Wenn ein Fledermausbaby nach seiner Mutter ruft, reagiert deren Herz sofort: Bei Japanischen Hausfledermäusen steigt der Herzschlag der Mutter deutlich an, sobald sie die Rufe ihres eigenen Nachwuchses hört. Die Rufe fremder Jungtiere aus derselben Kolonie lösen dagegen keinen messbaren Anstieg aus. Das zeigt ein Experiment japanischer Biologen, die den Herzschlag von Fledermausmüttern per Elektrokardiogramm aufgezeichnet haben. Die Studie umfasst allerdings nur vier Mütter und kann nicht klären, ob hinter dem Herzrasen Zuneigung oder Alarm steckt.
In einer Fledermauskolonie hängen oft Hunderte Tiere dicht an dicht, und im Dunkeln muss jede Mutter ihre eigenen Jungen finden und nur diese säugen. Wie Fledermausmütter das schaffen, ist teilweise bekannt: Neugeborene Fledermäuse stoßen sogenannte Verlassenheitsrufe aus, sobald sie von der Mutter getrennt sind, und jedes Jungtier klingt dabei ein wenig anders. Was dabei im Körper der Mutter passiert, war bislang kaum untersucht. Ein Team um Kazuki Yoshino-Hashizawa von der Doshisha University in Kyotanabe bei Kyoto hat genau das nun gemessen.
Auf die Idee brachte die Forscher eine Beobachtung in ihrer eigenen Laborkolonie. Wurde ein Jungtier von seinem Schlafplatz getrennt, eilte jedes Mal nur die leibliche Mutter herbei, um es zurückzuholen, wie Yoshino-Hashizawa in der Pressemitteilung des Fachverlags Frontiers berichtet. Die Forscher wollten deshalb wissen, was im Inneren der Mutter vorgeht, wenn sie diese Rufe hört. Ihre Ergebnisse sind im Fachjournal Frontiers in Ethology erschienen.
Untersucht wurde die Japanische Hausfledermaus (Pipistrellus abramus), eine kleine Insektenjägerin, die in Ostasien häufig an Gebäuden und Brücken lebt. Ausgewachsene Tiere wiegen nur fünf bis acht Gramm, ihre Kolonien umfassen meist 50 bis 200 Tiere, in denen mehrere Mütter mit ihren Jungen zusammenleben. Im Mai 2022 fingen die Forscher vier hochträchtige Weibchen aus einer Kolonie, die sich in den Trägern einer Brücke nahe dem Campus eingerichtet hatte. Alle vier brachten im Labor innerhalb von drei Tagen jeweils Drillinge zur Welt, die bei der Geburt 1,1 bis 1,3 Gramm wogen. Zwei Jungtiere starben kurz nach der Geburt, die übrigen zehn wuchsen gemeinsam mit ihren Müttern in einem Käfig auf.
Einen Monat lang nahmen die Forscher täglich die Laute der Jungtiere mit einem Ultraschallmikrofon auf. Dabei zeigte sich, wie schnell sich die Stimme der kleinen Fledermäuse verändert. Bis zum Alter von etwa zehn bis zwölf Tagen stießen alle Jungen Verlassenheitsrufe aus, die ähnlich wie das Weinen eines Menschenbabys funktionieren. Ab etwa dem achten Tag kamen die ersten Echoortungsrufe hinzu, mit denen Fledermäuse ihre Umgebung abtasten. Mit 30 Tagen flogen die Jungtiere bereits und orteten wie erwachsene Tiere.
Für das eigentliche Experiment warteten die Forscher, bis die Jungen selbstständig waren, um die säugenden Mütter nicht zu stören. 38 bis 45 Tage nach der Geburt bekamen die Mütter unter Narkose drei winzige Elektroden unter die Haut gesetzt, die ein Elektrokardiogramm aufzeichneten, also die elektrische Aktivität des Herzens. Nach mindestens einer halben Stunde Erholung saß jede Mutter wach in einer schallisolierten Kammer, bis sich ihr Herzschlag bei etwa 200 bis 300 Schlägen pro Minute eingependelt hatte. Für Fledermäuse ist das ein normaler Ruhewert.
Dann spielten die Forscher aus einem kleinen Lautsprecher drei Sekunden lange Tonfolgen ab. Es gab fünf Varianten: Verlassenheitsrufe der eigenen Jungen im Alter von zwei Tagen, Echoortungsrufe der eigenen Jungen im Alter von 30 Tagen, dieselben beiden Rufarten von fremden Jungtieren aus der Kolonie sowie die Echoortungsrufe eines unbekannten erwachsenen Männchens. Jede Mutter hörte über zwei Tage verteilt 39 solcher Tonfolgen in zufälliger Reihenfolge, nach jeder Tonfolge folgten mindestens fünf Minuten Pause. Eine der vier Mütter starb vor dem zweiten Versuchstag, insgesamt werteten die Forscher 135 Herzreaktionen aus.
Das Ergebnis fiel deutlich aus. Hörten die Fledermausmütter die Verlassenheitsrufe ihrer eigenen Jungen, stieg ihr Herzschlag um etwa 70 Schläge pro Minute. Bei den Echoortungsrufen der eigenen, inzwischen älteren Jungtiere erreichte der Anstieg in der Spitze sogar etwa 130 Schläge pro Minute, die stärkste Reaktion im gesamten Versuch. Die Rufe fremder Jungtiere lösten zwar leichte Schwankungen aus, die aber statistisch nicht von Zufall zu unterscheiden waren. Bemerkenswert ist, dass sich dieses Muster bei jeder einzelnen der vier Mütter zeigte: Alle reagierten im Mittel stärker auf den eigenen Nachwuchs als auf fremde Jungtiere.
