Das NASA-Weltraumteleskop Swift hat nach fast 22 Jahren im All seine Arbeit beendet und wird in den nächsten Wochen in die Erdatmosphäre eintreten. Der Satellit war durch die erhöhte Sonnenaktivität immer schneller gesunken, ein privater Rettungsversuch scheiterte im Sommer. Der Absturz erfolgt unkontrolliert. Der größte Teil von Swift soll verglühen, einige Bauteile könnten nach Einschätzung der NASA aber den Boden erreichen. Ein Risiko für Menschen hält die Raumfahrtbehörde für unwahrscheinlich.
Das Neil Gehrels Swift Observatory ist kein bekanntes Teleskop wie Hubble oder James Webb, für die Astronomie war es dennoch eines der wichtigsten Instrumente der vergangenen zwei Jahrzehnte. Swift wurde im November 2004 gestartet, um Gammablitze zu jagen, die stärksten Explosionen im Universum. Diese Ausbrüche dauern oft nur Sekunden bis Minuten, und Swift war darauf gebaut, sich innerhalb kürzester Zeit selbstständig auf eine neue Quelle am Himmel auszurichten. Geplant war eine Mission von zwei Jahren, daraus wurden fast 22.
Wie die NASA in ihrem Missions-Blog zum Ende von Swift mitteilt, erreichte der Satellit am 20. Oktober eine Höhe von 275 Kilometern. Dort konnte er den Bremseffekt der Atmosphäre nicht mehr ausgleichen und schaltete in den Sicherheitsmodus. Das Kontrollteam an der Penn State University in University Park schickte daraufhin einen Befehl, der den wissenschaftlichen Betrieb endgültig beendete und den Satelliten auf den Wiedereintritt vorbereitete.
Jeder Satellit in einer niedrigen Erdumlaufbahn wird von der dünnen Restatmosphäre abgebremst und verliert dadurch langsam an Höhe. Wie stark dieser Effekt ist, hängt von der Sonne ab. In Phasen hoher Sonnenaktivität heizt die Strahlung der Sonne die obere Atmosphäre auf, die sich dadurch ausdehnt. Satelliten fliegen dann durch dichteres Gas und werden stärker gebremst. Wie empfindlich Raumfahrzeuge darauf reagieren, zeigte sich bereits, als ein geomagnetischer Sturm 40 frisch gestartete Starlink-Satelliten zum Absturz brachte.
Swift umkreiste die Erde ursprünglich in rund 600 Kilometern Höhe. Im aktuellen Sonnenmaximum beschleunigte sich der Höhenverlust deutlich. Ein eigenes Triebwerk, mit dem sich der Satellit wieder hätte anheben können, besitzt Swift nicht. Das Team pausierte deshalb zeitweise die Beobachtungen, um den Satelliten so auszurichten, dass er möglichst wenig Luftwiderstand bot und länger im Orbit blieb.
Auch Forschende nutzen den Zusammenhang zwischen Sonne und Bahnverlust inzwischen gezielt. So lassen sich aus den Bahndaten von rund 1.200 Starlink-Satelliten Rückschlüsse auf die Dichte der oberen Atmosphäre ziehen. Für Swift bedeutete die Physik dagegen das Ende.
Im September 2025 suchte die NASA nach einer schnellen Lösung, um das Teleskop zu retten. Den Auftrag über rund 30 Millionen US-Dollar erhielt das Unternehmen Katalyst Space Technologies aus Flagstaff im US-Bundesstaat Arizona. Es baute innerhalb von etwa neun Monaten einen robotischen Raumflugkörper namens LINK, der am 3. Juli 2026 startete. LINK sollte an Swift andocken, das Teleskop in eine höhere Umlaufbahn schleppen und dort wieder freigeben. Katalyst bewarb LINK als ersten kommerziellen Weltraumroboter der USA, und Swift war nie dafür gebaut worden, im Orbit eingefangen zu werden.
Doch kurz nach dem Start traten Probleme mit der Lageregelung von LINK auf. Im August gaben NASA und Katalyst bekannt, dass der Roboter Swift weder einfangen noch anheben würde. LINK näherte sich dem Teleskop zwar noch bis auf etwa zwölf bis 15 Kilometer und lieferte Bilder von seinem Zustand, die Rettung selbst fand aber nicht statt. Ende September trat LINK selbst in die Atmosphäre ein. Katalyst-Chef Ghonhee Lee sprach im US-Fernsehen von einer ehrgeizigen Mission mit hohem Risiko und sagte, schon drei Monate mehr Entwicklungszeit hätten einen enormen Unterschied gemacht.
Nach dem Abbruch nahm Swift die wissenschaftlichen Beobachtungen wieder auf. Laut NASA beobachtete das Teleskop seitdem Hunderte Ziele, von den Überresten explodierter Sterne über aktive supermassereiche Schwarze Löcher in fernen Galaxien bis zu Kometen im eigenen Sonnensystem. Der Preis dafür war ein noch schnellerer Höhenverlust, weil die Ausrichtung für die Beobachtungen mehr Luftwiderstand erzeugte.
