Freigang

Katzen gewöhnen sich schneller an das Leben drinnen als gedacht

 Dennis Lenz

Katzen gewöhnen sich schneller an das Leben drinnen als gedacht
(Symbolbild) Der Wechsel von der Freilaufhaltung in die Wohnung gilt vielen Haltern als Zumutung für das Tier und wird deshalb oft aufgeschoben. Eine Befragung aus Australien und Neuseeland hat erstmals systematisch erfasst, wie dieser Übergang tatsächlich verläuft und woran er sich festmacht. Die Rückmeldungen zu Katzen fallen deutlich anders aus als die vorher geäußerten Befürchtungen. Auch bei den Kosten verschieben sich die Verhältnisse im Lauf der Zeit. (Foto: © Forschung und Wissen)

Wer Katzen bislang im Freien laufen ließ und über eine reine Wohnungshaltung nachdenkt, rechnet meist mit wochenlangem Protest und einem unglücklichen Tier. Eine Befragung von 87 Haltern in Australien und Neuseeland liefert dazu erstmals systematische Erfahrungswerte. Erfasst wurden Anlass, Vorbereitungszeit, Verlauf und Folgekosten des Übergangs sowie die Verhaltensänderungen der Tiere in den ersten Wochen. Die Rückmeldungen weichen deutlich von den zuvor geäußerten Erwartungen ab. Zugleich benennen die Halter sehr konkret, an welchen Stellen es tatsächlich schwierig wird.

Die Frage nach Freigang oder Wohnungshaltung ist eine der am kontroversesten diskutierten in der Heimtierhaltung. Auf der einen Seite steht das Bedürfnis nach Bewegung, Reizvielfalt und Jagdverhalten, auf der anderen stehen Risiken, die sich außerhalb der Wohnung nicht kontrollieren lassen. Genau diese Risiken nannten die befragten Katzenhalter als wichtigsten Beweggrund für die Umstellung: der Straßenverkehr, Angriffe durch andere Tiere, Infektionskrankheiten, Parasiten und Vergiftungen. Hinzu kam bei einem Teil der Befragten die Sorge um heimische Wildtiere, insbesondere um Vögel, für die freilaufende Hauskatzen in vielen Regionen ein erheblicher Sterblichkeitsfaktor sind. In Australien und Neuseeland ist dieser Aspekt besonders präsent, weil dort zahlreiche bodenbrütende und flugunfähige Arten leben, die gegenüber eingeführten Beutegreifern kaum Abwehrverhalten entwickelt haben.

Auffällig ist, wie wenig geplant der Wechsel in der Praxis abläuft. Ausgelöst wurde er häufig durch unvorhergesehene Ereignisse wie eine Verletzung, eine Erkrankung, einen Umzug oder eine plötzlich aufgetretene Gefahrenlage in der Nachbarschaft. Mehr als ein Drittel der Halter hatte nach eigener Auskunft wenig oder gar keine Zeit zur Vorbereitung, knapp die Hälfte traf vorab überhaupt keine Vorkehrungen. Angesichts dieser Ausgangslage wäre ein schwieriger Verlauf zu erwarten gewesen. Tatsächlich beschrieben mehr als zwei Drittel den Prozess im Rückblick als leichter als befürchtet. Rund die Hälfte der Tiere stellte sich innerhalb weniger Wochen um, jüngere Katzen dabei schneller als ältere. Die vollständige Auswertung ist über die Veröffentlichung in einer verhaltensbiologischen Fachzeitschrift zugänglich.

Was in den ersten Wochen bei umgestellten Katzen wirklich passiert

Beschönigt wird der Übergang in den Rückmeldungen nicht. Die Tiere waren in der Anfangszeit deutlich lauter, kratzten an Türen und Fenstern und wirkten zeitweise frustriert. Genau dieses Verhalten ist der Punkt, an dem viele Halter zweifeln, ob die Entscheidung richtig war. Nach den Angaben der Befragten handelte es sich jedoch überwiegend um eine vorübergehende Phase, die sich nach einigen Wochen legte. Als hilfreich beschrieben wurden Maßnahmen, die das Tier beschäftigen und ihm Höhe verschaffen, also Kletterebenen, ein stabiler Kratzbaum, wechselndes Spielzeug und regelmäßige aktive Spieleinheiten mit dem Halter. Als dauerhafte Baustellen benannten die Teilnehmer drei Themen: ausreichend Beschäftigung im Alltag, die Pflege der Katzentoilette und die Vermeidung von Gewichtszunahme durch weniger Bewegung. Dieser letzte Punkt trifft einen wunden Nerv, denn Übergewicht bei Hund und Katze ist bereits ohne Haltungswechsel weit verbreitet.

Kosten verschieben sich, Schuldgefühle bleiben

Interessant ist die wirtschaftliche Bilanz, weil sie nicht in eine Richtung ausschlägt. Auf der Ausgabenseite stiegen die laufenden Kosten für Futter, Streu und bauliche Anpassungen wie Fenstersicherungen oder Netze. Gleichzeitig sanken die Tierarztkosten im Zeitverlauf, weil Verletzungen aus Revierkämpfen, Unfälle und die typischen Erkrankungen freilaufender Tiere seltener auftraten. Unabhängig von dieser Rechnung berichtete ein erheblicher Teil der Halter von anhaltenden Schuldgefühlen, weil sie dem Tier Freiheit entzogen zu haben glaubten, obwohl sie die Entscheidung selbst für die sicherere hielten. Auf der Habenseite standen ein besseres Gefühl der Sicherheit, die Möglichkeit, den Gesundheitszustand des Tieres genauer zu beobachten, mehr gemeinsame Zeit und in vielen Fällen eine engere Bindung. Dass ausgerechnet dieselben Punkte, die vorher Sorge auslösten, hinterher als größter Gewinn genannt wurden, ist eines der klarsten Muster der Auswertung.

Wie belastbar die Ergebnisse sind

Bei der Einordnung ist Zurückhaltung angebracht. Die Stichprobe umfasst 87 Personen, sie beruht auf Selbstauskunft und dürfte Halter überrepräsentieren, die ihre Entscheidung als gelungen empfinden und deshalb bereit waren, daran teilzunehmen. Objektive Messungen zum Stressniveau der Tiere, etwa über Cortisolwerte oder standardisierte Verhaltensbeobachtung, fehlen. Aussagen zum Tierwohl lassen sich daraus nur eingeschränkt ableiten. Was die Erhebung dagegen belastbar zeigt, ist die Differenz zwischen Erwartung und Erfahrung sowie der Umstand, dass die meisten Umstellungen ungeplant und ohne jede Vorbereitung beginnen. Genau daraus leiten die Autoren ihren praktischen Schluss ab: Nicht das Tier braucht die meiste Unterstützung, sondern der Halter, und zwar in Form leicht zugänglicher Information zu dem, was in den ersten Wochen normal ist und wann es sich lohnt, gegenzusteuern.

Applied Animal Behaviour Science, Owner-reported experiences of transitioning cats from outdoor to indoor living; doi:10.1016/j.applanim.2026.107120

Spannend & Interessant
VGWortpixel