Ein naheliegender Einwand wäre, dass die Mütter einfach vertraute Stimmen wiedererkennen. Doch die Forscher hatten alle Familien im selben Käfig gehalten, sodass jede Mutter auch die Rufe der fremden Jungtiere täglich gehört hatte. Vertraut klangen also alle Jungtiere, unbekannt war nur das erwachsene Männchen. Dass das Herz trotzdem vor allem beim eigenen Nachwuchs schneller schlug, spricht nach Ansicht der Autoren dafür, dass die Mütter ihre leiblichen Jungen tatsächlich gezielt am Ruf erkennen.
Nicht alles passte jedoch ins erwartete Bild. Auch die Echoortungsrufe des unbekannten erwachsenen Männchens ließen den Herzschlag der Mütter deutlich ansteigen, obwohl diese Tonfolge eigentlich als neutraler Vergleich gedacht war. Die Forscher vermuten, dass die Weibchen den fremden Artgenossen als mögliche Bedrohung wahrnahmen, zumal die Paarungszeit noch nicht begonnen hatte. Belegen können sie das bislang nicht. Herzrasen kann bei Fledermäusen wie beim Menschen Freude, Aufregung oder Stress bedeuten.
Genau hier liegt die wichtigste Einschränkung der Studie. Der Herzschlag zeigt nur, wie stark ein Tier erregt ist, nicht aber, ob es sich um ein angenehmes oder unangenehmes Gefühl handelt. Ob die Fledermausmütter beim Ruf ihrer Jungen also so etwas wie Zuneigung empfinden oder eher Alarm, lässt sich aus den Daten nicht ablesen. Yoshino-Hashizawa sieht im starken Herzschlag eher ein Signal, das die Mutter körperlich darauf vorbereitet, sich um ihr Junges zu kümmern. Um die emotionale Färbung zu entschlüsseln, wollen die Forscher künftig auch die Herzfrequenzvariabilität auswerten, also die feinen Schwankungen zwischen einzelnen Herzschlägen. Für Fledermäuse fehlen dafür bislang allerdings verlässliche Normwerte.
Erwartet hatten die Forscher eigentlich, dass die Verlassenheitsrufe der Neugeborenen die stärkste Reaktion hervorrufen, schließlich hängt deren Überleben davon ab, dass die Mutter sie findet. Stattdessen fiel der Herzanstieg bei den Echoortungsrufen der 30 Tage alten Jungtiere im Mittel fast dreimal so hoch aus wie bei den Verlassenheitsrufen der Neugeborenen. Eine mögliche Erklärung: Die Stimme der Jungen verändert sich von Tag zu Tag, und die Mütter könnten ihr inneres Bild davon laufend aktualisieren. Zum Zeitpunkt der Messung, rund 40 Tage nach der Geburt, klangen die Echoortungsrufe der älteren Jungen den zuletzt gehörten Lauten am ähnlichsten, die Rufe aus den ersten Lebenstagen dagegen schon fremd.
Die Autoren räumen ein, dass sie diesen Effekt nicht sauber vom Ruftyp trennen können, weil alle Verlassenheitsrufe von jungen und alle Echoortungsrufe von älteren Tieren stammten. Zudem unterscheiden sich beide Rufarten in Tonhöhe und Länge, was die Wahrnehmung ebenfalls beeinflussen könnte. Auf den zentralen Vergleich zwischen eigenen und fremden Jungtieren wirkt sich das nach Angaben der Forscher aber nicht aus, weil dieser jeweils innerhalb derselben Rufart erfolgte.
Mit vier Müttern ist die Untersuchung sehr klein. Die Forscher begründen das damit, dass trächtige Fledermäuse und ihre Jungen in Gefangenschaft nur schwer zu halten sind, und nutzten statistische Verfahren, die Unterschiede zwischen einzelnen Tieren berücksichtigen. Größere Studien sind dennoch nötig, um die Ergebnisse zu verallgemeinern. Dass Fledermausmütter ihre Jungen am Ruf erkennen, war aus Verhaltensbeobachtungen bereits bekannt. Neu ist, dass sich diese Erkennung unmittelbar im Herzschlag zeigt, und zwar auch dann noch, als die Jungen längst selbstständig waren.
Fledermäuse fallen Biologen immer wieder durch Besonderheiten auf, etwa durch ihr ungewöhnliches Immunsystem mit zwei Sätzen von Antikörpern. Die neue Studie rückt dagegen das Familienleben in den Blick. Sie zeigt, dass die enge Bindung zwischen Mutter und Jungtier nicht mit der Säugezeit endet, sondern sich auch danach noch messbar im Körper der Mutter niederschlägt.
Auch bei anderen Säugetieren zeigen Studien, wie viel Aufwand Mütter für ihren Nachwuchs treiben, so nehmen etwa Orang-Utan-Mütter für Spieltreffen ihrer Jungen Umwege in Kauf. Für die Mutter-Kind-Erkennung bei Fledermäusen liefert die Herzfrequenz nun ein neues Messinstrument, mit dem sich innere Zustände erfassen lassen, die im Verhalten allein nicht sichtbar werden. Künftige Versuche mit mehr Tieren und täglichen Messungen sollen klären, wie sich diese Reaktion im Laufe der Jugendentwicklung verändert.
Frontiers in Ethology, Mother Japanese house bats show stronger heart rate increases to biological pup calls than to non-family pup calls; doi:10.3389/fetho.2026.1891633
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