Ein Sonnensturm hat im November 2025 die Strahlung an Bord eines Linienflugs von London nach New York um mehr als 40 Prozent über das übliche Maß steigen lassen. Das zeigt eine nun veröffentlichte Auswertung britischer und niederländischer Forscher, die das Ereignis erstmals gleichzeitig vom Boden, aus Passagierflugzeugen und mit Wetterballons vermessen haben. In großer Höhe über den Shetlandinseln überschritt die Strahlung stundenlang Warnschwellen der internationalen Luftfahrt. Für Passagiere bestand nach Einschätzung der Forscher keine akute Gefahr. Die Daten sollen helfen, die Luftfahrt auf deutlich stärkere Ereignisse vorzubereiten.
Am Vormittag des 11. November 2025 schleuderte die Sonne bei einem Strahlungsausbruch der höchsten Klasse X Teilchen mit so hoher Energie ins All, dass ihre Spuren bis zum Erdboden messbar waren. Solche Ereignisse sind selten, denn normalerweise fängt die Atmosphäre die solaren Teilchen weit oberhalb der Flughöhen ab. Diesmal stiegen die Zählraten vieler Messstationen rund um die Welt sprunghaft an. Ein Team um Fraser Baird und Ben Clewer vom Surrey Space Centre der University of Surrey hat die Messungen dieses Tages nun ausgewertet und im Fachmagazin Space Weather veröffentlicht. Beteiligt waren auch der britische Wetterdienst Met Office, das Königlich Niederländische Meteorologische Institut KNMI und die Lancaster University. Neu ist dabei nicht der Sonnensturm selbst, sondern der Datensatz, den die Forscher nach eigenen Angaben als den umfassendsten bezeichnen, der während eines solchen Ereignisses je in der Erdatmosphäre gesammelt wurde.
Die Wissenschaftler kombinierten dafür drei Arten von Messungen. Am Boden zeichneten Neutronenmonitore in Großbritannien auf, wie stark die Strahlung zunahm. In zwei Passagierflugzeugen auf der Strecke von London nach New York flogen Strahlungsdetektoren mit. Zusätzlich stiegen Wetterballons mit Messgeräten von Stationen in Schottland, Südengland und den Niederlanden weit über die üblichen Flughöhen hinaus. Nach Angaben der University of Surrey wurden die Ballonstarts innerhalb von Minuten nach den ersten Alarmmeldungen ausgelöst.
Fachleute bezeichnen solche Ereignisse als Ground Level Enhancement, also als Strahlungsanstieg auf Bodenniveau. Damit Teilchen von der Sonne am Erdboden überhaupt eine messbare Wirkung entfalten, müssen sie laut dem europäischen Netzwerk der Neutronenmonitore NMDB eine Energie von mehr als 430 Megaelektronenvolt besitzen. Treffen sie in einigen Dutzend Kilometern Höhe auf Atomkerne der Luft, lösen sie Kernreaktionen aus. Dabei entstehen Neutronen, Protonen und weitere Teilchen, die ihrerseits neue Zusammenstöße verursachen und als Teilchenschauer bis zum Boden gelangen. Das Ereignis vom November 2025 trägt die Nummer 77 in der Liste solcher Bodenereignisse. Es war das stärkste seit Dezember 2006, also seit fast 20 Jahren.
Wie stark ein solcher Sonnensturm an einem Ort ausfällt, hängt vom Erdmagnetfeld ab. In der Nähe der Pole können die geladenen Teilchen leichter in die Atmosphäre eindringen als in Äquatornähe. Die britischen Bodenmessungen zeigten deshalb deutliche Unterschiede. Im Norden des Landes trat zu Beginn des Ereignisses ein starker Höhepunkt auf, im Süden folgte etwa eine Stunde später ein zweiter, schwächerer Anstieg. Zum ersten Mal konnte Großbritannien einen solchen Strahlungssturm mit einem landesweiten Netz von Neutronenmonitoren von Cornwall bis zu den Shetlandinseln verfolgen. Vor einem Jahrzehnt gab es nach Angaben der Forscher noch keine derartigen Messgeräte im Land.
