Ein 2009 in der Höhle Liang Bua auf Flores ausgegrabener Laufknochen gehört zu einer bislang unbekannten ausgestorbenen Großfußhuhn-Art. Das Tier, das die Forscher Megapodius rokusi nennen, wog nach einer Schätzung etwa 3,9 Kilogramm und war deutlich schwerer als das heutige Großfußhuhn auf Flores. Der Fund stammt aus einer älteren Schicht als die Ablagerungen mit den berühmten Überresten von Homo floresiensis. Weil nur ein Knochenfragment erhalten ist, bleiben Aussehen, Flugfähigkeit, Brutweise und Aussterbezeit offen.
Die Höhle Liang Bua auf der indonesischen Insel Flores ist vor allem als Fundort des kleinwüchsigen Frühmenschen Homo floresiensis bekannt. In ihren Ablagerungen liegen jedoch auch Überreste einer vielfältigen Tierwelt, darunter ausgestorbene Vögel und Zwergelefanten. Zu diesen Funden gehört ein unscheinbares Stück eines Vogellaufknochens, das bei Ausgrabungen zunächst als Vogelrest erkannt und anschließend beiseitegelegt wurde. Laut dem Bericht von Phys.org blieb das Fragment nach seiner Bergung fast 17 Jahre lang unbeachtet, bevor es genauer untersucht wurde. Erst der anatomische Vergleich zeigte, dass der Knochen zu einem bislang unbekannten ausgestorbenen Großfußhuhn gehörte.
Die zoologische Beschreibung erarbeiteten Hanneke J. M. Meijer vom Universitätsmuseum Bergen, Thomas Sutikna, E. Wahyu Saptomo und Matthew W. Tocheri. Sie ordnen das Fossil der Gattung Megapodius zu und benennen die ausgestorbene Art als Megapodius rokusi. Die Beschreibung in der Fachzeitschrift Alcheringa macht zugleich deutlich, wie viel sich aus einem einzelnen Knochen ablesen lässt und wo die Rekonstruktion an Grenzen stößt.
Das Fossil trägt die Sammlungsnummer LB-Av-1542 und besteht aus der distalen Hälfte des rechten Tarsometatarsus. Dieser Laufknochen verbindet den unteren Beinabschnitt mit dem Fuß und trägt die Gelenkflächen, an denen die Zehen ansetzen. Bei Vögeln ist er ein besonders aussagekräftiger Teil des Beins, weil seine Form und die Anordnung der Gelenkrollen Hinweise auf Verwandtschaft und Körperbau liefern. Ein Teil des Knochens ist erhalten; die ursprüngliche Gesamtlänge lässt sich nur anhand vergleichbarer Arten abschätzen.
Für die Bestimmung verglichen die Forscher das Fragment mit Skeletten lebender Großfußhühner sowie mit veröffentlichten Messungen ausgestorbener Arten. Ausschlaggebend war nicht allein die Größe, sondern eine charakteristische Kombination von Merkmalen an den Gelenkrollen für die Zehen. Die Rolle des zweiten Zehs ist auffällig gerundet und reicht weiter nach unten als die des vierten Zehs. Außerdem liegen die Ränder der dritten Gelenkrolle in einer Linie mit der Längsachse des Knochenschafts, während sie bei kleineren Arten der Gattung Megapodius seitlich abweichen.
Diese Merkmalskombination unterscheidet LB-Av-1542 von den bekannten lebenden und fossilen Arten der Gattung. Deshalb konnten die Paläontologen das Fragment trotz seiner Unvollständigkeit als Holotyp festlegen, also als das wissenschaftliche Referenzstück, an dem der Name der neuen Art dauerhaft verankert ist. Ein Holotyp muss nicht aus einem vollständigen Skelett bestehen; entscheidend ist, dass die vorhandenen Merkmale eine nachvollziehbare Abgrenzung erlauben. Wie vorsichtig solche Zuordnungen bleiben müssen, zeigt ein anderer Fall aus der Vogelpaläontologie: Eine DNA-Analyse ordnete vermeintliche Riesenkraniche wieder dem heute lebenden Graukranich zu, wie der Beitrag über Kranichknochen aus Europa beschreibt. Weitere Knochen könnten später zeigen, wie sich M. rokusi innerhalb der Gattung entwickelte und ob zusätzliche Körpermerkmale ihre Einordnung bestätigen.
