Wiederansiedlung in Kasachstan

Nach 200 Jahren galoppieren wieder Wildpferd-Fohlen durch die Steppe

 Dennis Lenz

Nach 200 Jahren galoppieren wieder Wildpferd-Fohlen durch die Steppe
(Symbolbild) Das Przewalski-Pferd gilt als einziges echtes Wildpferd der Erde und war in freier Wildbahn vollständig verschwunden. Im zentralkasachischen Wiederansiedlungszentrum Alibi leben die Tiere seit 2024 wieder in ihrer historischen Heimat. Die Altyn-Dala-Steppe zählt zu den größten zusammenhängenden Graslandschaften Eurasiens und beherbergt auch Saiga-Antilopen und Kulane. Im Winter fallen die Temperaturen dort auf bis zu minus 40 Grad Celsius. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

In der Altyn-Dala-Steppe in Zentralkasachstan sind im August die ersten Wildpferd-Fohlen seit rund zwei Jahrhunderten zur Welt gekommen. Die beiden Hengstfohlen stammen von Stuten ab, die 2024 aus dem Tierpark Berlin in die Steppe gebracht wurden. Für das internationale Wiederansiedlungsprojekt ist der Nachwuchs der entscheidende Beleg dafür, dass sich Przewalski-Pferde in ihrem historischen Lebensraum nicht nur halten, sondern auch fortpflanzen. Bis zum Jahr 2029 sollen 40 bis 45 Tiere in der Turgai-Steppe leben.

Das Przewalski-Pferd, wissenschaftlich Equus przewalskii, ist das einzige Pferd der Erde, das nie domestiziert wurde. Anders als Mustangs, die von entlaufenen Hauspferden abstammen, trägt es eine eigene, sehr alte Linie in sich, erkennbar an der aufrecht stehenden Stehmähne, dem gedrungenen Körperbau und dem fahlbraunen Fell mit hellem Bauch. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschwand die Art vollständig aus der Wildnis. Überlebt hat sie ausschließlich in zoologischen Einrichtungen, wo ein international koordiniertes Erhaltungszuchtprogramm unter Federführung des Zoo Prag den kleinen Restbestand über Jahrzehnte hinweg genetisch stabil hielt. Aus dieser Reservepopulation stammen sämtliche Tiere, die heute wieder in Asien leben. Kasachstan ist nach der Mongolei und China das dritte Land, in dem die Art in ihren ursprünglichen Lebensraum zurückkehrt.

Der Weg dorthin führt über das Wiederansiedlungszentrum Alibi mitten in der Altyn-Dala-Steppe, einer Landschaft aus Grasland, Halbwüste und Feuchtgebieten, in der die Temperaturen im Winter auf bis zu minus 40 Grad Celsius fallen. Dort stehen großzügige Akklimatisierungsgehege, in denen die Tiere nach ihrer Ankunft rund ein Jahr verbringen, bevor die Gatter geöffnet werden. Die ersten Anlagen entstanden bereits 2012 in Zusammenarbeit kasachischer Partner mit Fachleuten des Tiergarten Nürnberg. Erst diese lange Vorbereitung macht den eigentlichen Test möglich, der über den Erfolg jeder Wiederansiedlung entscheidet: Eine Art gilt nicht als zurückgekehrt, wenn sie irgendwo überlebt, sondern erst dann, wenn sie sich in der neuen alten Heimat selbst vermehrt und die nächste Generation dort aufwächst.

Zwei Hengstfohlen im Zentrum Alibi

Nach Angaben des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung kam das erste Fohlen am 22. August 2026 zur Welt, das zweite folgte am 30. August. Beide sind männlich, beide waren kurz nach der Geburt auf den Beinen, ein Verhalten, das bei Steppenbewohnern über Leben und Tod entscheidet, weil Fluchttiere ihrem Rudel binnen Minuten folgen können müssen. Mutter des ersten Fohlens ist die siebenjährige Stute Tessa, es ist ihr erster Nachwuchs. Das zweite Fohlen stammt von der Stute Umbra. Beide Stuten gehörten zu den ersten sieben Przewalski-Pferden, die 2024 unter Leitung des Zoo Prag nach Kasachstan gebracht wurden, und beide kamen aus Berlin. Tierärzte des Leibniz-IZW begleiten die Herde seit der Ankunft und bestätigen, dass Stuten und Fohlen wohlauf sind.

