Seitlicher Blick

Sternexplosion GRB 260310A leuchtet nach 68 Tagen weiter

 Dennis Lenz

Sternexplosion GRB 260310A leuchtet nach 68 Tagen weiter
(Symbolbild, KI-generiert) GRB 260310A entstand beim Kollaps eines massereichen Sterns und schleuderte einen relativistischen Jet ins All. Die wissenschaftliche Visualisierung zeigt den schmalen schnellen Kern innerhalb eines breiteren Ausflusses, wobei die Erd-Blickrichtung außerhalb der Hauptachse liegt. Dadurch erschien der erste Gammastrahlenausbruch vergleichsweise moderat, während das Nachglühen später außergewöhnlich hell wurde. Die dargestellten Farben sind eine Visualisierung unsichtbarer Hochenergieprozesse und keine fotografische Aufnahme. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Der Gammastrahlenausbruch GRB 260310A wirkte zunächst vergleichsweise unscheinbar, doch sein Nachglühen gehörte in mehreren Wellenlängen zu den hellsten je beobachteten Fällen. Röntgenteleskope konnten die Quelle noch 68 Tage nach dem ersten Blitz verfolgen, während Radiodaten und sichtbares Licht die Struktur des Ausbruchs ergänzten. Die Messungen passen zu einem relativistischen Jet, dessen schneller Kern nicht auf die Erde zielte, sondern seitlich an unserer Blickrichtung vorbeiging. Genau dieser schräge Blick machte eine Struktur sichtbar, die frontal von ihrer eigenen Strahlung überblendet worden wäre.

Am Beginn stand ein Signal, das kaum zu der späteren Helligkeit passte. Der NASA-Satellit Fermi registrierte den Ausbruch als langen Gammastrahlenblitz, dessen energiereiche Anfangsphase im Vergleich mit den extremsten bekannten Ereignissen eher moderat ausfiel. Kurz darauf begann jedoch eine internationale Beobachtungskampagne, bei der Teleskope auf der Erde und im All denselben Punkt am Himmel immer wieder anvisierten. Das Team um Yu-Han Yang von der Universität Tor Vergata in Rom kombinierte diese Daten schließlich zu einem Bild der Explosion, das in The Astrophysical Journal Letters veröffentlicht wurde. Statt eines gleichmäßig auslaufenden Feuerballs zeichnet sich darin ein schmaler, sehr schneller Kern ab, der von einem breiteren und langsameren Ausfluss umgeben ist.

Solche Gammastrahlenausbrüche entstehen, wenn ein massereicher Stern kollabiert und in sehr kurzer Zeit Materie mit annähernd Lichtgeschwindigkeit ins All schleudert. Bei GRB 260310A bestätigten spätere Spektren eine breitlinige Supernova vom Typ Ic und damit den Tod eines massereichen Sterns. Ein verwandter Fall, bei dem Astronomen eine Supernova fast vom ersten Moment an beobachteten, zeigte ebenfalls, wie wertvoll extrem frühe Messungen für die Rekonstruktion eines Sternentods sind. Beim aktuellen Ereignis lag der ungewöhnliche Teil jedoch weniger im Beginn als in dem, was Stunden und Wochen später folgte.

Fermi misst einen 53 Sekunden langen Gammastrahlenblitz

Die energiereiche Anfangsphase dauerte nach der detaillierten Auswertung ungefähr 53 Sekunden und erreichte eine isotrop äquivalente Gammaenergie von rund 3,5 × 1050 Erg. Dieser Wert beschreibt, welche Energie sich ergäbe, wenn die gemessene Strahlung gleichmäßig in alle Richtungen ausgesandt worden wäre; bei einem gebündelten Jet ist die tatsächlich benötigte Energiemenge geringer. Auffällig war zugleich die relativ harte spektrale Spitze bei etwa 157 Kiloelektronenvolt. Die Kombination aus vergleichsweise mäßiger Gammaenergie und harter Strahlung passte nicht sauber in das übliche Verhältnis vieler langer Ausbrüche und lieferte damit den ersten Hinweis, dass der Blickwinkel eine wichtige Rolle spielt.

