Schmetterlinge verlassen weltweit ihre angestammten Lebensräume in einem Ausmaß, das Forscher bislang unterschätzt haben. Eine internationale Metastudie hat erstmals Daten zu 1.758 Arten aus 105 Ländern zusammengeführt und zeigt, dass rund jede zehnte bekannte Schmetterlingsart ihr Verbreitungsgebiet bereits verlagert hat. Die Verschiebungen betreffen jeden Kontinent, auf dem die Tiere vorkommen. Hinter dem globalen Muster steckt dabei in den meisten Fällen derselbe Auslöser, und die Richtung der Wanderung überrascht selbst Fachleute.
Schmetterlinge gelten in der Ökologie als empfindliche Frühwarnsysteme, weil sie schnell und deutlich auf Veränderungen ihrer Umwelt reagieren. Steigen die Temperaturen, verschieben sich die klimatischen Bedingungen, an die eine Schmetterlingsart über lange Zeiträume angepasst ist, und mit ihnen die Regionen, in denen Raupenfutterpflanzen, Nektarquellen und geeignete Überwinterungsbedingungen zusammentreffen. Arten können darauf reagieren, indem sie neue Gebiete besiedeln, ihre bisherigen Areale aufgeben oder in höhere beziehungsweise tiefere Lagen ausweichen. Solche Arealverschiebungen sind für einzelne Regionen seit Langem dokumentiert, etwa für Großbritannien oder Mitteleuropa. Ob es sich dabei um lokale Besonderheiten oder um ein globales Phänomen handelt, ließ sich bisher jedoch nicht belastbar beantworten, weil die verfügbaren Daten über Länder, Sprachen und Institutionen verstreut waren.
Genau diese Lücke schließt die neue Untersuchung, an der 68 Wissenschaftler beteiligt waren. Das Team unter Leitung der australischen Monash University wertete nicht nur englischsprachige Fachveröffentlichungen aus, sondern bezog erstmals auch nationale Studien und Einschätzungen regionaler Experten aus zahlreichen Ländern ein. Wie dramatisch sich die Lage der Insekten insgesamt entwickelt, hatten frühere Erhebungen bereits angedeutet, denn der Insektenrückgang in Deutschland ist größer als vermutet und betrifft Biomasse und Artenzahl gleichermaßen. Die neue Analyse liefert nun erstmals ein weltweites Bild davon, wohin sich die verbliebenen Bestände bewegen.
Die im Fachjournal Nature Ecology and Evolution veröffentlichte Auswertung dokumentiert Arealverschiebungen bei 1.758 Arten und damit bei rund jeder zehnten bekannten Schmetterlingsart der Erde. Nach Angaben des Erstautors Shawan Chowdhury, der vor seinem Wechsel an die Monash University am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung und am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung arbeitete, verlagern sich die Verbreitungsgebiete auf jedem Kontinent, auf dem Schmetterlinge vorkommen. Die Details der Analyse sind in der Publikation Extensive climate-induced range shifts in butterflies dokumentiert, die das tatsächliche Ausmaß der Veränderungen als weit größer beschreibt, als bisher angenommen wurde. Von den untersuchten Arten haben rund 80 Prozent ihr Areal ausgeweitet und sind in neue geeignete Gebiete vorgedrungen, während 27 Prozent ursprüngliche Lebensräume aufgaben und 22 Prozent in höhere oder tiefere Lagen auswichen.
Insgesamt identifizierte das Team neun Kategorien von Bedrohungen, die Schmetterlinge zur Verlagerung ihrer Lebensräume veranlassen. Mit Abstand am häufigsten wurde in den ausgewerteten Studien die Kombination aus Klimawandel und Extremwetter genannt, die für fast 80 Prozent der dokumentierten Fälle verantwortlich ist. Dahinter folgen die Intensivierung der Landwirtschaft, der Bau von Wohn- und Gewerbeflächen sowie der Verkehr. Wie die Universität Hamburg als eine der beteiligten Institutionen mitteilt, deuten derart großräumige Verschiebungen auf tiefgreifende Veränderungen in ganzen Ökosystemen hin, denn mit den Faltern wandern auch ihre Rollen als Bestäuber und als Nahrungsgrundlage für Vögel und andere Tiere. Eine wachsende Fläche des Verbreitungsgebiets bedeutet zudem nicht automatisch Entwarnung, weil neu besiedelte Räume die verlorenen Bestände in den Kernarealen häufig nicht ausgleichen.
Deutschland gehört neben Tschechien, Finnland, Luxemburg, Spanien und Schweden zu den Ländern, in denen für mehr als die Hälfte der heimischen Arten belastbare Daten vorliegen, was vor allem der jahrzehntelangen Arbeit naturkundlicher Gesellschaften und ehrenamtlicher Falterkundler zu verdanken ist. Zu den hierzulande am weitesten verbreiteten Arten zählt das Tagpfauenauge, das in vielen verschiedenen Lebensräumen zurechtkommt und sich in den meisten Regionen zweimal pro Jahr vermehrt. Dass Schmetterlinge grundsätzlich zu erstaunlichen Ortswechseln fähig sind, zeigen Wanderfalter seit jeher, denn Schmetterlinge nutzen sogar Magnetfelder zur Orientierung, um tausende Kilometer entfernte Ziele zu erreichen. Die klimabedingten Arealverschiebungen laufen jedoch nicht als geordnete Wanderung ab, sondern als schleichende Verlagerung über Generationen hinweg.
Gravierende Wissenslücken bestehen dagegen in Zentralafrika, Südostasien, Neuguinea und im Amazonasbecken, also ausgerechnet in den artenreichsten Regionen der Erde. Die Autoren fordern deshalb länderübergreifende Monitoringprogramme, eine stärkere Digitalisierung naturkundlicher Sammlungen und die gezielte Berücksichtigung von Insekten bei der Planung von Schutzgebieten. Bislang orientieren sich Schutzgebietsgrenzen überwiegend an Wirbeltieren und Pflanzen, obwohl Insekten den weitaus größten Teil der Artenvielfalt stellen. Wenn sich die Verbreitungsgebiete so schnell verschieben wie derzeit dokumentiert, drohen starre Schutzgebiete ihre Funktion zu verlieren, weil die zu schützenden Arten schlicht weiterziehen. Die Metastudie liefert dafür erstmals die globale Datengrundlage, an der sich künftige Schutzkonzepte messen lassen müssen.
Nature Ecology and Evolution, Extensive climate-induced range shifts in butterflies across the globe; doi:10.1038/s41559-026-03117-y