Vor Alicante lebt eine Würfelqualle, die nur wenige Millimeter groß wird und der Wissenschaft lange verborgen blieb. Copula lucentia ist erst die zweite dokumentierte Würfelquallenart des Mittelmeers und wurde bislang nur bei El Campello nachgewiesen. Nun halten Forscher mehr als 200 frisch gesammelte Tiere erstmals im Aquarium und wollen beobachten, ob sie dort erwachsen werden und sich fortpflanzen. Gerade dieser nächste Schritt könnte eine der auffälligsten Lücken in der Biologie der neuen Art schließen.
Als Meeresbiologen der Universität Alicante bei El Campello nachts starke LED-Lampen ins klare Wasser hängten, tauchten nach einiger Zeit winzige, fast durchsichtige Tiere im Lichtkegel auf. Ihre kantige Glocke, die feinen Tentakel und die ungewöhnlichen inneren Strukturen passten zu den Würfelquallen, einer Tiergruppe, die aktiv schwimmen und mit komplexen Augen auf ihre Umgebung reagieren kann. Das Team um Eva S. Fonfría und César Bordehore sammelte die Tiere in flachem Küstenwasser und brachte sie in das Meereslabor der Universität nach Dénia. Die Universität Alicante berichtet nun über eine neue Sammelkampagne, bei der die Art erstmals lebend für längere Beobachtungen in ein Aquarium gebracht wurde.
Die Tiere wirken unter der Lupe eher wie gläserne Würfel mit dünnen Fäden als wie die großen Quallen, die Badegäste aus dem Meer kennen. Ihr Körper ist nahezu farblos, der Schirm stumpf pyramidenförmig und von winzigen weißen Nesselzellflecken übersät. An den vier Ecken sitzen flache Ansatzstücke, aus denen jeweils ein einzelner Tentakel hervorgeht. Im Inneren schimmern gelbliche bis orangefarbene Strukturen, während sich an der Oberseite kleine Haftflächen befinden, mit denen sich verwandte Arten zeitweise an Untergründe anheften können. Erst unter dem Mikroskop wird sichtbar, wie viele Merkmale auf so engem Raum zusammenkommen.
Ursprünglich stammen die Proben von der felsigen Halbinsel Illeta dels Banyets, deren Ufer von Sandflächen, Neptungraswiesen und grünen Algenfeldern umgeben ist. Für die Suche montierten die Forscher die Lampen am Abend nahe der Küste unter Wasser und warteten auf ruhige See. Sobald die Oberfläche glatt und das Wasser durchsichtig genug war, erschienen die ersten Würfelquallen im künstlichen Licht. Anschließend schöpften die Biologen sie vorsichtig mit Kunststoffbechern aus dem Meer und transportierten sie in gefiltertem Meerwasser weiter. Dieser einfache Aufbau war entscheidend, weil die Tiere tagsüber zwischen Stein, Pflanzen und Wasser kaum zu erkennen sind.
Über mehrere Herbstsaisons zeigte sich ein klares zeitliches Muster: Die meisten Fänge gelangen im frühen und mittleren Herbst, während im Spätsommer praktisch keine Tiere in den Proben auftauchten. Die Art lebte dabei in sehr flachem Wasser mit hohen, aber wechselnden Temperaturen. Das passt zu der Beobachtung, dass manche Quallen von warmen Meeresphasen profitieren und ihre Verbreitung verändern können; ein bereits veröffentlichter Überblick zu Quallen und steigenden Wassertemperaturen beschreibt solche Verschiebungen für andere Arten. Für Copula lucentia ist die bekannte Verbreitung bislang viel enger, denn sichere Nachweise gibt es nur von diesem Abschnitt der spanischen Mittelmeerküste.
Würfelquallen unterscheiden sich von vielen anderen Nesseltieren durch ihre ungewöhnlich leistungsfähige Sinnesausstattung. In kleinen Sinneskörpern am Rand des Schirms sitzen bei Copula lucentia Linsenaugen, Schlitzaugen und einfache Grubenaugen, die zusammen ein erstaunlich komplexes optisches System bilden. Hinzu kommt ein Statolith, ein winziges Gleichgewichtsorgan, das dem Tier hilft, seine Lage im Wasser zu erfassen. Solche Strukturen erklären, warum Würfelquallen nicht bloß passiv mit der Strömung treiben, sondern aktiv Hindernissen ausweichen und ihre Schwimmrichtung verändern können.
Auch die Form der inneren Kanäle erwies sich als wichtig. Bei der neu beschriebenen Art laufen schmale Kanäle spitz zu und erinnern in der Ansicht an kleine Vogelschnäbel. Beim nah verwandten Copula sivickisi sind diese Strukturen breiter, stärker verzweigt und eher pfotenförmig. Genau diese Unterschiede wurden mit genetischen Daten kombiniert. Die Analyse zweier Erbgutmarker bestätigte, dass die Tiere aus Spanien eine eigenständige Linie bilden und nicht nur eine lokale Variante einer bereits bekannten Art sind. Die wissenschaftliche Erstbeschreibung in Marine Biodiversity stützt die Zuordnung daher sowohl auf Anatomie als auch auf DNA.
