Duftsignale

Katzen erkennen sich an einem chemischen Fingerabdruck im Urin

 Dennis Lenz

Katzen erkennen sich an einem chemischen Fingerabdruck im Urin
(Symbolbild) Der geöffnete Fang bei der Geruchsprüfung leitet flüchtige Moleküle zum Vomeronasalorgan, mit dem Katzen fremde Duftmarken von den eigenen unterscheiden. (Foto: © Forschung und Wissen)

Katzen können einander offenbar allein am Geruch ihres Urins auseinanderhalten, und Forschende haben nun die dafür verantwortlichen Moleküle bestimmt. In frischem wie älterem Urin fanden sie einen individuell einzigartigen Satz von 13 verzweigtkettigen Fettsäuren, der über die Zeit erstaunlich stabil bleibt. Gleichzeitig löst der Befund ein mehr als hundert Jahre altes Rätsel über die Niere der Katze. Damit rückt eine chemische Signatur ins Blickfeld, die wie ein Ausweis funktioniert.

Ein internationales Team unter Leitung der japanischen Iwate-Universität ging der Frage nach, wie Katzen dauerhafte Informationen in einem so flüchtigen Signal wie Geruch speichern. Der Ausgangspunkt war die Flehmen-Reaktion: das halb geöffnete Maul, mit dem Katzen intensiv riechen. Diese Reaktion trat häufiger auf, wenn die Tiere den Urin fremder Artgenossen prüften, und nahm bei wiederholtem Kontakt mit derselben Probe ab. Sobald der Urin eines neuen Individuums präsentiert wurde, stieg das Interesse wieder an.

Aus diesem Verhalten leiteten die Forschenden ab, welche Bestandteile den Unterschied tragen. Sie zerlegten den Urin chemisch und boten den Tieren einzelne Fraktionen an. Immer wieder reagierten die Katzen gezielt auf jenen Anteil, der die verzweigtkettigen Fettsäuren enthielt. Insgesamt 44 Katzen lieferten Urinproben, 27 davon nahmen an den Schnüffeltests teil.

Warum der Duft von Katzen so lange hält

Die 13 verzweigtkettigen Fettsäuren waren in ihrer Kombination und ihrem Mengenverhältnis bei jedem Tier verschieden, blieben innerhalb desselben Individuums aber vergleichsweise konstant. Weil diese Moleküle nur halbflüchtig sind, verdunsten sie langsam und bleiben mindestens einen Tag nach dem Absetzen der Marke nachweisbar. Genau das macht sie als Träger einer beständigen Individualinformation geeignet. Verwandte Tiere hatten ähnlichere Profile, doch selbst innerhalb einer Familie blieben die individuellen Unterschiede erhalten. Dass Tiere über bislang unterschätzte Sinnesleistungen verfügen, zeigt auch die Forschung zum unterschätzten Sinnesleben des Dodo.

Ein hundert Jahre altes Nierenrätsel

Der überraschendste Teil betrifft die Herkunft der Signatur. Die Fettsäuren fanden sich konzentriert in den Nieren, nicht aber in Blut, Leber oder anderen untersuchten Geweben. In der Nierenrinde von Katzen stecken auffällig viele Fetttröpfchen, ein Merkmal, das seit über einem Jahrhundert bekannt ist, dessen Funktion aber nie geklärt war. Die neue Arbeit legt nahe, dass diese Tröpfchen als Reservoir dienen, das die individuelle Duftsignatur stabil hält. Ähnliche Verbindungen tauchten auch bei Löwen, Tigern, Leoparden und Luchsen auf, was auf ein in der Katzenfamilie verbreitetes Prinzip hindeutet. Wie stabil biologische Uhren und Signale über lange Zeiträume bleiben können, verdeutlichen auch periodische Zikaden, die exakt 13 oder 17 Jahre unter der Erde warten.

Was die Entdeckung praktisch bedeuten kann

Über das Verständnis der Kommunikation hinaus eröffnet der Befund Anwendungen. Weil Katzen besonders anfällig für chronische Nierenerkrankungen sind, könnte das Wissen über die Fettspeicherung in der Niere langfristig für die Tiergesundheit relevant werden. Die Studie beschreibt die Fettsäuren als starke Kandidaten für eine chemische Visitenkarte, betont aber, dass die genaue Freisetzung aus den Nierentröpfchen in den Urin noch offen ist. Wie diese Depots gebildet, erhalten und ausgeschüttet werden, soll nun weiter untersucht werden.

Die Studie erschien in Current Biology (2026). DOI: 10.1016/j.cub.2026.07.045.

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