Die auffälligsten Werte lieferten die Ballons, die das Met Office von seiner Station in Lerwick auf den Shetlandinseln startete. Nach dem Fachartikel lag die Strahlung dort mehrere Stunden nach dem Höhepunkt des Ereignisses in den Flughöhen von Geschäftsreiseflugzeugen über der Schwelle, ab der die Internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO eine Warnung der Stufe moderat vorsieht. Diese Schwelle liegt bei einer effektiven Dosis von 30 Mikrosievert pro Stunde, die Stufe schwer beginnt bei 80 Mikrosievert pro Stunde. In noch größeren Höhen, wie sie für Überschallflüge diskutiert werden, überschritten die Messwerte sogar die Schwelle für schwere Strahlung um das Doppelte. Ballons, die in Südengland und in den Niederlanden aufstiegen, zeigten dagegen keinen nennenswerten Anstieg.
Fraser Baird berichtet, dass er zunächst nur mit einem kleinen Ausschlag gerechnet habe. Als er die Daten aus Lerwick gesehen habe, habe er es kaum glauben können. Der erste Ballonstart dort habe eine außergewöhnliche Strahlungsumgebung in großer Höhe erfasst. Für die Forscher ist genau diese räumliche Ungleichheit eine der wichtigsten Erkenntnisse. Heutige Warnsysteme für die Luftfahrt stützen sich überwiegend auf Modelle, die mit Messungen am Boden und im All gespeist werden. Direkte Messungen in der Atmosphäre könnten diese Modelle nach Ansicht des Teams deutlich verbessern, weil sie zeigen, wie unterschiedlich sich ein Sonnensturm je nach Ort und Höhe auswirkt.
Für Fluggäste sind vor allem die Daten aus den beiden Linienflügen interessant. Eine Maschine, die um 11:45 Uhr Weltzeit von London-Heathrow nach New York startete, war gut eineinhalb Stunden nach Beginn des Ereignisses unterwegs. Laut Fachartikel lag die gesamte gemessene Strahlendosis auf diesem Flug um 42,6 Prozent über dem für normale Bedingungen typischen Wert, die Universität nennt in ihrer Mitteilung 46 Prozent. Eine Warnschwelle der ICAO wurde dabei nicht erreicht. Ein zweites Flugzeug, das am frühen Abend von London nach Newark abhob, registrierte keinen nennenswerten Anstieg mehr. Wie schnell sich die Lage ändert, ist damit ebenfalls dokumentiert.
Zur Einordnung helfen Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz. Nach den Daten der Behörde führt ein Flug von Frankfurt nach New York zu einer effektiven Dosis von etwa 32 bis 75 Mikrosievert, je nach Sonnenaktivität und Flughöhe. Die natürliche Strahlung am Boden summiert sich in Deutschland auf durchschnittlich etwa 2100 Mikrosievert pro Jahr. Selbst ein Anstieg um rund 40 Prozent bedeutet auf einer solchen Strecke rechnerisch also höchstens einige Dutzend Mikrosievert zusätzlich. Für Gelegenheitsflieger ist die Strahlung beim Fliegen nach Einschätzung des Bundesamts gering und gesundheitlich unbedenklich. Auch die Forscher aus Surrey betonten bereits kurz nach dem Ereignis, dass es keine unmittelbare Gesundheitsgefahr darstellte.
Anders sieht es bei Menschen aus, die beruflich ständig in großer Höhe unterwegs sind. Piloten und Flugbegleiter gehören in Deutschland zu den Berufsgruppen mit der höchsten beruflichen Strahlenbelastung und werden deshalb überwacht, wenn sie mehr als 1000 Mikrosievert pro Jahr erhalten können. Im Jahr 2025 lag ihre durchschnittliche Jahresdosis nach Angaben des Bundesamts bei 1,1 Millisievert. Ob die Höhenstrahlung das Krebsrisiko des Personals messbar erhöht, ist bislang nicht eindeutig belegt, auch wenn Untersuchungen auf ein erhöhtes Krebsrisiko bei Flugpersonal durch Strahlung und Schichtdienste hindeuten. Für diese Gruppe zählt vor allem die über Jahre angesammelte Dosis, zu der seltene Sonnenstürme einen zusätzlichen Beitrag leisten können.