Die erhaltene Knochenhälfte ist 49,9 Millimeter lang und an der distalen Seite 20,6 Millimeter breit. Für die Gesamtlänge verglichen die Forscher eine Strecke zwischen der Fossa metatarsi I und der Gelenkrolle des dritten Zehs mit entsprechenden Messungen heutiger Großfußhühner. Bei diesen Arten macht die Strecke rund 28 bis 30 Prozent der gesamten Knochenlänge aus; daraus errechnete das Team für den vollständigen Tarsometatarsus eine geschätzte Länge von 98,3 Millimetern. Auch die Körpermasse wurde nicht direkt gemessen: Dafür verwendete das Team eine Regressionsformel, die den Zusammenhang zwischen der Breite des Knochenschafts und dem Gewicht von Hühnervögeln (Galliformes) beschreibt. Die Berechnung ergab 3.932 Gramm; das ist eine Schätzung und kein gewogenes Körpergewicht.
Der Laufknochen selbst übertrifft in seinen erhaltenen Maßen die entsprechenden Knochen aller bekannten lebenden und ausgestorbenen Arten der Gattung. Damit übertraf Megapodius rokusi das heutige Orangefuß-Großfußhuhn, das als einzige Großfußhuhn-Art auf Flores lebt und zwischen 0,5 und 1,2 Kilogramm wiegt, deutlich. Die neue Art ist die größte bislang bekannte Spezies der Gattung Megapodius und schwerer als alle heute lebenden Großfußhühner. Ihre geschätzte Masse liegt zugleich in einer Größenklasse mit den großen ausgestorbenen Großfußhühnern Australiens. Daraus folgt aber nicht, dass sie das größte Großfußhuhn aller Zeiten war: Die Studie vergleicht sie ausdrücklich mit diesen besonders großen fossilen Formen, statt einen absoluten Rekord für die gesamte Familie zu beanspruchen.
Die Knochenmaße beschreiben zudem nicht die Körperhöhe des Tieres. Die Autoren geben keine Höhe in Zentimetern an, und aus der Länge eines einzelnen Laufknochens lässt sie sich nicht zuverlässig ableiten. Auch die Flugfähigkeit bleibt offen, denn Flügel- und Schulterknochen sind nicht erhalten. Zwar sind viele Arten der Gattung Megapodius gute Flieger, doch daraus lässt sich nicht ableiten, ob auch M. rokusi fliegen konnte. Die im Fachartikel veröffentlichte Rekonstruktion orientiert sich am allgemeinen Körperbau der Gattung und macht vor allem den Größenunterschied zum heutigen Orangefuß-Großfußhuhn sichtbar; Gefieder, Farbe und das genaue äußere Erscheinungsbild von M. rokusi sind unbekannt.
Großfußhühner unterscheiden sich von vielen anderen Hühnervögeln durch ihre ungewöhnliche Brutweise. Statt die Eier mit der eigenen Körperwärme zu bebrüten, vergraben sie sie in Hügeln oder Gruben und nutzen die Wärme der Umgebung. Je nach Art und Lebensraum kann die Brutstätte unterschiedlich aufgebaut sein; manche Großfußhühner schichten Material zu großen Hügeln auf, andere legen ihre Eier in Erdgruben. Die Küken schlüpfen bereits weit entwickelt und benötigen nach dem Verlassen des Nests keine elterliche Betreuung.
Die Brutstrategie ist nicht starr an die Verwandtschaft gebunden. Innerhalb der Familie gibt es zwar Linien, deren Arten häufiger Hügel bauen, und andere, zu denen viele Gruben- oder Höhlenbrüter gehören. Die Autoren betonen jedoch, dass die konkrete Form der Brutstätte offenbar stärker von den Umweltbedingungen als allein von der Abstammung abhängt. Das heutige Orangefuß-Großfußhuhn auf Flores baut beispielsweise Hügel auf sandigen oder lehmigen Böden in offenem Monsunwald. Wenig überhängende Vegetation dürfte dort ausreichend Wärme an die Eier lassen, während Pflanzen in der Nähe den frisch geschlüpften Küken Deckung bieten können. Auf den Molukken umfasst das traditionelle Sasi-System auch Regeln zur Nutzung von Großfußhuhn-Eiern und anderen natürlichen Ressourcen.
