Portugiesische Galeere

Spaniens Strände melden einen Ansturm giftiger Quallen

 Dennis Lenz

Spaniens Strände melden einen Ansturm giftiger Quallen
(Symbolbild) An mehreren Abschnitten der spanischen Küste behandeln Rettungskräfte derzeit weit über hundert Quallenstiche an einem einzigen Tag. Verantwortlich ist vielerorts nicht die klassische Feuerqualle, sondern die Portugiesische Galeere, ein Organismus, der biologisch gar keine Qualle ist. Milde Winter, warmes Oberflächenwasser und der Rückgang natürlicher Fressfeinde begünstigen die Massenvorkommen. Die Rote Flagge wird deshalb häufiger gehisst als in früheren Jahren. (Foto: © Forschung und Wissen)

An den drei Stadtstränden von San Sebastián registrierten die Rettungsdienste innerhalb von weniger als 24 Stunden rund 120 Stiche, ausgelöst von etwa hundert eingesammelten Portugiesischen Galeeren. In Kantabrien zählte das Rote Kreuz an einem einzigen Tag im Juli 123 behandelte Quallenstiche. Betroffen ist längst nicht mehr nur das Mittelmeer, sondern auch die Atlantikküste im Norden. Der weitaus größte Teil der Fälle verläuft harmlos, doch die Häufung wirft eine Frage auf, die Meeresbiologen seit Jahren beschäftigt. Warum treiben ausgerechnet jetzt so viele dieser Tiere in Ufernähe.

Quallen gehören zu den Nesseltieren und damit zu den ältesten mehrzelligen Tiergruppen überhaupt. Ihr Bauplan kommt ohne Gehirn, ohne Herz und ohne Skelett aus, der Körper besteht zu etwa 95 Prozent aus Wasser. Für die Verteidigung und den Beutefang besitzen sie Nesselzellen, in der Fachsprache Cnidocyten. Jede dieser Zellen enthält eine unter hohem Innendruck stehende Kapsel mit einem aufgerollten Schlauch. Berührt ein Reiz das feine Auslösehärchen an der Zelloberfläche, schnellt der Schlauch innerhalb weniger Millionstel Sekunden heraus und bohrt sich in die Haut. Es handelt sich also nicht um einen aktiven Angriff, sondern um einen rein mechanisch ausgelösten Vorgang, der auch an bereits toten, angespülten Tieren noch funktioniert. Genau deshalb bleiben abgetriebene Exemplare am Strand gefährlich, obwohl sie längst regungslos daliegen.

Das Gift selbst ist ein Gemisch aus Eiweißverbindungen, die Zellmembranen zerstören, Nervenzellen reizen und lokale Entzündungsreaktionen auslösen. Bei den meisten im spanischen Wasser vorkommenden Arten bleibt es bei brennenden Striemen, Rötung und Juckreiz über einige Stunden. Kritisch werden Stiche vor allem dann, wenn große Hautflächen betroffen sind, wenn Kinder mit geringem Körpergewicht getroffen werden oder wenn eine allergische Reaktion einsetzt. Die häufigste Art im westlichen Mittelmeer ist Pelagia noctiluca, die Leuchtqualle, die nachts bläulich schimmern kann. Sie durchläuft keinen festsitzenden Zwischenschritt am Meeresboden, sondern entwickelt sich direkt im freien Wasser, was ihre Bestände besonders stark von den Bedingungen im offenen Meer abhängig macht.

Der auffälligste Verursacher ist gar keine Qualle

Die blau bis violett schimmernde Blase, die derzeit an der Nordküste angespült wird, gehört zu einer anderen Gruppe. Die Portugiesische Galeere ist eine Staatsqualle, also kein Einzeltier, sondern eine Kolonie aus hochspezialisierten Einzelorganismen, die für sich allein nicht überlebensfähig sind. Ein Teil bildet die gasgefüllte Schwimmblase, andere übernehmen Nahrungsaufnahme, Fortpflanzung oder den Beutefang. Die Fangfäden können mehrere Meter, in Einzelfällen über zwanzig Meter weit ins Wasser reichen und sind vom Ufer aus praktisch unsichtbar. Da die Blase wie ein Segel über der Oberfläche steht, wird die Kolonie nicht von der Strömung, sondern in erster Linie vom Wind getrieben. Anhaltende Westwinde über dem Atlantik reichen deshalb aus, um innerhalb weniger Tage große Zahlen an die spanische und portugiesische Küste zu drücken.

Warum derzeit so viele Quallen an Spaniens Küsten treiben

Für die generelle Zunahme machen Meeresbiologen ein Bündel von Ursachen verantwortlich, die sich gegenseitig verstärken. Steigende Wassertemperaturen beschleunigen Wachstum und Fortpflanzung, milde Winter verkürzen die Pause im Jahreszyklus und erlauben es Beständen, das ganze Jahr über hohe Dichten zu halten. Die Überfischung entfernt zugleich Fressfeinde und Nahrungskonkurrenten wie Thunfische, Schwertfische und Meeresschildkröten. Nährstoffeinträge aus Landwirtschaft und Abwasser fördern das Planktonwachstum und damit das Nahrungsangebot. Hinzu kommt ein oft übersehener Faktor: Hafenmolen, Kaimauern und Aquakulturanlagen bieten den festsitzenden Polypen vieler Arten ideale Siedlungsflächen, die es an Naturküsten in dieser Menge nicht gibt. Modellrechnungen zur künftigen Verbreitung finden sich in einer Analyse in Scientific Reports zum Ausbreitungspotenzial, die unter wärmeren Bedingungen deutlich größere geeignete Meeresgebiete ausweist.

Warum der Norden Spaniens plötzlich betroffen ist

Bemerkenswert an der aktuellen Lage ist die geografische Verschiebung. Die Portugiesische Galeere galt lange als Bewohner des offenen Atlantiks, der die spanische Nordküste nur gelegentlich erreicht. Langzeitauswertungen von Planktonproben zeigen jedoch, dass Nesseltiere im Nordostatlantik seit Anfang der 2000er Jahre häufiger auftreten und dabei weiter nach Norden vordringen. Eine Auswertung von Planktondaten über fünf Jahrzehnte verknüpft diese Entwicklung mit veränderten hydroklimatischen Bedingungen. Für Badegäste hat das eine praktische Folge: Die Einschätzung, welcher Küstenabschnitt als sicher gilt, lässt sich nicht mehr aus der Erfahrung früherer Jahre ableiten. Kommunen setzen deshalb zunehmend auf tagesaktuelle Meldesysteme, in denen Rettungsschwimmer Sichtungen erfassen und die Erwärmung der Meere sichtbar wird.

Scientific Reports, Modelling the global invasion potential of Pelagia noctiluca under climate change; doi:10.1038/s41598-026-48886-5

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