Raubtiere im Klimastress

Bei Dürre klettern Luchse auf Bäume und fressen junge Greifvögel

 Dennis Lenz

Bei Dürre klettern Luchse auf Bäume und fressen junge Greifvögel
(Symbolbild) Iberische Luchse sind geschickte Kletterer und erreichen Nester in bis zu zwölf Metern Höhe. Im Nationalpark Doñana im Süden Spaniens holen Luchse in Dürrejahren junge Schwarzmilane aus ihren Nestern, seit eine Seuche die Wildkaninchen dezimiert hat. Beide Jäger sind auf Kaninchen als Hauptbeute angewiesen. Eine Langzeitstudie über drei Jahrzehnte zeigt, wie Dürre und Krankheit die Beziehung zwischen zwei Spitzenjägern verändert haben. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Im spanischen Nationalpark Doñana haben Iberische Luchse in Dürrejahren begonnen, in großem Stil junge Schwarzmilane aus ihren Nestern zu holen. Zwei Jahrzehnte lang hatten die Raubkatze und der Greifvogel fast friedlich nebeneinander gelebt. Erst als eine Seuche die Kaninchen dezimierte, die beiden als Hauptbeute dienen, und zugleich die Feuchtgebiete austrockneten, kippte die Beziehung. In manchen Jahren fiel fast die Hälfte der flüggen Jungvögel den Luchsen zum Opfer, mit Folgen bis hinunter zu einer kleinen Eulenart.

Dass Luchse hin und wieder ein Vogelnest plündern, ist nichts Neues. Neu ist, wie stark und unter welchen Bedingungen das geschieht. Ein Team um den Ökologen Fabrizio Sergio von der Estación Biológica de Doñana, einem Forschungsinstitut des spanischen Wissenschaftsrats CSIC in Sevilla, hat über drei Jahrzehnte verfolgt, wie Iberische Luchse und Schwarzmilane in einem rund zehn Quadratkilometer großen Gebiet im Norden des Nationalparks miteinander auskommen. Beteiligt war auch die japanische Niigata University. In dem Gebiet lebten über die Jahre stets vier bis sechs erwachsene Luchse und zwischen 105 und 223 Milanpaare. Die Milane stellen dort 82 bis 90 Prozent aller Greifvögel. Damit sind die Luchse die wichtigsten nächtlichen und die Milane die wichtigsten tagaktiven Spitzenjäger in diesem Ökosystem.

Die Ergebnisse haben die Forscher im Fachmagazin Nature veröffentlicht. Grundlage sind Daten aus 1624 Milannestern, die zwischen 1993 und 2023 kontrolliert wurden, dazu Zählungen von Kaninchen, Enten und Steinkäuzen sowie Satellitenaufnahmen der Überschwemmungsflächen. Weil viele Milane seit den 1980er Jahren als Nestlinge mit gut ablesbaren Farbringen markiert werden, konnte das Team einzelne Vögel über ihr ganzes Leben begleiten.

Zwei Jäger mit derselben Lieblingsbeute

Der Iberische Luchs ist eine mittelgroße Raubkatze von 9 bis 13 Kilogramm, die vor allem nachts und in der Dämmerung jagt. Er gilt als ausgesprochener Kaninchenspezialist: In Doñana machen Wildkaninchen normalerweise 70 bis 90 Prozent seiner Nahrung aus. Der Schwarzmilan wiegt dagegen nur 0,8 bis 1 Kilogramm, erreicht eine Flügelspannweite von etwa 1,5 Metern und kann bis zu 30 Jahre alt werden. Er ist ein Gelegenheitsjäger, der aber ebenfalls gern Kaninchen schlägt, solange es genug davon gibt. Vor dem jüngsten Zusammenbruch der Kaninchenbestände bestand seine Nahrung im Mittel zu 58 Prozent aus ihnen. Das etwa 1,1 Kilogramm schwere Wildkaninchen ist auf der Iberischen Halbinsel eine Schlüsselbeute für mehr als 30 Raubtier- und Greifvogelarten.

Wird das Kaninchen knapp, weichen beide Jäger auf die Marschen aus. Der Luchs fängt dann vor allem Wasservögel, besonders Enten. Der Milan erbeutet Vögel, Fische, Reptilien und Flusskrebse. Diese Ausweichmöglichkeit hängt allerdings vom Wasser ab. Normalerweise überfluten Regenfälle im Herbst und Winter weite Teile des Feuchtgebiets. In Dürrejahren bleiben die Marschen dagegen weitgehend trocken, und die Landschaft verwandelt sich in eine karge Steppe. Als Dürre werteten die Forscher Jahre, in denen im Februar und März mehr als 80 Prozent der Marschen trocken lagen. Das traf im Untersuchungszeitraum unter anderem auf 2005, 2012, 2016, 2018, 2019, 2022 und 2023 zu.

