Die Schleiereulen Amerikas stammen offenbar nicht vom Festland, sondern von den Inseln der Karibik. Darauf deuten Erbgutanalysen von Museumsexemplaren und Fossilien hin, mit denen ein Team des Florida Museum of Natural History die Ausbreitungswege der Vögel rekonstruiert hat. Demnach überquerten ihre Vorfahren vermutlich den Atlantik, entwickelten sich dort zu einer artenreichen Gruppe mit rund einen Meter großen Riesenformen und besiedelten erst danach die Galápagosinseln und den amerikanischen Kontinent. Flugroute und Zeitpunkte lassen sich allerdings nur näherungsweise bestimmen.
Schleiereulen gehören zu den am weitesten verbreiteten Vögeln der Erde. Sie leben auf allen Kontinenten außer der Antarktis, in deutschen Dachböden und Kirchtürmen ebenso wie in den Feldern Argentiniens. Lange galt als naheliegend, dass die amerikanischen Bestände über das Festland eingewandert sind und die Karibik erst später als abgelegenen Außenposten erreicht haben. Ein Forschungsteam um den Biologen Min Zhao, der die Arbeit als Postdoktorand am Florida Museum of Natural History in Gainesville durchgeführt hat, kommt nun zu einem anderen Ergebnis. Wie das Museum in seiner Mitteilung zur neuen Schleiereulen-Studie berichtet, liegen die genetisch eigenständigsten Linien der westlichen Hemisphäre nicht auf dem Kontinent, sondern auf den karibischen Inseln.
An der Untersuchung waren neben dem Florida Museum auch Forscher der Virginia Tech beteiligt. Im Mittelpunkt steht die Amerikanische Schleiereule (Tyto furcata), die erst seit 2024 als eigene Art von der in Europa und damit auch in Deutschland heimischen Schleiereule (Tyto alba) getrennt geführt wird. Die Forscher kombinierten Erbgutdaten mit dem Fossilbericht der Region und mit bereits veröffentlichten Radiokarbondaten. Aus diesem Gesamtbild ergibt sich eine überraschende Abfolge: zuerst die Inseln, dann die Galápagosinseln und erst zum Schluss das amerikanische Festland.
Nach den Ergebnissen des Teams entstand die Amerikanische Schleiereule vor weniger als zwei Millionen Jahren in der Karibik. Ihre Vorfahren kamen aus dem Osten, also aus Europa oder Asien, was frühere Untersuchungen bereits nahegelegt hatten. Neu ist die Reihenfolge der Besiedlung. „Betrachtet man die heutige Verbreitung, sind Schleiereulen auf dem amerikanischen Kontinent weit verbreitet, in der Karibik aber weniger. Man würde also annehmen, dass die karibischen Schleiereulen vom Kontinent kamen. Anhand der Genetik haben wir aber festgestellt, dass die am stärksten abweichenden Linien in der Karibik liegen“, sagt Zhao laut der Mitteilung des Museums. In der Evolutionsbiologie gilt eine solche Häufung alter, stark verzweigter Linien als Hinweis auf das Ursprungsgebiet einer Gruppe.
Unerwartet war ein weiterer Befund. Die Galápagosinseln im Pazifik wurden offenbar zweimal unabhängig voneinander von Schleiereulen besiedelt. Eine Linie gelangte vor mehr als einer Million Jahren direkt aus der Karibik dorthin und übersprang dabei den Kontinent. Sie lebt heute auf den Inseln Isabela und Santa Cruz, auf Floreana ist sie inzwischen verschwunden. Eine zweite, deutlich jüngere Einwanderung stammt aus Südamerika und hat sich auf der dicht besiedelten Insel San Cristóbal etabliert. Erst nach dem Sprung auf die Galápagosinseln breiteten sich karibische Schleiereulen auch auf Nord- und Südamerika aus.
Die Grundlage der Studie bilden Sammlungen, die zum Teil über ein Jahrhundert alt sind. Die Forscher analysierten Gewebeproben, historische Museumsexemplare und Fossilien aus elf Museen, darunter das American Museum of Natural History, das Field Museum und die Louisiana State University. Die ältesten untersuchten Bälge wurden bereits 1876 gesammelt. Aus diesem Material gewannen sie sogenannte ultrakonservierte Elemente, also Abschnitte im Erbgut, die sich zwischen Arten kaum unterscheiden und deren variable Randbereiche Verwandtschaftsverhältnisse besonders zuverlässig abbilden. Zusätzlich werteten sie das Erbgut der Mitochondrien aus, das in Zellen in vielen Kopien vorliegt und sich daher auch aus altem, stark abgebautem Material noch gewinnen lässt.
