Orang-Utans schätzen eine Futterbelohnung offenbar höher, wenn sie beim Lernen das Lachen von Artgenossen gehört haben. In einem Experiment mit sechs Zootieren bevorzugten die Menschenaffen später jenes Futterversteck, das mit Aufnahmen spielender und lachender Orang-Utans verknüpft war, obwohl beide Verstecke gleich viel Futter enthalten hatten. Gelernt haben die Tiere dabei nicht schneller, sie bewerteten das Gelernte aber anders. Die Forscher deuten das als Hinweis darauf, dass gute Stimmung auch bei Menschenaffen beeinflusst, wie Erfahrungen gespeichert und bewertet werden. Die Stichprobe ist allerdings sehr klein, und die positive Stimmung selbst wurde nicht direkt gemessen.
Beim Menschen ist der Zusammenhang gut bekannt: Wer in guter Stimmung lernt, erinnert sich oft positiver an das Gelernte und misst ihm mehr Wert bei. Fachleute sprechen von affektiven Verzerrungen, also Verschiebungen im Lernen und Entscheiden, die vom Gefühlszustand ausgehen. Ob diese Eigenschaft eine lange Evolutionsgeschichte hat, ist bislang kaum untersucht. Bei Ratten und Mäusen ließ sich zwar zeigen, dass Medikamente oder Stress die Bewertung von Belohnungen verändern. Wie positive soziale Signale wirken, blieb dagegen weitgehend offen. Ein Team um den Verhaltensforscher Daan Laméris aus dem Labor von Erica Cartmill an der Indiana University in Bloomington hat diese Frage nun bei Orang-Utans untersucht. Beteiligt waren außerdem Forscher des Indianapolis Zoo, der University of California in Santa Barbara, der University of South Alabama, der University of Canterbury in Neuseeland und der Universitat Autònoma de Barcelona.
Laméris ist zugleich am Forschungszentrum der Königlichen Zoologischen Gesellschaft Antwerpen tätig. Den Großteil der Versuche führte er im ZOO Planckendael im belgischen Mechelen durch, wo fünf der sechs Versuchstiere leben. Das sechste Tier lebt im Indianapolis Zoo, wo die Doktorandin Emma Nelson einen Teil der Untersuchung übernahm. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Biology Letters der britischen Royal Society erschienen.
Die Forscher übertrugen einen Test aus der Nagetierforschung auf Menschenaffen. Dieser sogenannte Affective Bias Test wird bei Ratten genutzt, um zu untersuchen, wie Depressionen und Antidepressiva das Lernen beeinflussen. Das Prinzip ist einfach: Ein Tier lernt an verschiedenen Tagen, dass sich unter zwei verschiedenen Materialien jeweils Futter verbirgt. Wenn es später zwischen beiden wählen darf, sollte es bei gleicher Belohnung keines bevorzugen. Bevorzugt es trotzdem eines, muss der Zustand des Tieres während des Lernens eine Rolle gespielt haben. Bei den Orang-Utans dauerte jeder Durchgang fünf aufeinanderfolgende Tage, an denen die Tiere in Schalen mit unterschiedlichen Materialien nach Futter wühlten.
An den Tagen eins und drei lag das Futter stets unter demselben Material, etwa Holzspänen, und nie unter einem zweiten, etwa Papiertüchern. An den Tagen zwei und vier blieb das leere Material gleich, das Futter steckte nun aber unter einem neuen Material wie Wolle. Je nach Tag und Material bekamen die Tiere vor dem Lernen eine von zwei Aufnahmen zu hören. Die eine enthielt etwa fünf Minuten lang Spiellaute unbekannter Orang-Utans, darunter das typische keuchende Lachen der Menschenaffen. Die andere bestand aus einem gleich lauten künstlichen Windrauschen. Welches Material mit welchem Geräusch verknüpft wurde und wo die Schalen standen, wechselten die Forscher systematisch, damit weder eine Vorliebe für ein bestimmtes Material noch für eine Seite das Ergebnis verfälschen konnte. Am fünften Tag standen schließlich die beiden zuvor belohnten Materialien nebeneinander, und die Orang-Utans durften wählen.