Wann und wo Swift genau in die Atmosphäre eintritt, steht noch nicht fest. „Swift wird einen unkontrollierten Wiedereintritt haben“, sagte NASA-Sprecherin Alise Fisher dem Portal Space.com. Die Behörde erwartet, dass der größte Teil des Satelliten verglüht, „einige Komponenten werden den Wiedereintritt aber voraussichtlich überstehen“. Das Risiko, dass jemand auf der Erde zu Schaden kommt, sei unwahrscheinlich. Die NASA will genauere Informationen veröffentlichen, sobald der Zeitpunkt näher rückt.
Ohne Treibstoff wiegt Swift rund 613 Kilogramm. An Bord befinden sich drei Teleskope für Gammastrahlung, Röntgenstrahlung sowie ultraviolettes und sichtbares Licht. Der Raumfahrtexperte Darren McKnight vom Weltraumüberwachungsunternehmen LeoLabs hält es für möglich, dass Teile der Röntgen- und Lichtoptik sowie Tanks aus Titan bis zum Boden gelangen. Solche Materialien halten der Hitze beim Eintritt besser stand als die meisten anderen Bauteile.
Für Deutschland und Europa gibt es eine gute Nachricht. Die Bahn von Swift ist nur um etwa 21 Grad gegen den Äquator geneigt. Der Satellit überfliegt deshalb nur Gebiete zwischen etwa 21 Grad nördlicher und 21 Grad südlicher Breite, also die Tropen. Deutschland liegt zwischen etwa 47 und 55 Grad Nord und damit weit außerhalb dieses Streifens. „Am wahrscheinlichsten ist, dass mögliche Trümmer ins Meer fallen“, sagte Ewan Wright vom Outer Space Institute der University of British Columbia. Ganz ausschließen lasse sich ein Einschlag in bewohntem Gebiet aber nicht. Wright weist zudem darauf hin, dass unkontrollierte Wiedereintritte von Satelliten und Raketenstufen jedes Jahr zunehmen.
Gammablitze entstehen, wenn sehr massereiche Sterne kollabieren oder Neutronensterne miteinander verschmelzen. Vor Swift war oft unklar, woher die kurzen Strahlungsblitze genau kamen, weil sie schon verloschen waren, bevor Teleskope auf sie zielen konnten. Swift löste dieses Problem, indem es einen Ausbruch mit seinem großen Gamma-Detektor entdeckte und sich innerhalb von Minuten automatisch drehte, um das Nachglühen mit seinen Röntgen- und Lichtteleskopen zu beobachten. Die Position übermittelte der Satellit sofort an Observatorien auf der ganzen Welt.
Auf diese Weise half Swift unter anderem zu klären, dass kurze Gammablitze bei der Verschmelzung von Neutronensternen entstehen. Das Teleskop beobachtete einige der fernsten bekannten Explosionen aus der Frühzeit des Universums und im Oktober 2022 den hellsten jemals registrierten Gammablitz, GRB 221009A. Benannt ist das Observatorium seit 2018 nach dem NASA-Astrophysiker Neil Gehrels, der die Mission geleitet hatte und 2017 gestorben war.
Mit dem Ende von Swift verliert die Astronomie ein Werkzeug, das wie kein anderes für schnelle Reaktionen auf plötzliche Ereignisse am Himmel gebaut war. Die NASA hatte bereits im August angekündigt, vorhandene Missionen zu nutzen, um die Lücke zu überbrücken, und nach neuen Möglichkeiten für schnelle Beobachtungen zu suchen. Gammablitze registrieren weiterhin etwa das NASA-Teleskop Fermi sowie die chinesisch-französische Mission SVOM, die 2024 gestartet ist. Auch China arbeitet an der Erforschung der Ausbrüche, etwa mit Instrumenten, die auf der chinesischen Raumstation den Ursprung von Gammablitzen untersuchen.
Der Fall Swift zeigt zugleich, wie schwierig es ist, ältere Satelliten im Orbit zu warten. Anders als Hubble, das mehrfach von Astronauten repariert und angehoben wurde, war Swift nie für einen solchen Eingriff ausgelegt. Die Erfahrungen der LINK-Mission sollen nach Angaben der NASA in künftige Wartungsmissionen einfließen. Für Swift selbst kommen sie zu spät. Nach fast 22 Jahren und Tausenden Beobachtungen bleibt von dem Teleskop vor allem ein riesiges Datenarchiv, mit dem Forschende noch lange arbeiten werden.
NASA, NASA’s Swift Mission Ends Ahead of Re-Entry
NASA, NASA Updates Next Steps for Commercial Swift Boost Mission
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