Wie Dürre und eine Seuche die Luchse auf die Bäume trieben

Zwischen 1993 und 2012 spielten Luchse für die Milane kaum eine Rolle. Sie zerstörten in dieser Zeit nur 13 von 904 kontrollierten Nestern, also gut ein Prozent. Das änderte sich ab 2013. Damals brach der Kaninchenbestand im Untersuchungsgebiet um mehr als 70 Prozent ein. Auslöser war eine neue Variante der Hämorrhagischen Kaninchenkrankheit, einer tödlichen Viruserkrankung. Das Virus stammte nach Angaben der Autoren aus einem Zuchtbetrieb in Frankreich und breitete sich von Farm zu Farm und in die Wildbestände der gesamten Iberischen Halbinsel aus. Die Forscher werten die Seuche deshalb als menschengemachten Störfaktor.

Doch selbst die Kaninchenkrise allein reichte nicht aus. In feuchten Jahren blieb die Jagd auf Milannester unbedeutend, egal wie wenige Kaninchen es gab. Vermutlich fanden die Luchse dann in den überfluteten Marschen genug Enten. Erst wenn eine Dürre hinzukam und die Kaninchendichte unter ein Tier pro Hektar fiel, schnellte die Zahl der geplünderten Nester in die Höhe. Dieser Wert gilt als Untergrenze dessen, was ein Luchsbestand zum Überleben braucht. In solchen Jahren töteten die Luchse bis zu 46 Prozent der fast flüggen Jungmilane und damit beinahe die Hälfte eines ganzen Jahrgangs. Die Dürre wirkte damit wie ein Schalter, der die neue Jagd ein- und wieder ausschaltete.

Die Spuren der Luchse sind nach Angaben der Forscher unverwechselbar. Die Katzen töten die Jungvögel im Nest und tragen sie dann auf den Boden, wo sie die Beute rupfen und fressen. Anders als Greifvögel beißen Raubsäuger dabei viele Federn ab, statt sie herauszuziehen. Iberische Luchse sind hervorragende Kletterer: Sie erreichten Nester in bis zu zwölf Metern Höhe und streiften im Mittel täglich acht Kilometer durch ihr Revier. Bei mehr als 13.000 Stunden Kameraüberwachung an Milannestern wurde kein einziger Angriff auf jüngere Nestlinge beobachtet. Die Luchse nahmen ausschließlich gut befiederte Jungvögel ab einem Alter von etwa 25 bis 30 Tagen. Junge Milane verlassen das Nest mit 48 bis 50 Tagen.

Luchse wählten offenbar gezielt die Konkurrenz aus

Besonders aufschlussreich ist, welche Nester die Luchse auswählten. Höhe, Nähe zur Marsch, Zahl der Jungen oder Alter der Elternvögel spielten keine erkennbare Rolle. Unter den geplünderten Nestern lagen aber mehr als dreimal so oft Kaninchenreste am Boden wie unter verschonten Nestern. Im Nest selbst gab es diesen Unterschied nicht. Die Forscher halten es deshalb für am wahrscheinlichsten, dass die Luchse anhand der Beutereste erkannten, wo ein Konkurrent um Kaninchen brütete, und diesen gezielt schwächten. In der Ökologie heißt dieses Verhalten Intragilde-Prädation: Ein Räuber tötet und frisst einen anderen Räuber, der um dieselbe Nahrung konkurriert.

Eine andere Erklärung prüften die Forscher ebenfalls. Denkbar wäre, dass die Luchse Kaninchenreste einfach mit einem besonders reichen Nest verbunden hatten. Doch Nester mit Kaninchenresten am Boden enthielten weder mehr noch schwerere Jungvögel als die übrigen. Die Belohnung für den Luchs war dort im Schnitt eher kleiner. Endgültig belegen lässt sich die Deutung als Konkurrenzbeseitigung damit allerdings nicht. Die Autoren betonen, dass dafür Experimente nötig wären, bei denen gezielt Beutereste ausgelegt oder entfernt werden.