Im sichtbaren Licht entwickelte sich die Quelle ganz anders als ein gewöhnliches Nachglühen, das unmittelbar nach dem Ausbruch am hellsten ist und danach kontinuierlich schwächer wird. Bereits wenige Minuten nach dem Trigger war ein optischer Gegenpart messbar, doch seine Helligkeit stieg weiter an und erreichte erst nach ungefähr 0,1 Tagen ihr frühes Maximum. Für einen extrem relativistischen Ausfluss wäre ein viel früherer Gipfel naheliegend, wenn Beobachter nahezu entlang der Jetachse schauen. Das verzögerte Aufhellen lässt sich dagegen erklären, wenn zunächst nur Strahlung aus den äußeren Bereichen des Jets die Erde erreicht und der zentrale, schnellere Teil außerhalb der direkten Sichtlinie liegt.

Large Binocular Telescope verfolgt den hellen optischen Nachglanz

Das Large Binocular Telescope in Arizona gehörte zu den Instrumenten, die den optischen Gegenpart über die folgenden Tage verfolgten. Auf den Aufnahmen saß der Lichtpunkt dicht neben seiner Wirtsgalaxie und blieb lange auffällig hell, während weitere Observatorien Farbdaten und Spektren lieferten. Nach rund zweieinhalb Wochen erschienen breite Strukturen im Spektrum, die zu einer Supernova des Typs Ic-BL passen. Der Stern hatte seine äußeren wasserstoffreichen Schichten schon vor dem Kollaps verloren, und die hohen Geschwindigkeiten des ausgeworfenen Materials verbreiterten die Spektrallinien so stark, dass sie als wellige Mulden und Buckel statt als schmale Linien erscheinen.

Dieses optische Signal enthält allerdings zwei Lichtquellen, die sich zeitlich überlagern. Der relativistische Jet erzeugt Synchrotronstrahlung, wenn schnelle Elektronen in Magnetfeldern abgelenkt werden, während die Supernova durch ihr expandierendes, radioaktives Material ebenfalls immer stärker ins sichtbare Licht drängt. Das Team trennte beide Beiträge mit mehrfarbigen Lichtkurven und Spektren, statt das gesamte spätere Leuchten dem Jet zuzuschreiben. Gerade diese Trennung ist wichtig, weil der ungewöhnliche zweite Helligkeitsanstieg nicht nur optisch, sondern besonders klar im Röntgenbereich erschien, wo die Supernova den Befund nicht erklären kann.

Chandra sieht nach drei Wochen ein zweites Aufflammen

Röntgenbeobachtungen mit Einstein Probe, NuSTAR, XMM-Newton und Chandra zeichneten eine komplizierte Lichtkurve auf. Nach einer zunächst flachen Abnahme wurde die Quelle deutlich schwächer, begann später aber erneut zuzulegen und erreichte etwa drei Wochen nach dem ersten Signal ein ausgeprägtes zweites Maximum. Das Spektrum veränderte sich dabei kaum, was gegen einen völlig neuen Strahlungsmechanismus spricht. Yang und seine Kollegen interpretieren die Entwicklung deshalb als mögliche zweite Jetkomponente: Ein sehr schmaler und energiereicher Kern wird erst sichtbar, nachdem sich der Ausfluss verlangsamt und seine Strahlung über einen größeren Winkel verteilt.

Der Effekt ähnelt einem starken Scheinwerfer, dessen Lichtkegel zunächst knapp an einem Beobachter vorbeizielt. Solange das Material extrem schnell fliegt, wird die Strahlung durch relativistische Effekte eng in Bewegungsrichtung gebündelt. Mit sinkender Geschwindigkeit weitet sich der sichtbare Kegel, sodass ein seitlich stehender Beobachter erst die äußeren Bereiche und später auch Regionen näher an der Achse wahrnimmt. Bei einem anderen außergewöhnlichen Gammastrahlenausbruch erreichte sogar ein Photon mit 300 Teraelektronenvolt die Erde; GRB 260310A liefert dagegen vor allem Informationen darüber, wie stark die beobachtete Erscheinung eines Ausbruchs vom Winkel zur Jetachse abhängt.

Very Large Array trennt zwei Stoßwellen im Radio

Radiobeobachtungen mit dem Karl G. Jansky Very Large Array ergänzten die Lichtkurven um einen direkten Blick auf die Stoßphysik des ausgeworfenen Materials. Die Spektren passen zu einer Vorwärtsstoßwelle, die in das Gas der Umgebung rast, und zu einer Rückwärtsstoßwelle, die sich relativ zum expandierenden Auswurf nach innen bewegt. In einer seitlichen Geometrie sind solche Komponenten besonders interessant, weil ihre Helligkeit und ihr zeitlicher Verlauf von der Form des Jets und von der Beobachtungsrichtung abhängen. Das Ereignis erlaubt damit einen seltenen Test für Modelle, die bisher überwiegend an Ausbrüchen kalibriert wurden, deren Jets günstiger zur Erde ausgerichtet waren.