Ob Megapodius rokusi ebenfalls Hügel baute oder seine Eier in Gruben vergrub, lässt sich aus dem Beinknochen nicht erkennen. Die Forscher können auch nicht sagen, welche Wärmequelle seine Brutstätten nutzten oder wie groß sie waren. Großfußhuhn-Eier besitzen allerdings allgemein einen hohen Dotteranteil: Er macht etwa die Hälfte bis drei Fünftel des Eigewichts aus. Dadurch gelten die Eier als nährstoffreich, sind wegen der gut zugänglichen Nester aber zugleich eine mögliche Beute für Komodowarane und Menschen. Komodowarane nutzen zudem vorhandene Großfußhuhn-Hügel als eigene Nistplätze und können die Eier der Vögel erbeuten.
Die heute lebenden Großfußhühner kommen fast ausschließlich östlich der Wallace-Linie vor. Zu ihrem Verbreitungsgebiet zählen die Philippinen, das östliche Indonesien, Melanesien und Australien. Auf dem südostasiatischen Festland und den Großen Sundainseln fehlen sie dagegen. Diese Grenze ist biogeografisch auffällig, weil sie einen Übergangsraum zwischen der asiatischen und der australisch geprägten Tierwelt markiert. Die Inselregion Wallacea ist deshalb für die Evolutionsgeschichte der Großfußhühner besonders interessant.
Warum die Familie westlich dieser Grenze kaum vorkommt, ist nicht abschließend geklärt. In der Fachliteratur werden mehrere Erklärungen diskutiert: Die heutige Verbreitung könnte ein Rest eines früher größeren Areals sein. Ebenso wurde vorgeschlagen, dass Menschen Großfußhühner oder ihre Vorfahren auf westlich gelegene Inseln brachten. Andere Hypothesen verweisen auf Konkurrenz mit Fasanenartigen oder auf räuberische Säugetiere, die Vögel und ihre Nester erbeuten. Keine dieser Erklärungen gilt als allein gesicherte Ursache für das heutige Verbreitungsmuster.
Die Entdeckung von Megapodius rokusi erweitert den Fossilbericht dieser Region. Vor der Beschreibung des Liang-Bua-Fundes waren aus Wallacea keine fossilen Großfußhühner bekannt, obwohl dort heute mehrere Vertreter der Familie leben. Das neue Fossil zeigt, dass die Vielfalt der Großfußhühner in der Inselregion früher größer war als es die heutige Tierwelt vermuten lässt. Zugleich passt der Fund zur Annahme, dass die Linie der Grubenbrüter ihren Ursprung in Wallacea haben könnte und sich von dort später in Richtung Australien und Neuguinea ausbreitete. Wie anatomische Details auch Rückschlüsse auf die Lebensweise ausgestorbener Tiere erlauben, zeigt ein weiterer Fund: Beim vogelähnlichen Dinosaurier Infernogallus deutet der Kauapparat des Höllenhuhns auf weiche Früchte als Nahrung.
Liang Bua ist eine große Kalksteinhöhle, deren Sedimente eine Abfolge von ungefähr 190.000 Jahren bewahren. In den pleistozänen Schichten fanden Forscher unter anderem Reste des Zwergelefanten Stegodon florensis insularis, des Komodowarans, des Riesenmarabus Leptoptilos robustus und von Geiern der Gattung Trigonoceps. Hinzu kommen verschiedene Ratten und Fledermäuse. Die Höhle ist damit nicht nur ein Fundort früher Menschen, sondern auch ein Archiv für die Tiergemeinschaften, die Flores in verschiedenen Abschnitten der Eiszeit bewohnten.
Vogelreste machen zwar nur ungefähr ein Prozent der geborgenen Wirbeltierreste aus, bilden aber die artenreichste Gruppe der beschriebenen Fauna. Bislang wurden aus Liang Bua mehr als vierzig Vogel-Taxa dokumentiert, darunter mehrere ausgestorbene Arten. Bei den Grabungen im Sektor XV kamen insgesamt 166 Vogelreste ans Licht. Der Fund von Megapodius rokusi war einer davon. Dass ein einzelnes, zunächst wenig beachtetes Fragment eine neue Art repräsentiert, zeigt, wie leicht kleine Vogelknochen in umfangreichen Grabungsmaterialien gegenüber auffälligeren Säugetierresten in den Hintergrund geraten können.
