Von urzeitlichen Tieren bleiben fast immer nur Knochen und Zähne übrig, weil Organe innerhalb weniger Tage zerfallen. Ein Fossil aus der südchinesischen Provinz Yunnan durchbricht diese Regel: In dem 245 Millionen Jahre alten Skelett eines langhalsigen Meeresreptils steckt noch ein weitgehend vollständiger Verdauungstrakt. Zwischen den Rippen erkannten die Forscher eine dunkle Zone, die sich als Magen, Leber und Darm entpuppte. In einem der Organe ließ sich sogar noch chemischer Blutfarbstoff nachweisen.
Das Tier trägt den Namen Austronaga minuta und lebte in der mittleren Trias, also rund 45 Millionen Jahre vor den ersten großen Dinosauriern und wenige Millionen Jahre nach dem schwersten Massenaussterben der Erdgeschichte. Sein Körperbau ist auf das Wasser ausgerichtet: ein langer Hals, ein kräftiger Ruderschwanz als Antrieb, flossenartig umgebaute Vorderextremitäten und stark zurückgebildete Hinterbeine. Bemerkenswert ist diese Ausstattung, weil das Tier nicht zu den bekannten Gruppen der Meeressaurier gehört. Es zählt zur Stammlinie der Archosaurier, jener Gruppe, aus der später Krokodile, Flugsaurier, Dinosaurier und Vögel hervorgingen. Von deren frühen Vertretern nahm die Forschung bislang an, dass sie sich nur begrenzt an ein Leben im offenen Wasser anpassten.
Dass Weichgewebe überhaupt fossil überliefert wird, ist ein seltener Ausnahmefall. Nach dem Tod eines Tieres beginnen Bakterien und körpereigene Enzyme sofort mit dem Abbau der Organe, sodass in aller Regel nur mineralisierte Hartteile übrig bleiben. Nur wenn ein Kadaver sehr schnell unter sauerstoffarmen Bedingungen eingebettet wird, können chemische Prozesse die Zersetzung überholen und Strukturen als dunkle Verfärbungen, Mineralausfällungen oder organische Rückstände festhalten. Solche Fundstellen sind weltweit an wenigen Orten bekannt und liefern Informationen, die kein Skelett allein hergibt: zur Ernährung, zur Verdauung, zum Stoffwechsel und zur inneren Anatomie. Genau deshalb hat der Fund aus Yunnan über die Beschreibung einer neuen Art hinaus Gewicht, denn er erlaubt einen direkten Blick in den Bauchraum eines Tieres aus der Trias.
Zur Analyse setzte das Team Fotografie unter UV-Licht sowie Massenspektrometrie ein, um die dunkle Zone zwischen den Rippen chemisch von umgebendem Sediment zu unterscheiden. Vorn liegt ein sackförmiger Magen mit nur einer Kammer, dahinter die Leber, die ihre rötliche Färbung behalten hat, und daran anschließend ein langer, einfacher Schlauch aus Dünn- und Dickdarm. In der Leberregion fanden sich erhöhte Eisengehalte und Rückstände, die sich Hämoglobin zuordnen lassen, wie das internationale Team um Wei Wang vom Institut für Wirbeltierpaläontologie in Peking in Science Advances berichtet. Im Magen steckten zudem identifizierbare Nahrungsreste eines Fisches, also die letzte Mahlzeit des Tieres.
Vögel, Krokodile und bestimmte Dinosaurier besitzen einen zweigeteilten Magen, in dem Drüsenmagen und Muskelmagen unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Austronaga minuta hatte dagegen nur eine einzige Kammer, obwohl das Tier zur selben Abstammungslinie gehört. Für die Rekonstruktion der Stammesgeschichte bedeutet das, dass sich die Zweiteilung erst später entwickelt haben dürfte, näher am Ursprung von Vögeln und Krokodilen, und nicht schon am Beginn dieser Linie. Auch der Darm passt zu diesem Bild: Er ist kurz und einfach gebaut, wie es bei heutigen fischfressenden Reptilien üblich ist, denn tierische Nahrung lässt sich leichter aufschließen als pflanzliche. Damit liegt hier nach Angaben der beteiligten Paläontologen der älteste gut erhaltene Verdauungstrakt eines Reptils überhaupt vor. Ähnlich detaillierte Einblicke lieferte bislang nur eine kambrische Larve mit erhaltenen Innenorganen.
Unklar bleibt, ob das untersuchte Exemplar bereits ausgewachsen war. Sollte es sich um ein Jungtier handeln, könnte die Art größer geworden sein als die vorliegende Probe vermuten lässt, wobei die Beteiligten insgesamt von einem kleinen Meeresreptil ausgehen, das keine Länge von mehreren Metern erreichte. Zu klären ist außerdem, wie tief und wie ausdauernd das Tier tauchte und ob es seine Beute aktiv verfolgte oder aus dem Hinterhalt schnappte. Der lange Hals in Kombination mit dem Ruderschwanz spricht eher für kurze, schnelle Vorstöße im freien Wasser. Weitere Funde aus derselben Formation könnten diese Fragen beantworten, denn die Fundschichten in Yunnan haben in den vergangenen Jahren mehrfach außergewöhnlich gut erhaltene Wirbeltiere geliefert. Wie stark einzelne Fossilfunde etablierte Annahmen verschieben können, zeigte zuletzt die Neubewertung von Kieferresten, nach der Riesenoktopusse zu den Spitzenräubern der Kreidezeitmeere zählten.
Science Advances, Highly aquatic marine stem archosaur with soft tissue preservation; doi:10.1126/sciadv.aeb7528