Kreidezeitliche Kost

Höllenhuhn kaut vor 66 Millionen Jahren wohl Früchte wie ein Papagei

 Dennis Lenz

Höllenhuhn kaut vor 66 Millionen Jahren wohl Früchte wie ein Papagei
Der fast vollständige Schädel von Infernogallus jamesi stammt aus der Hell Creek Formation. Die nach unten gewölbten Gaumenknochen zeigen, dass der zahnlose Dinosaurier weiche Früchte zerquetschen konnte. (Foto: © Funston et al., Nature Communications, CC BY 4.0)

Vor rund 66 Millionen Jahren lebte in Nordamerika ein etwa truthahngroßer Dinosaurier mit einem Kauapparat, der bei Nicht-Vogel-Dinosauriern bislang einzigartig ist. Infernogallus jamesi, das sogenannte Höllenhuhn, konnte seinen zahnlosen Unterkiefer offenbar vor und zurück bewegen und weiche Nahrung zwischen Schnabel und Gaumen zerdrücken. Der Aufbau ähnelt ausgerechnet dem eines heutigen fruchtfressenden Papageis und spricht dafür, dass fleischige Früchte einen großen Teil seiner Nahrung bildeten. Im selben Ökosystem jagte Tyrannosaurus rex, doch der kleine gefiederte Verwandte hatte offenbar eine völlig andere Nische gefunden.

Der fast vollständige Schädel von Infernogallus jamesi stammt aus der Hell Creek Formation im Westen Nordamerikas, einer der berühmtesten Fossillagerstätten der späten Kreidezeit. Gregory Funston von der Stony Brook University und seine Kollegen untersuchten das empfindliche Fossil mit Computertomografie, rekonstruierten verschobene Knochen digital und verfolgten die Ansatzrichtungen der Kaumuskeln. Die Originalmeldung der Stony Brook University beschreibt ein Tier von ungefähr 12 Kilogramm Körpergewicht, dessen Kopf in eine Handfläche passt und dessen Schnabel deutlich vogelartig wirkte.

Zu den Caenagnathiden, einer Gruppe zahnloser Oviraptorosaurier mit langen Beinen, kurzen Schwänzen und federbedecktem Körper, gehört der Fund. Ein bereits bekannter Oviraptorosaurier aus China zeigt, wie vogelähnlich diese Tiere auch beim Brutverhalten waren. Beim Höllenhuhn fällt nun ein anderes Merkmal auf: Sein Schädel war nicht auf kräftiges Knacken oder einen einfachen Scherenbiss ausgelegt, sondern auf wiederholtes Zerquetschen und Verschieben weicher Nahrung.

66 Millionen Jahre alte Schädelknochen verraten die Kaurichtung

Besonders aufschlussreich sind die Gaumenknochen, die sich bei Infernogallus nach unten in den Mundraum wölben. Dadurch verliefen wichtige Muskeln stärker von vorn nach hinten als bei vielen anderen Theropoden, bei denen die Kraft vor allem einen vertikalen Biss erzeugte. Beim Schließen des Schnabels konnte der Unterkiefer deshalb zusätzlich längs gleiten, während gegenüberliegende Leisten und Rinnen Nahrung zwischen den Knochenflächen bearbeiteten. Die Autoren vergleichen die Funktion eher mit einem kleinen Mörser als mit einer Schere.

Für die Rekonstruktion mussten die Paläontologen mehrere CT-Aufnahmen zusammensetzen, weil der zerbrechliche Schädel knapp größer als das Sichtfeld des Scanners war. Risse im Fossil erschienen ebenfalls in den Datensätzen und erschwerten die digitale Trennung der einzelnen Knochen. Gerade diese Aufnahmen machten jedoch Strukturen im Gaumen sichtbar, die von außen verborgen bleiben. In der Studie in Nature Communications wird der nahezu vollständig erhaltene Schädel als erster artikulierter Schädel dieser Dinosauriergruppe beschrieben.

Papagei Psittrichas liefert den überraschenden Vergleich

Das Team verglich die rekonstruierten Muskelrichtungen mit anderen Dinosauriern und heutigen Vögeln. Besonders ähnlich war die funktionelle Anordnung beim Borstenkopf, Psittrichas fulgidus, einem Papagei aus Neuguinea, der stark auf Früchte spezialisiert ist. Dieser Vogel zerquetscht das weiche Fruchtfleisch und trennt es vom harten Kern, statt Samen mit einem extrem kräftigen Biss zu knacken. Genau zu dieser Art der Verarbeitung passen die schwächere vertikale Beißmechanik und die ausgeprägte Vor-zurück-Bewegung des Höllenhuhns.

Auch Kerben am Schnabel und die Form des Gaumens stützen eine Ernährung mit weichem Pflanzenmaterial. Direkte Mageninhalte mit Früchten sind allerdings nicht erhalten, weshalb sich die letzte Mahlzeit des Tieres nicht bestimmen lässt. Die anatomischen Hinweise sprechen nach Ansicht der Autoren am stärksten für fleischige Früchte und andere weiche Pflanzenteile. Infernogallus war damit wahrscheinlich kein ausschließlicher Früchtefresser, sondern ein hoch spezialisierter Pflanzenfresser mit einem für diese Nahrung besonders geeigneten Mundwerkzeug.

