Apotheke am Mount Elgon

Afrikanische Elefanten behandeln sich offenbar mit Heilpflanzen selbst

 Dennis Lenz

Afrikanische Elefanten behandeln sich offenbar mit Heilpflanzen selbst
(Symbolbild) Afrikanische Elefanten am Mount Elgon in Kenia fressen nach Berichten langjähriger Beobachter gezielt bestimmte Pflanzen, wenn sie krank wirken. Eine Studie des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin hat 39 solcher Ressourcen erfasst, darunter 35 Pflanzenarten. Bei 87 Prozent handelt es sich um Mittel, die auch Menschen der Region in der traditionellen Medizin verwenden. Ob die Pflanzen den Tieren tatsächlich helfen, müssen weitere Untersuchungen zeigen. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Afrikanische Elefanten am kenianischen Mount Elgon suchen offenbar gezielt bestimmte Pflanzen auf, wenn sie krank sind. Das berichten Menschen, die die Tiere seit mehr als 20 Jahren beobachten, und eine Studie des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin hat ihr Wissen nun erstmals systematisch ausgewertet. Die Forscher zählten 39 natürliche Ressourcen, die als Heilmittel der Dickhäuter in Frage kommen. Erstaunlich ist vor allem, wie oft die Tiere dieselben Pflanzen wählen wie die Heiler der Region.

Der Mount Elgon ist ein erloschener Vulkan an der Grenze zwischen Kenia und Uganda, bedeckt von Bergwald und durchzogen von Höhlen. In manche davon dringen Elefanten bis zu 160 Meter tief ein, um mineralreiche Erde von den Wänden zu lösen. Insgesamt 55 solcher Höhlen haben Naturschützer dokumentiert. Die Tiere, die hier leben, gelten als bedroht, Lebensraumverlust und Konflikte mit Menschen setzen der Population zu. Gleichzeitig ist das Gebirge ein Brennpunkt der biologischen Vielfalt mit einer außergewöhnlich reichen Pflanzenwelt. Genau diese Kombination macht es zu einem idealen Ort für eine Frage, die Verhaltensforscher seit Jahrzehnten beschäftigt: Wissen Tiere, welche Pflanzen ihnen bei Beschwerden helfen, und setzen sie dieses Wissen gezielt ein? Bei Elefanten ist die Antwort bislang kaum untersucht, vor allem nicht bei wild lebenden Herden in Afrika, deren Verhalten im dichten Wald nur schwer zu verfolgen ist.

Fachleute sprechen von Zoopharmakognosie, wenn Tiere Pflanzen, Erden oder andere Stoffe nutzen, um Krankheiten vorzubeugen oder Beschwerden zu lindern. Seit den 1970er Jahren ist bekannt, dass es dieses Verhalten gibt. Schimpansen schlucken bittere Blätter, um Darmparasiten loszuwerden, und manche Vögel polstern ihre Nester mit Pflanzen aus, die blutsaugende Milben fernhalten. Erste Hinweise auf Selbstmedikation gibt es auch bei asiatischen Elefanten. Für ihre afrikanischen Verwandten fehlten systematische Untersuchungen dagegen weitgehend. Die Nachwuchsgruppe Ethnopharmakologie und Zoopharmakognosie am Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg wählte deshalb einen ungewöhnlichen Weg. Statt die Tiere mit Kameras oder Probennahmen in ihrem Lebensraum zu stören, befragte das Team Menschen, die mit den Elefanten des Mount Elgon seit Jahrzehnten Tür an Tür leben und ihr Verhalten aus eigener Anschauung kennen.

Wie die Forscher das Wissen am Mount Elgon erfassten

An der Studie beteiligten sich neben dem Hamburger Institut die Mount Elgon Foundation, die Hochschule Neubrandenburg, das Mount Elgon Elephant Project der East African Wild Life Society und die Nationalmuseen Kenias. Acht lokale Experten mit jeweils mehr als 20 Jahren Erfahrung kamen zu Wort, darunter Wildtierbeobachter, ein ehemaliger Ranger, ein pensionierter Landwirtschaftsbeamter und Älteste der örtlichen Gemeinschaften. In ausführlichen, leitfadengestützten Interviews schilderten sie, welche Pflanzen Elefanten bei Anzeichen von Krankheit fressen und wie die Menschen dieselben Pflanzen in der traditionellen Medizin nutzen. Anschließend sammelten die Forscher Belegexemplare, ließen sie im Ostafrikanischen Herbarium bestimmen und werteten die Angaben mit ethnobotanischen Kennzahlen aus, wie das Bernhard-Nocht-Institut in seiner Mitteilung zur Studie beschreibt. Zusätzlich durchsuchten sie die pharmakologische Fachliteratur nach bekannten Wirkungen der genannten Arten.

