Apophis

2029 zieht ein Asteroid näher vorbei als die Wettersatelliten

 Dennis Lenz

2029 zieht ein Asteroid näher vorbei als die Wettersatelliten
(Symbolbild) Geostationäre Satelliten umkreisen die Erde in rund 35.800 Kilometern Höhe über dem Äquator. Der Asteroid Apophis wurde am 19. Juni 2004 entdeckt und galt zunächst kurzzeitig als Einschlagkandidat für das Jahr 2029. Spätere Radarmessungen schlossen einen Treffer für mindestens ein Jahrhundert aus. Die ESA beziffert seinen Durchmesser auf etwa 375 Meter, die NASA nennt einen mittleren Durchmesser von rund 340 Metern bei einer Längsachse von mindestens 450 Metern. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Am Freitag, dem 13. April 2029, passiert der Asteroid Apophis die Erde in rund 32.000 Kilometern Abstand über der Oberfläche. Damit kommt ein Objekt von etwa 375 Metern Durchmesser der Erde näher als die Satelliten im geostationären Orbit. In Europa, Afrika und Teilen Asiens wird er bei klarem Himmel ohne Fernglas als wandernder Lichtpunkt zu sehen sein. Ein Einschlag ist für mindestens die nächsten hundert Jahre ausgeschlossen.

Asteroiden dieser Größe kreuzen die Erdbahn regelmäßig, bleiben dabei aber fast immer in Entfernungen von mehreren Millionen Kilometern. Ein Vorbeiflug in 32.000 Kilometern ist etwas anderes: Das entspricht ungefähr einem Zehntel der Entfernung zum Mond und liegt unterhalb der Bahn geostationärer Satelliten, die in rund 35.800 Kilometern Höhe über dem Äquator stehen. Für ein Objekt von mehreren hundert Metern Durchmesser tritt ein solcher Fall nach Berechnungen der Fachleute nur alle 5.000 bis 10.000 Jahre ein. Entscheidend ist dabei nicht nur die geringe Entfernung, sondern die Kombination aus Nähe, Größe und Vorhersagbarkeit: Der Termin steht seit Jahren fest, Bahn und Geschwindigkeit sind auf Kilometer genau berechnet, und der Zeitpunkt lässt sich planen.

Entdeckt wurde der Brocken am 19. Juni 2004 an einem Observatorium in Arizona und erhielt später die offizielle Bezeichnung (99942) Apophis. In den ersten Tagen nach der Entdeckung errechneten Bahnmodelle eine Einschlagwahrscheinlichkeit für 2029, die zeitweise bei rund 2,7 Prozent lag, dem höchsten Wert, der je für ein größeres Objekt ermittelt wurde. Nachdem ältere Aufnahmen des Asteroiden gefunden und Radarmessungen durchgeführt waren, verschwand dieses Risiko vollständig. Heute gilt als gesichert, dass Apophis die Erde 2029 verfehlt, und auch spätere Annäherungen in den Jahren 2036 und 2068 sind ausgeschlossen. Geblieben ist ein Termin, an dem sich Planetenforschung und Katastrophenvorsorge zum ersten Mal live beobachten lassen.

Wie nah der Asteroid Apophis wirklich kommt

Die genannten 32.000 Kilometer bezeichnen den Abstand zur Erdoberfläche, nicht zum Erdmittelpunkt. Wie die Europäische Weltraumorganisation zu dem Vorbeiflug darstellt, wird Apophis dabei für einige Stunden näher stehen als Satelliten in geostationärer Bahn. Nicht betroffen sind die vielen Satelliten in niedrigen Umlaufbahnen, die in wenigen hundert Kilometern Höhe kreisen und damit weit unterhalb bleiben. Auch für die Raumstationen besteht keine Gefahr, denn der Asteroid bewegt sich nicht entlang des äquatorialen Satellitenrings, sondern quert den erdnahen Raum auf einer eigenen Bahn.

Zwei Milliarden Menschen können ihn sehen

Für Beobachter auf der Erde ergibt sich daraus eine Seltenheit. Apophis wird während des Vorbeiflugs hell genug, um bei klarem, dunklem Himmel ohne Teleskop erkennbar zu sein, und er bewegt sich schnell genug, dass sich sein Weg vor den Sternen im Lauf von Minuten verfolgen lässt. Nach Schätzungen der Raumfahrtbehörden liegen etwa zwei Milliarden Menschen in Europa, Afrika und Teilen Asiens im Bereich, in dem der Asteroid sichtbar wird. Er erscheint dabei nicht als Feuerball, sondern als unscheinbarer Lichtpunkt, vergleichbar mit einem mittelhellen Stern. Wer ihn 2029 betrachtet, sieht dasselbe Objekt, das Radarmessungen als länglichen, vermutlich zweiteiligen Körper beschreiben, dessen Form an zwei zusammengewachsene Klumpen erinnert.

Was die Erdanziehung mit dem Brocken macht

Wissenschaftlich interessant ist weniger der Anblick als das, was während der Passage mit dem Asteroiden geschieht. In dieser Entfernung wirken Gezeitenkräfte der Erde auf den Körper ein, und da Objekte dieser Größe meist lose zusammengesetzte Schutthaufen sind, können sich Oberfläche und Rotation messbar verändern. Erwartet werden Erdrutsche auf der Oberfläche, freigelegtes Material aus tieferen Schichten und eine veränderte Taumelbewegung. Solche Vorgänge ließen sich bislang nur simulieren. Die Präzision, mit der Raumfahrzeuge dafür positioniert werden müssen, zeigt sich auch bei anderen Manövern im erdnahen Raum, etwa als eine Rettungssonde ein Teleskop um zwölf Kilometer verfehlte.

Zwei Missionen sollen dabei sein

Die NASA hat dafür die Sonde umgewidmet, die zuvor Proben vom Asteroiden Bennu zur Erde gebracht hat; unter dem Namen OSIRIS-APEX soll sie kurz nach dem Vorbeiflug bei Apophis eintreffen und den frisch durchgerüttelten Körper untersuchen. Die ESA verfolgt mit der Mission Ramses einen anderen Ansatz: Diese Sonde soll den Asteroiden schon vor der Passage erreichen und ihn während der gesamten Begegnung begleiten, um Veränderungen im Verlauf zu erfassen statt nur ihr Ergebnis. Wie die ESA zur Zusammenarbeit mit der japanischen Raumfahrtbehörde mitteilt, ist ein Start im Jahr 2028 vorgesehen, begleitet von zwei kleinen Zusatzsonden. Beide Missionen dienen ausdrücklich der Vorbereitung auf den Ernstfall.

Warum dieser Termin für die Abwehr zählt

Der Kern der planetaren Verteidigung ist eine einfache Rechnung: Wer einen Asteroiden ablenken will, muss wissen, woraus er besteht und wie er auf äußere Kräfte reagiert. Ein loser Schutthaufen verhält sich bei einem Aufprall völlig anders als ein fester Gesteinsblock. Bisher mussten solche Erkenntnisse aus aufwendigen Missionen tief ins Sonnensystem gewonnen werden. Diesmal liefert die Natur das Experiment frei Haus, denn die Erdanziehung übernimmt den Eingriff, und die Sonden müssen nur zusehen. Wie viel sich über Aufbau und Geschichte eines Himmelskörpers aus solchen Beobachtungen ableiten lässt, zeigen Auswertungen an Planeten, etwa der Befund, dass der Merkur im Lauf seiner Abkühlung geschrumpft ist. Der 13. April 2029 ist damit weniger ein Gefahrentermin als ein Prüfstand.

Spannend & Interessant
VGWortpixel