Hell Creek beherbergt Höllenhuhn und T. rex zugleich

Die Hell Creek Formation konserviert eine Landschaft aus den letzten Millionen Jahren der Kreidezeit, kurz vor dem Massenaussterben an der Kreide-Paläogen-Grenze. Dort lebten Triceratops, Tyrannosaurus rex und zahlreiche kleinere Wirbeltiere in Flussauen und bewaldeten Lebensräumen. Zwischen großen Pflanzenfressern und tonnenschweren Räubern bewegte sich Infernogallus mit ungefähr truthahngroßem Körper durch dieselbe Umwelt. Seine Nahrung musste er weder erlegen noch mit massiven Zähnen zerreißen, sondern vermutlich mit dem Schnabel aufnehmen und im Mund zerdrücken.

Dieses Größen- und Rollenbild macht den Fund besonders anschaulich: Während T. rex mit einem fast ausschließlich vertikalen, enorm kräftigen Biss arbeitete, entwickelte der kleine Caenagnathide eine feine Schiebebewegung des Kiefers. Wie dramatisch das Hell-Creek-Ökosystem wenig später verändert wurde, zeigen auch geologische Spuren des Einschlags; ein aktueller Beitrag beschreibt, wie Nachbeben noch Jahre nach dem Dinosaurier-Asteroiden Sedimente bewegten. Infernogallus gehört damit zu einer Tierwelt unmittelbar vor diesem Umbruch.

12 Kilogramm Körpergewicht passen zu weicher Kost

Mit ungefähr 12 Kilogramm war Infernogallus einer der kleinsten bekannten Vertreter seiner Familie. Knochenhistologische Merkmale zeigen, dass das untersuchte Tier bereits weitgehend ausgewachsen war und nicht bloß ein Jungtier einer deutlich größeren Art. Das ist wichtig, weil die Hell Creek Formation auch größere Caenagnathiden wie Anzu wyliei hervorgebracht hat, der ebenfalls den Spitznamen „Chicken from Hell“ bekam. Der neue Name Infernogallus bedeutet ebenfalls Höllenhuhn, bezeichnet aber eine eigenständige, viel kleinere Gattung.

Die geringe Körpergröße passt zu einer Nahrung, die energiereich, aber räumlich verteilt vorkommt. Weiches Fruchtfleisch lässt sich schnell aufnehmen, verlangt jedoch andere Werkzeuge als harte Samen, zähe Blätter oder Knochen. Ein starker Knackbiss wäre dafür weniger entscheidend als kontrolliertes Quetschen und Schieben im Mund. Genau diese Kombination erkennen die Autoren in der Muskulatur und den Kontaktflächen des Schädels, wobei sie andere weiche Pflanzenteile als zusätzliche Nahrung ausdrücklich offenlassen.

Früchte werden in der Kreidezeit größer und vielfältiger

Blütenpflanzen breiteten sich während der Kreidezeit stark aus, und mit ihnen entstanden zunehmend größere und vielfältigere fleischige Früchte. Die Entwicklung der Caenagnathiden fällt zeitlich in diese Phase. Nach der Analyse der Forscher entstanden ihre besonderen Kauanpassungen ungefähr in dem Zeitraum, in dem solche Früchte häufiger und größer wurden. Die zeitliche Übereinstimmung spricht für einen möglichen ökologischen Zusammenhang, belegt aber keinen direkten ursächlichen Zusammenhang.

Spannend ist auch die Frage, ob die Tiere Samen verbreiteten. Moderne Fruchtfresser transportieren Kerne häufig über größere Distanzen und beeinflussen dadurch die Ausbreitung von Pflanzen. Für Infernogallus fehlen jedoch direkte Belege, dass Samen den Verdauungstrakt unbeschädigt passierten oder ausgespuckt wurden. Der Schädel verrät, wie Nahrung verarbeitet werden konnte, aber nicht automatisch, was anschließend mit den Kernen geschah. Genau hier bleibt eine greifbare offene Frage: Half ein 12 Kilogramm schweres Höllenhuhn bereits dabei, frühe Fruchtpflanzen über die Landschaft zu verteilen?

Royal Ontario Museum zeigt den fast vollständigen Schädel

Das zentrale Fossil wird heute im Royal Ontario Museum aufbewahrt. Sein fast vollständiger, noch zusammenhängender Schädel ist für Caenagnathiden außergewöhnlich, weil ihre leichten Knochen oft zerbrechen oder vor der Fossilisation auseinanderfallen. Am Original lassen sich Schnabelrand, Augenregion und die ungewöhnlichen Gaumenstrukturen nachvollziehen, während die CT-Daten die verdeckten Flächen ergänzen. Für Funston und seine Kollegen war gerade diese seltene Erhaltung der Schlüssel, um aus einem kleinen Schädel eine neue Ernährungsweise zu rekonstruieren.

So endet die Spur wieder bei dem handtellergroßen Kopf aus Hell Creek: Zwischen den Knochen sitzt kein fossiler Fruchtrest, wohl aber ein Mechanismus, der weiches Fruchtfleisch erstaunlich gut verarbeiten konnte. Der kleine gefiederte Dinosaurier lief durch dieselbe Landschaft wie T. rex und Triceratops, doch seine auffälligste Anpassung steckte im Mund. Statt mächtiger Zähne besaß das Höllenhuhn einen beweglichen Schnabelapparat, dessen nächste funktionelle Parallele heute bei einem fruchtfressenden Papagei lebt.

Nature Communications, Fruit-eating adaptations in a Late Cretaceous oviraptorosaur (Theropoda); doi:10.1038/s41467-026-78343-w

Stony Brook University, Stony Brook Dinosaur Discovery Reveals a Specialized Fruit Eater

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