Für den direkten Vergleich mussten die Forscher ein historisches Museumsstück wiederfinden, das jahrzehntelang als verschwunden galt. Der Holotyp von Copula sivickisi war einst aus dem Natural History Museum in London ausgeliehen worden und kehrte nicht zurück. Später tauchte das Präparat in einer Sammlung der Victoria University of Wellington in Neuseeland wieder auf und konnte nach London zurückgebracht werden. Erst dadurch stand das maßgebliche Referenzexemplar wieder zur Verfügung, mit dem sich die spanischen Tiere anatomisch sauber vergleichen ließen.
Die Geschichte zeigt, wie stark moderne Artbestimmung von alten Sammlungen abhängt. Ein Name in einer Datenbank reicht nicht aus, wenn die ursprüngliche Referenz fehlt oder nur unvollständig beschrieben wurde. Bei Copula lucentia konnten die Forscher den alten Typus direkt untersuchen, Präparate unter dem Stereomikroskop vergleichen und zusätzlich genetische Sequenzen von Tieren aus mehreren Weltregionen einbeziehen. Das Ergebnis war deutlich genug für eine neue Art. Zugleich deuten die Analysen darauf hin, dass innerhalb der Gattung Copula weitere bislang unerkannte Linien existieren.
Der neue Anlass für die aktuelle Meldung liegt nun in València. Mitarbeiter des Oceanogràfic sammelten gemeinsam mit der Universität Alicante erneut Tiere vor El Campello und brachten einen Teil davon in das MedusaLab. Dort werden die durchsichtigen Quallen in speziellen Becken gehalten und für Besucher mit einer Lupe sichtbar gemacht. Miguel Candelas, der beim Oceanogràfic für Quallen zuständig ist, beschreibt die Haltung als Premiere, weil bislang niemand diese Art über längere Zeit im Aquarium gepflegt hat. Für die Tierpfleger bedeutet das, Fütterung, Wasserströmung, Licht und Temperatur ohne etablierte Erfahrungswerte aufeinander abzustimmen.
Besonders wichtig ist der Reifeprozess. Die frisch gefangenen Tiere befinden sich noch in einem unreifen Stadium, und von der Art sind bislang weder erwachsene Männchen noch ihr vollständiges Paarungsverhalten dokumentiert. Unbekannt ist auch, wie die festsitzende Polypenphase aussieht und unter welchen Bedingungen daraus neue Medusen entstehen. Wenn die Tiere im Aquarium geschlechtsreif werden, könnten Biologen erstmals den kompletten Zyklus beobachten und zugleich feststellen, welche Umweltreize den Übergang zwischen seinen einzelnen Stadien steuern.
Wie andere Würfelquallen besitzt Copula lucentia Nesselzellen, deren mikroskopische Kapseln bei Reizung einen feinen Faden ausschleudern können. In den untersuchten Tieren wurden verschiedene Formen solcher Kapseln in Tentakeln, Schirm und inneren Geweben gefunden. Beim Sammeln und Anfassen registrierten die Forscher keine Stiche, und aus El Campello sind bisher keine Verletzungen bekannt, die dieser Art zugeordnet werden konnten. Eine gezielte toxikologische Untersuchung steht aber noch aus. Wie Quallengifte grundsätzlich auf Zellen wirken, zeigt ein anderer aktueller Beitrag über den molekularen Angriffspunkt von Quallengift.
Neben der Giftwirkung interessiert die Forscher vor allem die Rolle der Art im Nahrungsnetz. Die ursprüngliche Arbeitsgruppe kündigte bereits Untersuchungen des Mageninhalts an, doch zentrale Fragen sind offen: Welche Beute fängt diese winzige Meduse, welche Tiere fressen sie selbst und warum tritt sie an ihrem Fundort saisonal so konzentriert auf? Gerade kleine gallertartige Organismen werden bei klassischen Netzfängen leicht beschädigt oder übersehen. Eine Art, die direkt vor einer dicht besiedelten Mittelmeerküste lange unbemerkt blieb, macht sichtbar, wie lückenhaft selbst gut untersuchte Küstenökosysteme auf dieser Größenskala noch sein können.
Im MedusaLab soll sich nun zeigen, ob die Tiere unter kontrollierten Bedingungen den nächsten Entwicklungsschritt erreichen. Gelingt die Fortpflanzung, könnten erstmals Polypen, Jungmedusen und erwachsene Tiere derselben Art lückenlos dokumentiert werden. Misslingt sie, liefern Fütterungsversuche, Verhalten und Wachstum dennoch Daten darüber, welche Bedingungen Copula lucentia benötigt. Für die Biologen ist damit nicht die Benennung der neuen Würfelqualle der Schlusspunkt, sondern der Beginn einer Phase, in der erstmals beobachtet werden kann, wie dieses kaum sichtbare Tier tatsächlich lebt.
Universidad de Alicante, Científicos de la Universidad de Alicante descubren una nueva especie de medusa que bautizan como ‘Copula lucentia’ por hallarse en aguas alicantinas
Marine Biodiversity, Copula lucentia sp. nov., a new box jellyfish (Cnidaria: Cubozoa: Carybdeida) from Western Mediterranean Sea; doi:10.1007/s12526-024-01460-6
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