Ein Schwarzes Loch hat rund 30.000 Lichtjahre vom Zentrum seiner Heimatgalaxie entfernt einen Stern zerrissen und damit erstmals seine Existenz verraten. Das Ereignis mit der Bezeichnung TDE 2025abcr ist der am weitesten vom Galaxienkern entfernte Sternzerriss, der jemals mit optischen Teleskopen aufgespürt wurde. Der Ausbruch leuchtete im ultravioletten Licht zeitweise heller als die gesamte Galaxie und erreichte die Strahlkraft von rund 10 Milliarden Sonnen. Entdeckt wurde er nicht durch Zufall, sondern durch eine künstliche Intelligenz, die gezielt dort suchte, wo eigentlich nichts sein dürfte.
Supermassereiche Schwarze Löcher gehören zu den extremsten Objekten des Universums und vereinen Millionen bis Milliarden Sonnenmassen auf engstem Raum. Nach allem, was Astronomen bislang wussten, sitzen sie fast ausnahmslos im Zentrum großer Galaxien. Auch die Milchstraße beherbergt mit Sagittarius A* ein solches Objekt mit etwa vier Millionen Sonnenmassen. Dass sich die Giganten ausgerechnet im Kern sammeln, gilt als natürliche Folge der Galaxienentwicklung, denn bei Verschmelzungen und Kollisionen sinkt schwere Materie über Jahrmilliarden hinweg in das gravitative Zentrum eines Systems. Solange ein Schwarzes Loch keine Materie verschlingt, sendet es praktisch keine Strahlung aus und bleibt für Teleskope vollständig unsichtbar. Die überwiegende Mehrheit aller Schwarzen Löcher befindet sich genau in diesem schlafenden Zustand, weshalb ihre wahre Zahl und Verteilung im Universum bis heute nur grob geschätzt werden kann.
Sichtbar wird ein schlafender Gigant nur, wenn ihm ein Stern zu nahe kommt. Gerät er zu dicht heran, zerren die Gezeitenkräfte so stark an ihm, dass er in lange Gasströme auseinandergezogen wird. Fachleute sprechen von einem Tidal Disruption Event, kurz TDE. Die Trümmer des Sterns stürzen anschließend auf enge Umlaufbahnen, heizen sich durch Reibung auf mehrere Millionen Grad Celsius auf und erzeugen einen Strahlungsausbruch, der über Wochen im ultravioletten und sichtbaren Licht nachweisbar bleibt. In einer einzelnen Galaxie ereignet sich ein solcher Sternzerriss im Schnitt nur etwa alle 100.000 Jahre. Weil moderne Himmelsdurchmusterungen jedoch Millionen Galaxien gleichzeitig überwachen, registrieren Astronomen derzeit rund 30 dieser Ereignisse pro Jahr. Jedes davon wirkt wie ein kurz aufflammender Scheinwerfer, der ein sonst unsichtbares Schwarzes Loch für einen Moment sichtbar macht.
Im November 2025 registrierten Durchmusterungsdaten einen hellen Lichtblitz nahe der Galaxie WISEA J014656.04-152214.7, die rund 750 Millionen Lichtjahre entfernt im Sternbild Walfisch liegt. Der Ausbruch saß allerdings nicht im Kern des Systems, sondern etwa 9,3 Kiloparsec beziehungsweise rund 30.000 Lichtjahre vom Zentrum entfernt in den dünn besiedelten Außenbezirken. Nachbeobachtungen mit dem Lowell Discovery Telescope und dem NASA-Weltraumteleskop Swift bestätigten, dass dort tatsächlich ein Stern zerrissen wurde. Das Team um Robert Stein von der University of Maryland leitete aus den Daten eine Masse von rund einer Million Sonnenmassen ab. Damit handelt es sich eindeutig um ein supermassereiches und zuvor völlig inaktives Schwarzes Loch, das ohne den Sternzerriss niemals aufgefallen wäre. Die Studie erschien am 27. Juli 2026 in den Astrophysical Journal Letters.
Möglich wurde der Fund durch eine bewusste Designentscheidung. Bisherige Suchprogramme bewerteten die Nähe eines Lichtblitzes zum Galaxienzentrum als wichtiges Erkennungsmerkmal und sortierten Ereignisse in den Randbereichen dadurch systematisch aus. Die Forscher trainierten ihre künstliche Intelligenz deshalb so um, dass sie die Position am Himmel vollständig ignoriert und Ausbrüche allein anhand ihrer Lichtkurve klassifiziert, also anhand des zeitlichen Verlaufs der Helligkeit. Seit August 2025 durchsucht das Programm sämtliche Meldungen der Himmelsüberwachung. Bis März 2026 identifizierte es zehn gewöhnliche Sternzerrisse in Galaxienzentren und einen einzigen Ausreißer weit draußen am Rand. Wie die University of North Carolina mitteilte, schlossen Spektren und Röntgendaten alle alternativen Erklärungen wie eine Supernova zuverlässig aus. Der ultraviolette Ausbruch überstrahlte zeitweise die gesamte Heimatgalaxie.
In der Astronomie galt bislang die Grundannahme, dass supermassereiche Schwarze Löcher in den Zentren massereicher Galaxien residieren. Der neue Fund zwingt dazu, diese Annahme zu erweitern. Zwei Szenarien gelten als plausibel. Im ersten verschmelzen mehrere Galaxien, deren zentrale Schwarze Löcher anschließend einen engen gravitativen Tanz beginnen. Kommt ein drittes Objekt hinzu, kann das leichteste über einen Dreikörper-Schleudereffekt hinausgeworfen werden und driftet danach über Jahrmilliarden durch die Außenbereiche des verschmolzenen Systems. Im zweiten Szenario erhält ein Schwarzes Loch nach der Verschmelzung zweier Partner durch den Rückstoß von Gravitationswellen einen Geschwindigkeitsschub von mehreren tausend Kilometern pro Sekunde. Welche Erklärung zutrifft, sollen weitere Beobachtungen klären. Klar ist bereits jetzt, dass künftige Durchmusterungen wie das Vera-C.-Rubin-Observatorium mit derselben Methode eine ganze Population wandernder Schwarzer Löcher aufspüren könnten, deren Existenz die Theorie seit langem vorhersagt.
The Astrophysical Journal Letters, TDE 2025abcr: A Tidal Disruption Event in the Outskirts of a Massive Galaxy; doi:10.3847/2041-8213/ae77f3