Gegenstand der klinischen Forschung, und weitere Studien sollen klären, ob er Patienten tatsächlich Vorteile bringt.
Journal of Psychopharmacology, A randomized crossover trial comparing the acute physiological and psychological effects of botanical formulations of oral psilocybin, oral psilocin, and sublingual psilocin; doi:10.1177/02698811261478603