Aus den Verwandtschaftsbeziehungen ergibt sich zunächst nur, welche Linien sich wann voneinander getrennt haben. Um daraus Wanderungen abzuleiten, verknüpfte das Team den Stammbaum mit den Fundorten und Altersangaben bekannter Fossilien. Die so rekonstruierten Ausbreitungswege sind deshalb modellbasierte Näherungen und keine beobachteten Wanderungen einzelner Vögel. Auch der genaue Zeitpunkt der Ankunft in der Karibik bleibt mit Unsicherheit behaftet. Fest steht nach Angaben des Ornithologen David Steadman, Koautor und emeritierter Kurator am Florida Museum, dass in der gesamten westlichen Hemisphäre keine Schleiereulenfossilien gefunden wurden, die älter als das Pleistozän sind, also älter als rund 2,6 Millionen Jahre.
Bislang standen vor allem zwei Wege zur Diskussion: die frühere Landbrücke Beringia zwischen Sibirien und Alaska oder eine Inselkette im Nordatlantik über Island, Grönland und Kanada. Beide Routen halten die Autoren für unwahrscheinlich. Schleiereulen sind Vögel tropischer und gemäßigter Breiten und kommen mit langen, schneereichen Wintern schlecht zurecht, weil die Schneedecke ihre wichtigste Beute verbirgt. Steadman beobachtete das schon als Kind auf der Farm seiner Familie in Pennsylvania, wo Schleiereulen jedes Jahr oben auf einem Silo ihren Ruheplatz hatten. Vor dem ersten Schnee verschwanden sie und kehrten erst nach der Schneeschmelze zurück, wenn die Wühlmäuse wieder erreichbar waren.
Wahrscheinlicher ist nach Einschätzung der Forscher ein direkter Flug über den Atlantik während oder kurz vor den Eiszeiten des Pleistozäns. Eine solche Strecke wirkt für einen Vogel, der als Standvogel gilt, zunächst kaum vorstellbar. Es gibt aber Vorbilder: Strandflieder der Gattung Limonium gelangte vom Mittelmeerraum über die Inselgruppen Makaronesiens bis in die Karibik. Zudem berichtete der englische Naturforscher Mark Catesby, dass auf seiner Überfahrt nach Nordamerika im Jahr 1722 auf etwa 26 Grad nördlicher Breite, mitten zwischen Afrika und Amerika, eine Eule über dem Schiff kreiste. Eine solche Einzelbeobachtung belegt freilich nicht, welchen Weg die Vorfahren der heutigen Bestände tatsächlich genommen haben. „Eulen sind gute Ausbreiter, und Schleiereulen sind wahrscheinlich die besten“, sagt Steadman.
Auf den Inseln entwickelten sich die Neuankömmlinge in erstaunliche Richtungen. Mindestens neun Schleiereulenarten lebten einst in der Karibik, darunter mehrere Riesenformen. Die Bahama-Riesenschleiereule (Tyto pollens) war nach Angaben der Koautorin Jessica Oswald etwa einen Meter groß und lebte auf Kuba und den Bahamas. Auf Hispaniola gab es mit Tyto ostologa eine ähnlich gewaltige Art. Beide starben wahrscheinlich innerhalb der vergangenen eine Million Jahre aus, entweder im späten Pleistozän oder im Holozän. Da viele ihrer Beutetiere erst nach der Ankunft des Menschen im mittleren bis späten Holozän verschwanden, halten die Forscher es für möglich, dass auch die Rieseneulen bis dahin überlebten. An einer archäologischen Fundstelle der Kleinen Antillen gibt es Belege für eine Rieseneule, was auf eine Begegnung von Menschen und diesen Vögeln hindeutet.
