Zwei fast vollständige Skelette aus Südchina zeigen eine bislang unbekannte Panzer-Amphibie, die vor rund 237 Millionen Jahren vollständig im Meer gelebt haben dürfte. Gerrothorax maritimus erreichte mindestens 737 Millimeter Körperlänge und lag mit seinem breiten, flachen Körper vermutlich dicht über dem Meeresboden. Chemische Signaturen in den Knochen passen zum damaligen Meerwasser und die Fundstelle lag weit entfernt von möglichem Land. Damit öffnet der Fund ein überraschendes Kapitel der Amphibiengeschichte: Wie konnte eine Tiergruppe, deren heutige Vertreter salzhaltiges Wasser meist schlecht vertragen, den Schritt ins offene Meer schaffen?
Die Fossilien stammen aus Gesteinen der südchinesischen Provinz Guizhou und gehören zu einer ausgestorbenen Gruppe früher Landwirbeltiere, den Temnospondylen. Lipin Diao vom Geological Museum of Guizhou und seine Kollegen ordneten beide Exemplare einer neuen Art zu, die sie Gerrothorax maritimus nennen. Der Name verweist direkt auf die Lebensweise, die sich aus Fundort, Erhaltung und Geochemie ableiten lässt. Eine Studie in Nature Ecology & Evolution beschreibt das Tier als ersten bekannten Stammvertreter der Amphibien, für den ein vollständig marines Leben plausibel belegt ist. Der Fund verschiebt damit keine bloße Detailgrenze, sondern erweitert den bekannten ökologischen Spielraum einer ganzen Wirbeltierlinie.
Gerrothorax gehörte zu den Plagiosauriden, einer Gruppe stark abgeflachter Wasserbewohner mit auffallend breitem Schädel. Ein verwandter Temnospondyle aus Australien wurde bereits in einer früheren Amphibienentdeckung bekannt, lebte dort aber in Süßwasser. Beim neuen chinesischen Fund ist gerade die Kombination aus Bauplan und Umgebung entscheidend. Rippen, Wirbelsäule, Schädel und große Teile der Körperpanzerung blieben im Verband erhalten, was gegen einen weiten Transport nach dem Tod spricht. Die Tiere wurden offenbar dort eingebettet, wo sie tatsächlich lebten oder kurz zuvor gestorben waren.
Die damalige Landschaft lässt sich aus Sedimenten, Fossilien und paläogeografischen Rekonstruktionen ableiten. Der Fundhorizont lag in einem Meeresbecken, dessen nächste denkbare Inseln mindestens mehrere Dutzend Kilometer entfernt waren. Für ein Tier, das regelmäßig an Land oder in Süßwasser hätte zurückkehren müssen, wäre diese Lage ausgesprochen ungünstig gewesen. Gleichzeitig fehlen Hinweise darauf, dass ein Fluss die Kadaver weit hinaus auf See gespült hätte. Die Forscher werten die Lage deshalb als starkes Indiz dafür, dass Gerrothorax seinen gesamten Lebenszyklus im marinen Umfeld bewältigen konnte.
Zusätzliche Hinweise liefern Strontiumisotope aus dem fossilen Material. Das Verhältnis verschiedener Strontiumisotope im Wasser unterscheidet sich je nach geologischem Umfeld und kann in mineralisierten Hartgeweben erhalten bleiben. Die gemessenen Werte entsprechen dem Bereich, der für Meerwasser dieser Zeit erwartet wird. Solche Daten ersetzen keine direkte Beobachtung eines lebenden Tieres, ergänzen aber die geologische Fundlage um eine unabhängige chemische Spur. Gerade weil weiche Organe nicht fossil überliefert sind, wird die Lebensweise aus mehreren voneinander getrennten Indizien rekonstruiert.
Für heutige Amphibien ist Meerwasser physiologisch problematisch, weil ihre dünne, durchlässige Haut intensiv am Austausch von Wasser, Gasen und Salzen beteiligt ist. Im salzigen Ozean droht Wasser aus dem Körper zu entweichen, während Ionen eindringen. Gerrothorax besaß dagegen eine ungewöhnlich starke knöcherne Bedeckung. Dorsale und ventrale Panzerplatten schlossen große Bereiche des Rumpfes ein und reduzierten wahrscheinlich die frei liegende Hautfläche. Eine Eigenschaft, die den Stoffaustausch über die Körperoberfläche einschränkte, könnte ausgerechnet den Übergang in eine Umgebung erleichtert haben, die für ungeschützte Amphibienhaut besonders belastend ist.
Die Forscher vermuten, dass sich dadurch andere Organe stärker an der Regulation beteiligen mussten. Kiemen konnten den Gasaustausch übernehmen, während der Verdauungstrakt beim Umgang mit aufgenommenem Salzwasser eine größere Rolle gespielt haben könnte. Diese Interpretation bleibt funktionell, weil die entsprechenden Weichteile nicht erhalten sind. Sie passt jedoch zum grundsätzlichen Bauplan der Tiergruppe und erklärt, warum gerade ein stark gepanzerter Vertreter die ökologische Grenze zum Meer überwunden haben könnte. Ein älteres Fossil mit erhaltenen Kiemenstrukturen zeigt, wie wichtig solche Merkmale für die Rekonstruktion früher wasserlebender Tetrapoden sind.