Das Ergebnis fiel deutlich aus. Alle sechs Orang-Utans zeigten eine Vorliebe in Richtung des Materials, das sie zusammen mit den Spiellauten kennengelernt hatten. Bei vier von ihnen war die Bevorzugung auch für sich allein betrachtet statistisch gesichert. Für die Gruppe als Ganzes lag der Präferenzwert klar über null, die Effektstärke bezeichnen die Autoren als groß. Bemerkenswert ist, was sich nicht verändert hatte: Die Tiere lernten den Zusammenhang zwischen Material und Futter nach den Spiellauten nicht schneller als nach dem Windrauschen. Das Lachen beschleunigte also nicht die Aufnahme der Information, sondern veränderte offenbar, welchen Wert die Tiere dem Gelernten im Gedächtnis beimaßen. Die Forscher sprechen von einer Wirkung auf die Festigung des Belohnungswerts.
Damit dieser Schluss tragfähig ist, prüfte das Team zuerst, ob der Test bei Orang-Utans überhaupt funktioniert. In einem Vorversuch lagen unter einem Material jeweils drei Futterstücke, unter dem anderen nur eines. Hier wählten die Tiere anschließend bevorzugt das Material, das zuvor mehr Futter geliefert hatte. Ihre Erinnerung reagierte also tatsächlich auf Unterschiede im Belohnungswert. Vor diesem Hintergrund lässt sich die spätere Bevorzugung des Lach-Materials so lesen, als hätten die Orang-Utans eine gleich große Belohnung als wertvoller abgespeichert, nur weil sie dabei gute Laune hatten. Auch in diesem Vorversuch lernten die Tiere übrigens nicht schneller, wenn mehr Futter lockte, sondern nur durch die wiederholten Sitzungen.
Menschenaffen lachen beim Spielen, etwa beim Raufen und Kitzeln, mit einem rhythmischen, keuchenden Laut und einem entspannt geöffneten Mund. Dieses Lachen gilt als ansteckend: Orang-Utans ahmen das Spielgesicht eines Artgenossen bereits nach sehr kurzer Zeit nach, wie frühere Untersuchungen gezeigt haben. Laméris und Cartmill gehen deshalb davon aus, dass die Aufnahmen die Tiere in eine positivere Stimmung versetzten und diese Stimmung auf die Lernerfahrung abfärbte. Spiel ist bei Orang-Utans auch sonst ein wichtiger Teil des sozialen Lebens, so nehmen Orang-Utan-Mütter für Spieltreffen ihrer Jungen sogar Umwege in Kauf. Die Spiellaute könnten demnach nicht nur ein Signal an andere oder ein Ausdruck innerer Freude sein. Sie könnten auch dazu beitragen, dass beim Spielen Gelerntes besser gespeichert und höher bewertet wird.
Besonders überrascht hat die Forscher, dass sich der Effekt ausgerechnet bei Orang-Utans zeigt. Sie seien die am wenigsten sozialen aller Menschenaffen, sagt Laméris. Erwachsene Orang-Utans leben in freier Wildbahn meist als Einzelgänger, anders als Schimpansen, Bonobos oder Gorillas mit ihren festen Gruppen. Wenn das Lachen sogar bei vergleichsweise ungeselligen Tieren eine so messbare Wirkung entfaltet, spricht das aus Sicht der Forscher dafür, dass es eine wichtige Rolle spielt. Der Primatologe Adriano Lameira von der University of Warwick, der nicht an der Studie beteiligt war, bezeichnete die Ergebnisse gegenüber der Zeitung The Guardian als faszinierend. Die Orang-Utans hätten im Grunde gesagt, sie nähmen das, was die anderen gerade haben.