Warum die Altyn-Dala-Steppe der richtige Ort ist

Dass Przewalski-Pferde aus der zentralkasachischen Steppe verschwanden, hatte dieselben Ursachen wie andernorts: Jagd, Konkurrenz mit Weidevieh und der Verlust großflächiger, ungestörter Graslandschaften. Anders als bei ausgestorbenen Eiszeittieren, deren Ende Forscher bis heute aus Genomdaten und Gewebeproben rekonstruieren müssen, wie zuletzt bei den Wollnashörnern und ihrem rätselhaften Aussterben, liegt der Fall hier anders. Der Lebensraum existiert weiterhin, und mit ihm die ökologischen Nischen, die früher von großen Pflanzenfressern besetzt waren. Die Altyn Dala Conservation Initiative arbeitet seit 2005 daran, dieses Steppenökosystem wiederherzustellen, wurde 2023 als UN World Restoration Flagship anerkannt und erhielt 2024 den Earthshot Prize. Neben dem Wildpferd steht auch der Asiatische Esel, der Kulan, auf der Liste der Arten, die zurückkehren sollen.

Vom letzten Zoobestand zurück in die Wildnis

Die Rückkehr läuft in Etappen. Die ersten sieben Tiere erreichten Kasachstan 2024 aus dem Tierpark Berlin und dem Zoo Prag, 2026 folgten vier Stuten aus dem Tiergarten Nürnberg, dem britischen Marwell Zoo und erneut aus Berlin sowie vier Hengste. Der Tierpark Berlin berichtete über die Öffnung der Gatter, mit der die Tiere erstmals frei in der Steppe unterwegs waren; zwei Berliner Stuten tragen GPS-Halsbänder, damit sich die Wege der Herde aus der Ferne verfolgen lassen. Koordiniert wird das Vorhaben von einem Konsortium aus dem Tiergarten Nürnberg, dem Zoo Prag, dem zuständigen kasachischen Ministerium, der Naturschutzorganisation ACBK, der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, dem Tierpark Berlin und dem ungarischen Hortobágy-Nationalpark. Das Ziel der Fachleute ist eine sich selbst erhaltende Population, für die mindestens 40 Tiere als Untergrenze gelten.

Was die Wildpferd-Fohlen für das Ökosystem bedeuten

Große Pflanzenfresser sind für Steppen keine Zugabe, sondern Baumeister. Durch ihr Grasen halten Przewalski-Pferde die Vegetation kurz und die Landschaft offen, sie verbreiten Samen über weite Strecken und schaffen damit Lebensräume für Insekten, Bodenbrüter und kleine Säugetiere. Ein Nebeneffekt gewinnt in trockenen Sommern an Bedeutung: Kurz gehaltenes Gras bedeutet weniger brennbares Pflanzenmaterial, wodurch sich Steppenbrände langsamer ausbreiten können. Wie stark einzelne Arten ganze Ökosysteme prägen, zeigt sich immer wieder auch bei unscheinbaren Organismen, etwa bei jener schwarzen Blume aus Thailand, die sich von Pilzen ernährt. In der Altyn-Dala-Steppe teilen sich die Wildpferde den Raum mit Saiga-Antilopen und Steppenadlern, deren Bestände sich in den vergangenen Jahren erholt haben.

Wie es mit der Herde weitergeht

Die nächsten Monate entscheiden darüber, ob aus dem Erfolg ein Trend wird. Die beiden Hengstfohlen wachsen gemeinsam mit der Herde in der Steppe auf und werden dabei tiermedizinisch und ökologisch überwacht, weil bislang niemand weiß, wie Jungtiere den ersten kasachischen Winter mit seinen extremen Temperaturen überstehen. Fachleute betonen, dass eine Population erst dann als gesichert gilt, wenn über mehrere Jahre hinweg regelmäßig Fohlen geboren werden und genügend davon das Erwachsenenalter erreichen. Bis 2029 sollen deshalb weitere Transporte folgen, damit die genetische Vielfalt breit genug bleibt. Für die beteiligten Zoos ist der Nachwuchs zugleich ein Argument in einer alten Debatte: Der größte Erfolg der Erhaltungszucht liegt nicht im Gehege, sondern dort, wo eine Art wieder ohne menschliche Hilfe leben kann.

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