Unerwartet

Der Dodo hatte ein völlig unterschätztes Sinnesleben

 Dennis Lenz

Der Dodo hatte ein völlig unterschätztes Sinnesleben
(Symbolbild) Der Dodo gilt als Sinnbild des vom Menschen verursachten Aussterbens, doch über sein tatsächliches Leben ist erstaunlich wenig bekannt. Neue Untersuchungen der wenigen erhaltenen Schädel zeichnen ein deutlich vielschichtigeres Bild des Vogels von Mauritius. Statt eines tumben Riesen zeigt sich ein Tier mit fein abgestimmten Sinnen. Damit gerät ein jahrhundertealtes Vorurteil ins Wanken. (Foto: © Forschung und Wissen)

Kaum ein ausgestorbenes Tier ist so bekannt und zugleich so missverstanden wie der Dodo. Neue Untersuchungen der weltweit nur zwei vollständig erhaltenen Schädel zeigen, dass der flugunfähige Vogel von Mauritius über ein weit feineres Sinnesleben verfügte als lange angenommen. Mithilfe hochauflösender Computertomografie rekonstruierte ein internationales Team die einstige Lage von Gehirn und Sinnesorganen. Das Ergebnis widerspricht dem gängigen Bild vom trägen, dummen Riesenvogel. Wie der Dodo seine Umgebung wahrnahm, ordnet die Forschung nun grundlegend neu ein.

Der Dodo, wissenschaftlich Raphus cucullatus, verschwand im späten 17. Jahrhundert von der Insel Mauritius, nur wenige Jahrzehnte nach der dauerhaften Ankunft des Menschen. Über sein Aussehen kursieren viele Darstellungen, doch verlässliche Informationen über seine Lebensweise sind rar. Vollständige Skelette und intakte Schädel sind extrem selten, was jede belastbare Aussage erschwert. Genau hier setzt die Methode des Endocasts an, also der digitalen Ausformung jenes Hohlraums, den das Gehirn einst im Schädel hinterließ. Weil das wachsende Gehirn Abdrücke auf den umgebenden Knochen prägt, lassen sich aus diesen Strukturen Rückschlüsse auf Sinnesleistungen und Verhalten ziehen. So wird aus totem Knochen ein Fenster in die Wahrnehmungswelt eines längst ausgestorbenen Tieres.

Für die Analyse verglich das Team digitale Rekonstruktionen des Dodo-Schädels mit denen von 36 heute lebenden Tauben- und Taubenvogelarten sowie mit dem eng verwandten Rodrigues-Solitär. Dieser Abgleich brachte zwei sehr unterschiedliche Bilder hervor. Der Rodrigues-Solitär erwies sich weitgehend als das, was man erwartet hatte, nämlich als eine vergrößerte Taube mit ungewöhnlich geformtem Schädel. Der Dodo dagegen fällt aus dem Rahmen. Seine Hirn- und Sinnesstruktur weicht in mehreren Punkten deutlich von der seiner lebenden Verwandten ab. Das macht ihn nicht nur faszinierend, sondern auch schwer zu deuten, denn ein direkter Vergleichsmaßstab unter heutigen Vögeln fehlt schlicht.

Was der Dodo-Schädel über seine Sinne verrät

Die Rekonstruktion deutet auf einen ausgeprägten Riechsinn hin, denn der für den Geruch zuständige Bereich des Gehirns war auffällig groß. Zugleich spricht die Anatomie des großen Oberschnabels dafür, dass der Dodo über ihn feine Tastreize aus seiner Umgebung aufnahm. Beide Merkmale zusammen zeichnen das Bild eines Tieres, das bei der Nahrungssuche stark auf Geruch und Berührung setzte. Die zentrale Rolle spielte dabei der in Kopenhagen aufbewahrte Schädel, einer von nur zwei vollständigen weltweit, dessen Gegenstück in Oxford liegt. Wer die Herkunft solcher Sammlungsstücke im größeren Zusammenhang sehen möchte, findet Bezüge zur Frage, warum sich Arten verschieben, etwa in der Beobachtung, dass jede zehnte Schmetterlingsart heute anderswo lebt.

Warum der Dodo klüger war als sein Ruf

Entgegen dem Klischee vom einfältigen Vogel fanden die Fachleute keinen Hinweis auf ein verkleinertes Großhirn. Im Verhältnis zum übrigen Gehirn war jener Bereich, der bei Vögeln mit Lernen und Gedächtnis verknüpft ist, nicht kleiner als bei anderen Tauben. Die Vorstellung vom dummen Dodo lässt sich damit anatomisch nicht stützen. Auffällig war hingegen ein anderes Detail, denn die für das Sehen zuständigen Bereiche fielen im Verhältnis deutlich kleiner aus als bei der nächsten lebenden Verwandten. Die vollständige Einordnung dieser Befunde samt der verglichenen Arten haben die Autoren in ihrer Untersuchung zur Sinneswelt von Dodo und Solitär zusammengetragen.

Ein Leben in der Dämmerung

Aus der Kombination aus lichtangepasstem Sehen, feinem Riechsinn und tastempfindlichem Schnabel leiten die Forscher ab, dass der Dodo nicht ausschließlich am hellen Tag aktiv war. Vieles spricht dafür, dass er auch in der Dämmerung nach Nahrung suchte, was ihn eher in die Nähe dämmerungsaktiver Vögel rückt als zu den tagaktiven Tauben. Die geringen Sehzentren passen zu einem Leben bei schwachem Licht, in dem andere Sinne die Führung übernehmen. Die zuständige Institution ordnet die Bedeutung dieser Neubewertung in ihrer Mitteilung zu den neuen Erkenntnissen über den Dodo ein. Anatomie allein verrät zwar nicht jedes Verhalten, doch das Bild des tumben Riesen lässt sich nach diesen Ergebnissen kaum noch halten.

Zoological Journal of the Linnean Society, The sensory world of the Dodo and Solitaire revealed by endocast and skull anatomy; doi:10.1093/zoolinnean/zlag123

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