Späte Radiomessungen ergaben bei 15 Gigahertz eine lineare Polarisation von ungefähr 1,7 Prozent. Polarisation verrät, wie geordnet die Magnetfelder in der strahlenden Region sind, weil die Schwingungsrichtungen der Radiowellen nicht völlig zufällig verteilt bleiben. Der niedrige Wert spricht dafür, dass zu diesem Zeitpunkt die Vorwärtsstoßwelle den größten Anteil von Radio- bis Röntgenstrahlung erzeugte und das Magnetfeld auf großen Skalen nur begrenzt geordnet war. Für die Rekonstruktion des Jets liefert diese Messung eine unabhängige Information, die weder aus einer bloßen Helligkeitskurve noch aus einem einzelnen Spektrum gewonnen werden kann.

GRB 260310A verrät einen schmalen Kern im breiten Jet

Die bevorzugte Interpretation besteht aus einem dünnen, ultraschnellen Kern und einem breiteren Mantel mit geringerer Geschwindigkeit. Von der Erde aus lag die Sichtlinie offenbar außerhalb der zentralen Achse, sodass die äußeren Jetbereiche zuerst dominierten. Mit fortschreitender Abbremsung wurde Strahlung aus immer zentraleren Winkeln sichtbar, was den langsamen optischen Anstieg und das spätere Röntgenaufflammen in einem gemeinsamen geometrischen Bild zusammenführt. Die Autoren betonen zugleich, dass gerade der späte Röntgenanstieg eine harte Prüfung für dieses Modell darstellt, weil ein extrem energiereicher Kern nötig wäre, falls er allein für die zusätzliche Strahlung verantwortlich ist.

Aus dieser Geometrie folgt eine wichtige Konsequenz für die Statistik kosmischer Explosionen. Teleskope entdecken Gammastrahlenausbrüche bevorzugt dann, wenn ihr enger Strahlungskegel zur Erde weist, weil solche Ereignisse besonders hell erscheinen. Seitlich gesehene Jets können dagegen in der Gammastrahlung gewöhnlich oder sogar schwach wirken, während ihr Nachglühen später überraschend stark wird. Dadurch könnte ein Teil der energiereichen Sternkollapse bisher in anderen Kategorien gelandet oder erst spät als ungewöhnlich erkannt worden sein. Breite Himmelsdurchmusterungen im sichtbaren Licht können solche Fälle künftig unabhängig davon finden, ob ein Gammasatellit den anfänglichen Strahl trifft.

Rubin soll seitliche Jets ohne starken Gammablitz aufspüren

Besonders das Vera C. Rubin Observatory wird den Südhimmel in kurzen Abständen wiederholt fotografieren und dabei Millionen veränderliche Quellen registrieren. Ein seitlich gesehener Jet könnte dort als neu auftauchender Lichtpunkt mit charakteristischer Aufhellung auffallen, bevor seine Natur durch Röntgen-, Radio- und Spektralmessungen geklärt wird. Entscheidend wird sein, solche Kandidaten schnell von gewöhnlichen Supernovae, aktiven Galaxienkernen und anderen veränderlichen Objekten zu trennen. Für GRB 260310A liefern die jetzt veröffentlichten Lichtkurven dafür ein konkretes Muster, das von einem schwachen Anfang über einen verzögerten optischen Gipfel bis zu einem separaten späten Röntgenanstieg reicht.

Die nächste offene Messgröße ist die Häufigkeit solcher Perspektiven. Ein einzelner seitlicher Jet kann zeigen, welche Signaturen möglich sind, aber noch nicht, wie viele Sternexplosionen mit ähnlicher Struktur am Himmel verborgen bleiben. Künftige Ereignisse müssen deshalb möglichst früh gleichzeitig im Radio-, optischen und Röntgenbereich verfolgt werden, damit sich Blickwinkel, Jetform und Magnetfeld getrennt bestimmen lassen. Besonders wertvoll wären Fälle, bei denen der zentrale Gammablitz vollständig an der Erde vorbeigeht und nur das später breiter werdende Nachglühen die Explosion verrät.

The Astrophysical Journal Letters, An Extremely Bright Slow-rising Afterglow from an Off-axis Jet in GRB 260310A; doi:10.3847/2041-8213/aea990

NASA Gamma-ray Coordinates Network, GRB 260310A event circulars

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