Oswald, die Fossilien auf den Bahamas ausgegraben hat, sieht in Tyto pollens das mögliche Vorbild für den Chickcharney. Dieses eulenartige Fabelwesen soll nach einer Legende auf den Inseln der Bahamas umgehen. Wer ihm freundlich begegnet, hat Glück, wem es an Respekt fehlt, dem ergeht es schlecht. „Wenn man einen einzelnen Schuh auf dem Feld sieht, bedeutet das, dass der Chickcharney gekommen ist, die Person gepackt und mitgenommen hat“, gibt Oswald eine Erzählung wieder, die man ihr dort berichtete. Ein Beweis für diesen Zusammenhang ist das nicht, doch die Verbreitung der Art und ihr mögliches Überleben bis zur Ankunft des Menschen machen die Deutung plausibel.
Gejagt wurden die Rieseneulen nach Einschätzung der Forscher eher nicht. Wahrscheinlicher ist, dass ihnen die Nahrung ausging. Ihr Speiseplan bestand zu einem großen Teil aus Hutias, großen Nagetieren, die einst in vielen Arten auf den Inseln lebten, sowie aus noch größerer Beute. „Die zwei oder drei größten Formen der Riesenschleiereulen hätten ohne Weiteres ein junges Bodenfaultier erbeuten können“, sagt Steadman. Auch Affen, Nagetiere und Insektenfresser, die für heutige Schleiereulen viel zu groß wären, gehörten zum möglichen Beutespektrum. Ein Großteil dieser Säugetiere starb nach der Ankunft des Menschen aus, und mit ihnen verschwanden fast alle karibischen Schleiereulen. Das Muster ist von vielen Inseln bekannt, deren Vogelwelt kaum Erfahrung mit dem Menschen hatte. Das bekannteste Beispiel ist der Dodo auf Mauritius, über den die Forschung bis heute Neues herausfindet, etwa dass er seine Umgebung ähnlich wie eine Eule wahrnahm.
Heute beherbergt die Karibik zwar noch immer die größte Vielfalt an Schleiereulen in der westlichen Hemisphäre, doch nach Oswalds Worten ist das nur ein sehr kleiner Bruchteil dessen, was einst dort lebte. Teilweise füllen moderne Schleiereulen die frei gewordenen Lücken. Auf Hispaniola tauchte die Amerikanische Schleiereule erst Mitte des 20. Jahrhunderts auf. Dort lebten früher zehn Hutia-Arten, die der Mensch ausgerottet hat. Die Neuankömmlinge begnügen sich mit kleinerer Beute, möglicherweise auch mit eingeschleppten Ratten. Ähnliches könnte auf San Cristóbal geschehen, wo mehrere vom Menschen eingeführte Säugetiere leben.
Die Studie stützt nach Ansicht der Autoren eine Sicht, die in der Biogeografie lange als Ausnahme galt. Inseln sind demnach nicht nur Endstationen, an denen Arten vom Festland ankommen, sondern können selbst Quellen kontinentaler Vielfalt sein. Zugleich bewahren sie als eine Art Museum eigenständige Linien, die bei Störungen besonders leicht aussterben. Wie wandelbar die Vögel auch heute noch sind, zeigt eine Untersuchung aus der Schweiz, nach der sich die Gefiederfärbung von Schleiereulen binnen 30 Jahren verschoben hat.
Für den Naturschutz hat die genetische Abgrenzung praktische Folgen. Lange galten Schleiereulen weltweit als eine einzige Art. Inzwischen zeigen genetische Untersuchungen, dass sich dahinter mehrere Arten verbergen. Die Schleiereulen der Galápagosinseln, die aus der Karibik stammen, gelten bislang nur als Unterart der Amerikanischen Schleiereule. Die Autoren halten die Unterschiede für groß genug, um sie als eigene Art einzustufen. Steadman vermutet, dass dies auch für eine wenig erforschte Unterart der Kleinen Antillen zutreffen könnte. Das wäre ein Vorteil für die Vögel, denn Menschen, Forscher eingeschlossen, schenken Organismen, die sie für einzigartig halten, erfahrungsgemäß mehr Aufmerksamkeit. Ob sich die neue Einordnung durchsetzt, müssen weitere Untersuchungen und die zuständigen Fachgremien zeigen.
Florida Museum of Natural History, Caribbean islands were once the center of diversity for barn owls
Proceedings of the Royal Society B, Caribbean Islands facilitated the colonization of Western Hemisphere barn owls, yet experienced rampant extinction; doi:10.1098/rspb.2026.1022