35 Heilpflanzen und 87 Prozent Übereinstimmung

Insgesamt nannten die acht Experten 39 natürliche Ressourcen, die Elefanten nach ihrer Einschätzung gezielt aus medizinischen Gründen aufnehmen. Darunter sind 35 Pflanzenarten aus 23 Familien sowie vier Böden, Mineralien oder Tone. In 34 Fällen, also bei 87 Prozent, handelt es sich um Ressourcen, die auch die Menschen der Region als Heilmittel verwenden. 25 davon bezeichneten die Befragten ausdrücklich als Medizin für Elefanten. Für mehrere der häufig genannten Arten beschreiben frühere Laborstudien antibakterielle, entzündungshemmende oder parasitenhemmende Eigenschaften. Die große Überschneidung deutet nach Ansicht der Autoren auf eine gemeinsame ökologische Wissensbasis hin, die über Generationen gewachsen ist. Ob Menschen dabei von den Tieren lernten oder beide unabhängig voneinander dieselben Heilpflanzen fanden, lässt sich aus den Daten allerdings nicht ablesen. Sicher ist nur, dass Tier und Mensch am Mount Elgon offenbar aus derselben Apotheke schöpfen.

Warum Afrikanische Elefanten zu einem bestimmten Baum wandern

Um die Berichte einzuordnen, nutzten die Forscher ein etabliertes Schema mit fünf Stufen für tierische Selbstmedikation. Am aussagekräftigsten ist die vierte Stufe: Ein offenbar krankes Tier frisst gezielt eine Pflanze, die weder besonders nahrhaft noch schmackhaft ist, oft nur in kleinen Mengen, zu ungewöhnlichen Zeiten oder auf auffällige Weise. Acht Pflanzenarten erfüllten nach den Berichten diese Kriterien, darunter die Baumaloe Aloe arborescens, der Baum Bersama abyssinica und die Feige Ficus natalensis. Mehrere Befragte schilderten Elefanten, die lange Strecken zielstrebig zu einem bestimmten Baum laufen, ohne unterwegs zu fressen, und erst dort Rinde oder Blätter aufnehmen. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Scientific Reports unter einem ausdrücklich vorsichtig formulierten Titel erschienen, der von mutmaßlicher Selbstmedikation spricht.

Medizin für die Kälber und Salz aus den Höhlen

Zu den auffälligsten Schilderungen gehört ein Verhalten, das Biologen als Allocare bezeichnen, also Fürsorge für andere Tiere. Die Experten berichten, dass Elefantenmütter ihren Kälbern Pflanzenmaterial verabreichen. Fünf Ressourcen tauchten in solchen Berichten auf. Belegt ist weder der genaue Ablauf noch ein medizinischer oder immunisierender Nutzen, das Team versucht derzeit, das Verhalten auf Video festzuhalten. Ein Gegenbefund betrifft das bekannte Salzlecken in den Höhlen. Alle Befragten bestätigten zwar, dass die Elefanten dort Ton und mineralreiches Material aufnehmen, sie sahen darin aber vor allem eine Quelle für Mineralstoffe. Keine der vier Erden oder Tone nannten sie Medizin für Elefanten, weshalb die Studie das Höhlenverhalten ausdrücklich nicht als Selbstmedikation einstuft. Solche Unterscheidungen sind wichtig, weil nicht jede ungewöhnliche Nahrung automatisch ein Arzneimittel ist.

Was die Studie über Elefanten noch nicht beweist

So faszinierend die Berichte sind, sie beruhen auf den Beobachtungen und Deutungen von acht Menschen. Die Befragten kennen viele der Pflanzen selbst aus der traditionellen Heilkunde, was ihre Interpretation des Elefantenverhaltens prägen kann. Ob die Tiere tatsächlich krank waren, ob die Pflanzen ihnen halfen und ob sie das Wissen voneinander lernen, müssen direkte Beobachtungen und Laboranalysen erst zeigen. Die Forscher planen dazu Untersuchungen der Inhaltsstoffe ausgewählter Arten. Für den Naturschutz haben die Ergebnisse dennoch Gewicht, denn wenn Elefanten auf bestimmte Heilpflanzen angewiesen sind, verschwindet mit jeder Rodung womöglich ein Teil ihrer Apotheke. Die Autoren sehen darin eine Frage der gemeinsamen Gesundheit von Mensch, Tier und Ökosystem, ein Zusammenhang, den auch eine Auswertung von 58.319 Krankheitsausbrüchen in zerstückelten Landschaften deutlich macht.

Scientific Reports, African elephants putatively self-medicate with medicinal plants in the Mount Elgon region, Kenya; doi:10.1038/s41598-026-53610-4

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