Cartmill vergleicht den Befund mit einer vertrauten Erfahrung beim Menschen. Die Pfannkuchen der Großmutter schmecken vielen am besten, nicht weil sie objektiv die besten sind, sondern weil sie mit schönen Erinnerungen an Besuche bei einem geliebten Menschen verknüpft sind. Die Studie zeige, dass sich der Wert des Lachens und der Wert einer guten Stimmung messen lassen, so Cartmill. Wer in besserer Stimmung sei, erinnere sich positiver an das Gelernte und messe ihm mehr Wert bei. Es komme beim Lernen also nicht nur auf die Größe oder Häufigkeit einer Belohnung an, sondern auch auf den Zustand, in dem sich ein Lebewesen in diesem Moment befindet.
Gegenüber dem Guardian übertrug Cartmill den Gedanken vorsichtig auf Schüler. Diese lernten möglicherweise unabhängig von ihrer Stimmung ähnlich schnell, würden das Gelernte aber höher schätzen, wenn sie dabei gut gelaunt seien. Wer etwa beim Mathematiklernen ängstlich sei, entscheide sich später vielleicht seltener für dieses Fach. Diese Übertragung ist allerdings eine Überlegung der Forscherin und kein Ergebnis der Studie, die ausschließlich Orang-Utans untersucht hat. Beim Menschen ist der Einfluss von Gefühlen auf Lernen und Gedächtnis zwar gut erforscht, ein direkter Vergleich mit dem Experiment an Menschenaffen steht aber aus.
Die Studie gehört zu einem größeren Projekt, in dem Cartmills Team untersucht, ob Tiere Freude empfinden und welche Folgen solche Gefühle für Denken und Lernen haben. Gefördert wurde die Arbeit unter anderem von der Templeton World Charity Foundation und der flämischen Regierung. Cartmill kritisiert, dass sich die Forschung zu Gefühlen bei Tieren bislang vor allem auf Angst, Trauer und Verlust konzentriert habe. Das stütze die Vorstellung, das Leben von Tieren drehe sich nur um Konkurrenz und Überleben. Ihr gehe es auch um die Momente, die das Leben der Tiere prägen, um Freundschaften und Erinnerungen. Dass sich Gefühlszustände bei Tieren über ihr Verhalten erfassen lassen, haben Forscher auch bei anderen Arten gezeigt, so zeigen sogar Fische messbare Gefühlszustände.
So klar das Ergebnis ausfällt, so klein ist die Grundlage. Sechs Tiere aus zwei Zoos sind eine sehr kleine Stichprobe, auch wenn bei Menschenaffen kaum größere Gruppen für solche Versuche zur Verfügung stehen. Ob sich der Effekt bei weiteren Orang-Utans, bei anderen Menschenaffen oder bei wild lebenden Tieren wiederholen lässt, müssen künftige Studien zeigen. Zudem haben die Forscher die gute Stimmung nicht direkt gemessen, etwa über Stresshormone oder Gesichtsausdrücke, sondern aus dem Wahlverhalten erschlossen. Als Kontrolle diente ein künstliches Windrauschen und kein anderer Laut von Artgenossen. Ob allein das fröhliche Lachen den Unterschied ausmacht oder schon jede vertraute Stimme eines Orang-Utans eine ähnliche Wirkung hätte, lässt sich mit diesem Aufbau daher nicht vollständig trennen.
Dennoch erweitert die Arbeit das Bild davon, wie Menschenaffen kommunizieren und lernen. Orang-Utans gelten als sehr lernfähig, manche Tiere haben in Gefangenschaft sogar Grundlagen der menschlichen Sprache gelernt. Das neue Experiment deutet darauf hin, dass dabei nicht nur zählt, was die Tiere lernen, sondern auch, in welcher Stimmung sie es tun. Die Autoren haben ihre Ergebnisse vorab auf dem Preprint-Server bioRxiv vorgestellt und Daten sowie Auswertungscode frei zugänglich gemacht. Wer die genauen Werte nachvollziehen will, findet sie in der frei zugänglichen Studie in Biology Letters. Das Lachen eines Artgenossen ist für Orang-Utans demnach mehr als ein Geräusch, es kann den Wert einer ganz gewöhnlichen Mahlzeit verändern.
Biology Letters, Play vocalizations induce affective bias in reward learning and memory in orangutans; doi:10.1098/rsbl.2026.0404
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