Milane wichen aus und ein kleiner Kauz profitierte

Für die betroffenen Milane hatte der Verlust ihrer Brut spürbare Folgen. Sie lebten zwar nicht kürzer als vergleichbare Artgenossen gleichen Alters, brachten aber im Laufe ihres Lebens im Mittel 27,7 Prozent weniger Junge zum Ausfliegen. Die verlorenen Bruten konnten sie in späteren Jahren nicht wieder ausgleichen. Ohne die Luchse ist der Verlust befiederter Nestlinge sonst selten: Von 70 mit GPS-Sendern ausgestatteten Jungvögeln überlebten mehr als 97 Prozent diese Phase.

Passiv blieben die Greifvögel jedoch nicht. Milane, deren Brut einem Luchs zum Opfer gefallen war, wechselten im folgenden Jahr viermal so häufig das Revier wie verschonte Vögel. Die verlassenen Reviere blieben zudem dreimal so oft leer, wohl weil die Überreste der getöteten Jungvögel über Wochen sichtbar blieben und junge Milane ihren künftigen Brutplatz bereits im Vorjahr auskundschaften. Nach Jahren mit vielen Luchsangriffen gab es insgesamt weniger Milane. Davon profitierte offenbar der Steinkauz, eine etwa 170 Gramm schwere Eule, die sich vor allem von Insekten ernährt und selbst zur Beute der Milane gehört. Seine Bestände nahmen zu, wenn die Milane weniger wurden. Die Forscher sehen darin einen Hinweis, dass sich die neue Beziehung zwischen zwei Spitzenjägern bis in tiefere Ebenen der Nahrungskette fortsetzen kann.

Was die Studie über Raubtiere im Klimawandel verrät

Für die Autoren zeigt der Fall, wie sich zwei Störungen gegenseitig verstärken können. Die Kaninchenseuche schwächte das System über Jahre, ohne dass die Folgen für die Milane sichtbar wurden. Erst die Dürre machte sie offenbar. Bis eine solche verdeckte Schwächung auffällt, sei es für Gegenmaßnahmen womöglich schon zu spät, schreiben die Forscher. Zugleich entwickelte sich die neue Jagdbeziehung sehr schnell, innerhalb von zwei bis drei Jahren. Ein Spitzenjäger, der jahrzehntelang kaum Einfluss auf den anderen hatte, rückte damit faktisch eine Stufe höher in der Nahrungskette, während der zuvor häufige Greifvogel in die Rolle eines Mittelräubers geriet. Dass Luchse ohnehin zu den effizienteren Jägern gehören, zeigt auch eine Auswertung, nach der einzelgängerische Raubtiere wie Luchse deutlich häufiger töten als Rudeljäger wie Wölfe.

Die Ergebnisse haben auch eine positive Seite. Der Iberische Luchs galt lange als reiner Kaninchenspezialist, der ohne Kaninchen kaum überleben kann. Seine Anpassungsfähigkeit bei der Nahrungssuche dürfte ihm geholfen haben, auch extreme Mangeljahre zu überstehen. Das ist für eine Art bedeutsam, die vor gut zwei Jahrzehnten kurz vor dem Aussterben stand. Nach Angaben der Estación Biológica de Doñana lebten 2002 weniger als 100 Iberische Luchse in freier Wildbahn, 2024 waren es nach dem jüngsten staatlichen Zensus mehr als 2000. Umgekehrt zeigt die Studie, dass auch anpassungsfähige und häufige Arten wie der Schwarzmilan, die oft als Gewinner des Klimawandels gelten, durch neue Wechselwirkungen rasch unter Druck geraten können.

Für Doñana dürfte das Thema an Bedeutung gewinnen. Die Frühjahrstemperaturen steigen dort laut den Forschern um mehr als 0,5 Grad Celsius pro Jahrzehnt, und Klimamodelle erwarten für die Region häufigere und stärkere Dürren. Weltweit nehmen lang anhaltende Dürren durch den Klimawandel zu. Als mögliche Gegenmaßnahme nennen die Autoren eine Zufütterung der Luchse in Dürrejahren, falls Schutzgebietsverwaltungen die Milanbestände stabil halten wollen. Grundsätzlich plädieren sie dafür, mehrere menschengemachte Belastungen gemeinsam anzugehen, weil jede einzelne die Wirkung der anderen verstärken kann. Wie verbreitet solche plötzlich entstehenden Räuberbeziehungen in anderen Ökosystemen sind, müssen weitere Langzeitstudien zeigen.

Nature, Drought and disease trigger novel interactions among top predators; doi:10.1038/s41586-026-11194-z

Estación Biológica de Doñana, Cómo la genética ha ayudado a la recuperación del lince ibérico, un endemismo al borde de la extinción

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