Neben der Dosis für Menschen beschäftigt die Forscher die Technik. Energiereiche Teilchen können in Speicherchips einzelne Bits umkippen lassen, sodass aus einer Null eine Eins wird oder umgekehrt. Fachleute sprechen von Single Event Upsets. Solche Fehler treten auch ohne Sonnensturm auf, denn kosmische Strahlung ändert regelmäßig Bits in digitalen Codes, in großer Höhe deutlich häufiger als am Boden. Für den Höhepunkt des Ereignisses im November 2025 schätzte das Team aus Surrey anhand seines Modells, dass in der Bordelektronik etwa 60 solcher Fehler pro Stunde und Gigabyte Speicher möglich gewesen wären. Die Luftfahrt setzt gegen solche Fehler unter anderem auf mehrfach vorhandene Systeme.
Dass das Thema an Bedeutung gewinnt, liegt nach Ansicht der Forscher an zwei Entwicklungen. Zum einen verlassen sich Fluggesellschaften zunehmend auf empfindliche elektronische Systeme. Zum anderen führen immer mehr Flugrouten über hohe nördliche Breiten, wo die Strahlung am stärksten ist. Die Messgeräte, die bei dem Ereignis zum Einsatz kamen, wurden am Surrey Space Centre entwickelt und halten Temperaturen von bis zu minus 70 Grad Celsius stand. Sie erfassen sowohl die Strahlendosis als auch die Wahrscheinlichkeit von Elektronikfehlern und senden ihre Daten während des Aufstiegs bis in rund 30 Kilometer Höhe in Echtzeit an den Boden. Weitere Ballons stehen in Lerwick, in Camborne in Cornwall und beim KNMI für künftige Ereignisse bereit.
So außergewöhnlich der Sonnensturm vom November 2025 für heutige Messnetze war, so klein war er im historischen Vergleich. Nach Angaben der University of Surrey erreichte der Strahlungsanstieg nur etwa zwei Prozent des stärksten gemessenen Ereignisses aus dem Jahr 1956. Damals dürften manche Flugzeuge mehr als das Hundertfache der normalen Dosis abbekommen haben. Noch weit heftiger waren sogenannte Miyake-Ereignisse, die sich nur in Baumringen und Eisbohrkernen nachweisen lassen. Eines davon war ein Rekordsonnensturm, der die Erde am Ende der letzten Eiszeit getroffen hat. Ein Ereignis dieser Größenordnung hat die moderne Luftfahrt noch nie erlebt.
Bodenereignisse wie das vom November 2025 treten nach Angaben der Forscher typischerweise zwei- bis dreimal pro Sonnenzyklus auf, in den vergangenen zwei Jahrzehnten war die Sonne jedoch vergleichsweise ruhig. Vorhersagen lassen sich solche Teilchenstürme bislang kaum, weshalb es umso wichtiger ist, sie im Ernstfall möglichst vollständig zu erfassen. Krista Hammond vom Met Office spricht von einem großen Fortschritt für das wissenschaftliche Verständnis, der die Vorhersage des Weltraumwetters spürbar verbessern werde. Die neuen Daten sollen nun dazu dienen, die Strahlungsmodelle des Wetterdienstes zu überprüfen und zu verfeinern. Für Passagiere ändert sich vorerst nichts, für Fluggesellschaften und Behörden könnten die Ergebnisse aber die Grundlage für genauere Warnungen bei künftigen Sonnenstürmen liefern.
University of Surrey/Space Weather, Observations of Atmospheric Radiation Increases During GLE 77 From New Airborne and Ground Level Instruments; doi:10.1029/2026SW005279
Bundesamt für Strahlenschutz, Höhenstrahlung beim Fliegen
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