Die zeitliche Einordnung ist für die Beziehung zum „Hobbit“ entscheidend. LB-Av-1542 stammt aus der Einheit 1A, deren Sedimente auf etwa 190.000 bis 120.000 Jahre datiert werden. Die Schichten mit den bekannten Überresten von Homo floresiensis gehören dagegen zur darüberliegenden Einheit 1B und sind ungefähr 120.000 bis 60.000 Jahre alt. Der Großfußhuhn-Knochen ist damit älter als die Hobbit-führenden Ablagerungen. Dass beide Arten gleichzeitig lebten oder einander begegneten, lässt sich aus dem Fund nicht ableiten.
Die Autoren halten es für möglich, dass Großfußhuhn-Eier für Homo floresiensis und später auch für moderne Menschen eine erreichbare Nahrungsquelle gewesen sein könnten. Das ist eine allgemeine Überlegung zur Größe, Nährstoffdichte und Zugänglichkeit solcher Eier. Es gibt keinen Nachweis, dass Homo floresiensis Eier oder Fleisch von Megapodius rokusi verzehrte. Ebenso wenig lässt sich sagen, ob die Art bis etwa 60.000 Jahre vor heute überlebte oder warum sie ausstarb. Sie könnte früher verschwunden sein; denkbar ist aber auch, dass sie ungefähr zu jener Zeit aus der Region verschwand, in der weitere Liang-Bua-Tiere wie der Riesenmarabu, der Zwergelefant und Geier nicht mehr nachweisbar sind.
Auch das Verhältnis zum heutigen Orangefuß-Großfußhuhn bleibt offen. Aus den untersuchten Höhlensedimenten sind keine weiteren Großfußhuhn-Reste bekannt, die ein gleichzeitiges Vorkommen beider Arten belegen würden. Die geringe Variation von Größe und Gefieder beim heutigen Orangefuß-Großfußhuhn deutet nach einer in der Studie diskutierten Möglichkeit darauf hin, dass es Flores erst relativ spät erreichte. In diesem Szenario wäre es erst nach dem Verschwinden der größeren Art auf die Insel gelangt. Die Fossilien reichen bislang nicht aus, um diese Abfolge zu bestätigen.
Der Artname rokusi ehrt den indonesischen Zooarchäologen Rokus Due Awe, der von 1942 bis 2015 lebte und auf Flores geboren wurde. In den 1960er- und 1970er-Jahren unterstützte er den niederländischen Priester Theodor Verhoeven bei archäologischen Untersuchungen auf der Insel. Später ließ er sich zum Lehrer ausbilden und arbeitete als Beamter in Jakarta. Daneben beteiligte er sich an archäologischen Begehungen und Ausgrabungen auf Flores, insbesondere in Liang Bua.
Due Awe spielte eine wichtige Rolle bei der Untersuchung der Tierknochen aus der Höhle. Er erkannte auch als Erster korrekt die Menschenknochen und Zähne, die später Homo floresiensis zugeordnet wurden. Ausgangspunkt dafür war der Fund des Teilskeletts LB1, das 2003 entdeckt worden war. Bei den späteren Grabungen identifizierte Due Awe außerdem die Knochen aus Sektor XV zunächst als Vogelknochen; Hanneke Meijer untersuchte das Material anschließend genauer und beschrieb das Großfußhuhn als neue Art.
Mit Megapodius rokusi ist erstmals eine fossile Großfußhuhn-Art aus Wallacea nach einem indonesischen Forscher benannt. Das Material wird im Pusat Riset Arkeometri der indonesischen Forschungs- und Innovationsbehörde BRIN in Jakarta aufbewahrt. Weitere Vogelknochen aus Liang Bua könnten künftig zeigen, ob sich hinter den bislang nicht näher bestimmten Fragmenten noch andere Vertreter der einst vielfältigeren Großfußhuhn-Fauna verbergen.
Alcheringa: An Australasian Journal of Palaeontology, A new species of megapode (Galliformes: Megapodiidae) from the Pleistocene of Liang Bua, Flores; doi:10.1080/03115518.2026.2741158
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