Familien im Regenwald

Orangutan-Mütter nehmen für Spieltreffen ihrer Jungen Umwege in Kauf

 Dennis Lenz

Orangutan-Mütter nehmen für Spieltreffen ihrer Jungen Umwege in Kauf
(Symbolbild) Orangutan-Mütter beeinflussen, welchen Spielpartnern ihre Jungen begegnen. Langjährige Beobachtungen auf Borneo verbinden diese Kontakte mit veränderten Wegen der Familien. An Spieltagen verbringen die Mütter weniger Zeit mit dem Fressen. Der Befund erweitert das Bild ihrer Fürsorge. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Orangutan-Mütter verändern ihre Wege offenbar gezielt, damit ihre Jungen andere Jungtiere zum Spielen treffen. An solchen Tagen legen sie größere Strecken zurück und verbringen weniger Zeit mit dem Fressen. Eine Untersuchung über 15 Jahre zeigt das Muster bei wild lebenden Tieren auf Borneo. Besonders aufschlussreich sind ihre Bewegungen vor und nach den Begegnungen.

Die Mütter bewegten sich bereits vor Spieltreffen stärker in Richtung der bevorzugten Aufenthaltsbereiche benachbarter Weibchen. Nach den Begegnungen kehrten sie wieder eher in ihre eigenen Kerngebiete zurück. Das spricht gegen die einfache Vorstellung, die Jungen hätten nur zufällig miteinander gespielt, weil sich ihre Mütter gerade am selben Futterplatz aufhielten.

Für die am 6. Oktober 2026 in PNAS veröffentlichte Untersuchung wertete das Team mehr als 32.000 Beobachtungsstunden aus. Erfasst wurden 31 Mutter-Nachwuchs-Paare von insgesamt 14 Müttern am Forschungsstandort Tuanan in Indonesien. Eine Mutter konnte also mit unterschiedlichen Jungen in den langjährigen Daten vertreten sein.

Warum Spieltreffen nicht selbstverständlich sind

Orangutans leben nicht in großen, dauerhaft zusammenbleibenden Gruppen. Besonders eng ist die Verbindung zwischen Mutter und abhängigem Nachwuchs. Für junge Tiere bedeutet das, dass Gleichaltrige nicht ständig neben ihnen auftauchen. Die Chance auf gemeinsames Spielen hängt auch davon ab, wohin die Mutter zieht und wie lange sie in der Nähe einer anderen Familie bleibt.

Das beteiligte Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie beschreibt eine Abhängigkeit der Jungen von sieben oder mehr Jahren. Der untersuchte Alltag besteht damit nicht aus einem kurzen Zeitraum nach der Geburt. Die Mutter beeinflusst über Jahre, welche anderen Tiere der Nachwuchs erreichen kann. Räumliche Nähe wird so zu einer Voraussetzung für soziale Erfahrungen.

Orangutan-Mütter suchen passende Partner für den Nachwuchs

Die Spielkontakte waren besonders wahrscheinlich, wenn die Jungen ein ähnliches Alter hatten. Bei der Auswertung berücksichtigten die Forscher unter anderem die Verwandtschaft der Mütter, das Nahrungsangebot und die Überschneidung ihrer Aufenthaltsgebiete. Solche Faktoren sind wichtig, weil sie ebenfalls erklären könnten, warum zwei Familien einander häufiger begegnen.

Der entscheidende Unterschied liegt zwischen einem gemeinsamen Ziel der Mütter und einem Vorteil für die Jungen. Zwei Weibchen könnten dieselbe fruchttragende Pflanze aufsuchen, ohne dass der Nachwuchs für diese Entscheidung eine Rolle spielt. Die Verbindung aus passenden Spielpartnern, veränderten Wegen und der Rückkehr nach den Treffen stützt hier jedoch die Deutung, dass die Kontakte der Jungen selbst zum Bewegungsmuster beitragen.

Die seltenen Begegnungen beanspruchen Zeit und Energie

Spielen mit anderen Jungtieren wurde nur an ungefähr sechs Prozent der vollständig beobachteten Tage erfasst. An Tagen mit solchen Kontakten verbrachten die Jungen im Durchschnitt etwa 20 Minuten damit. Die geringe Häufigkeit macht verständlich, warum eine einzelne Begegnung für die Untersuchung der sozialen Entwicklung interessant ist.

Für die Mütter war sie mit längeren Wegen und weniger Zeit zum Fressen verbunden. Gemessen wurde damit ein verändertes Zeitbudget, nicht ein nachgewiesener Gewichtsverlust. Auch die genaue zusätzliche Energiemenge wurde daraus nicht unmittelbar bestimmt. Der beobachtete Tausch bleibt trotzdem konkret: Mehr Bewegung und Kontakt gingen zulasten eines Teils der Zeit, die sonst für Nahrungsaufnahme zur Verfügung stand.

Was die Daten über Absicht verraten

Die Forscher beobachteten frei lebende Tiere. Sie wiesen den Müttern weder bestimmte Wege noch bestimmte Spielpartner zu. Das Sozialverhalten wurde deshalb nicht in einem Experiment erzwungen. Die Daten liefern starke Hinweise auf eine aktive Rolle der Mütter, aber keinen direkten Zugang zu ihren Gedanken. Eine langfristige Planung wie bei einem menschlichen Kalender ist damit nicht bewiesen.

Ebenso bleibt offen, welchen späteren Vorteil jedes einzelne Jungtier aus seinen Spielkontakten zieht. Die Untersuchung verfolgt zunächst das Verhalten und seinen unmittelbaren Aufwand. Sie zeigt nicht, dass ein bestimmtes Maß an Spielen später zwangsläufig zu höherem Fortpflanzungserfolg führt.

Der Befund verändert dennoch den Blick auf mütterliche Fürsorge. Sie kann mehr umfassen als Transport, Schutz und Unterstützung bei der Nahrungssuche. Bei einer überwiegend einzelgängerischen Art können schon die Wege der Mutter bestimmen, ob der Nachwuchs überhaupt passende Sozialpartner erreicht. Die seltenen Begegnungen erscheinen dadurch weniger als beiläufige Unterbrechung und stärker als Teil eines von den Müttern mitgestalteten Alltags.

PNAS, Maternal ranging strategies facilitate offspring social play at energetic cost in the most solitary ape; doi:10.1073/pnas.2621225123

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