Seine Körperform unterscheidet sich deutlich von der eines heutigen Salamanders. Der Schädel war sehr breit und flach, der Rumpf gedrungen, die Beine relativ kurz. Diese Proportionen passen zu einem Tier, das wenig Strecke im freien Wasser zurücklegte und stattdessen dicht über dem Boden wartete. Frühere Untersuchungen verwandter Gerrothorax-Arten deuten auf einen Saugmechanismus beim Beutefang hin: Durch schnelle Bewegungen von Schädel und Rachen konnte Wasser samt kleiner Beute in das Maul strömen. Im marinen Lebensraum wäre diese Strategie besonders für bodennahe Fische und wirbellose Tiere geeignet gewesen.
Auch die Zähne sprechen gegen eine Ernährung mit harter, großer Beute. Die Tiere besaßen zahlreiche kleine, spitze Zähne, mit denen sich glitschige Organismen festhalten ließen. Die ungewöhnliche Schädelmechanik der Gattung beschäftigt Paläontologen seit Jahren, weil der obere Teil des Kopfes bei verwandten Formen stärker beweglich gewesen sein könnte als bei heutigen Amphibien. Für die neue Art lässt sich aus den erhaltenen Knochen ein ähnlicher Funktionsrahmen ableiten, ohne jede einzelne Bewegung sicher rekonstruieren zu können. Das Tier erscheint damit eher als flacher Ansitzjäger denn als schneller Verfolger.
Mehr als achttausend Amphibienarten leben heute auf der Erde, von Fröschen über Schwanzlurche bis zu Schleichenlurchen. Keine davon verbringt ihr gesamtes Leben im offenen Meer. Manche Arten tolerieren Brackwasser oder gelangen kurzzeitig in salzhaltige Küstenzonen, doch Fortpflanzung und dauerhafte Lebensweise bleiben an Süßwasser oder feuchte Landhabitate gebunden. Der neue Fund zeigt, dass diese heutige Grenze kein unveränderliches Merkmal der gesamten Abstammungslinie war. In der Erdgeschichte entstand mindestens einmal ein Bauplan, der einen wesentlich weitergehenden Schritt erlaubte.
Bemerkenswert ist auch, dass Gerrothorax nicht zu den direkten Vorfahren heutiger Frösche oder Salamander zählt. Die Art gehört zu einer Seitenlinie früher Tetrapoden, deren genaue Stellung im Stammbaum weiterhin diskutiert wird. Ihr Beispiel zeigt deshalb vor allem, wie vielfältig Experimente der Evolution ausfallen konnten, bevor sich die heutigen Amphibiengruppen durchsetzten. Ähnliche überraschende Kombinationen aus alter Anatomie und neuer Lebensweise tauchen immer wieder in Fossilien auf, etwa beim Urzeithai aus Bayern, dessen Merkmale ebenfalls bestehende Vorstellungen über die Entwicklung einer Tiergruppe verändert haben.
Die größten Lücken betreffen Fortpflanzung und Salzhaushalt. Von den beiden Exemplaren sind keine Eier, Embryonen oder eindeutig zuordenbaren Jungtiere bekannt. Deshalb lässt sich bislang nicht bestimmen, ob die Tiere ihre Eier frei im Wasser ablegten, geschützte Bereiche nutzten oder eine andere Fortpflanzungsstrategie entwickelt hatten. Gerade dieser Punkt ist für Amphibien entscheidend, weil Eier und Larven häufig empfindlicher auf Salz reagieren als erwachsene Tiere. Eine vollständig marine Population müsste also nicht nur den Körper der ausgewachsenen Tiere, sondern auch die frühen Lebensstadien an das Meer angepasst haben.
Künftige Funde könnten diese offene Stelle schließen. Besonders wertvoll wären kleinere Exemplare derselben Art, Ansammlungen mehrerer Individuen oder Sedimente mit Eiern und Larven. Auch feinere chemische Analysen einzelner Knochenbereiche könnten prüfen, ob ein Tier während seines Wachstums zwischen unterschiedlichen Wasserarten wechselte. Bis solche Daten vorliegen, bleibt Gerrothorax maritimus vor allem durch die Kombination aus Panzerung, Fundort und Meerwassersignatur außergewöhnlich. Genau diese Mischung macht den Fund zu einem seltenen Fall, in dem ein nahezu vollständiges Skelett nicht nur verrät, wie ein Tier aussah, sondern auch, welche ökologische Grenze seine Linie einst überschritt.
Nature Ecology & Evolution, A fully marine stem amphibian from the Late Triassic of China; doi:10.1038/s41559-026-03209-9
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