Das Röntgenobservatorium Swift umkreist die Erde seit November 2004 und verliert seit dem vergangenen Jahr schneller an Höhe als vorgesehen. Eine eigens gebaute Sonde sollte es greifen und anheben, kam ihm nach einem Fehler in der Triebwerkssteuerung aber nur noch bis auf zwölf Kilometer nahe. Beide Raumfahrzeuge verglühen nun binnen weniger Monate. Aus dem gescheiterten Anflug ziehen NASA und Hersteller trotzdem Daten, die für künftige Einsätze entscheidend sind.
Satelliten in niedrigen Erdumlaufbahnen fliegen nicht im luftleeren Raum. In Höhen unterhalb von etwa sechshundert Kilometern reicht die Restatmosphäre aus, um über Jahre hinweg Bewegungsenergie abzubauen, und die Bahn sinkt langsam ab. Wie schnell das geschieht, hängt unmittelbar von der Sonnenaktivität ab: Steigt die Aktivität, heizt sich die obere Atmosphäre auf, dehnt sich aus und erhöht die Dichte in Satellitenhöhe. Das aktuelle Aktivitätsmaximum hat deshalb für mehrere ältere Missionen den Zeitplan verschoben. Das Neil-Gehrels-Swift-Observatorium der NASA gehört dazu. Es beobachtet seit über zwanzig Jahren Gammablitze, Supernovae, Materieausbrüche an Schwarzen Löchern und schnelle Radioblitze und zählt damit zu den produktivsten Instrumenten der Hochenergieastronomie. Seine Bahn sackte zuletzt schneller ab als berechnet.
Die NASA entschied sich daraufhin für einen Weg, den bislang keine wissenschaftliche Mission gegangen ist: Ein kommerzieller Servicesatellit sollte das Observatorium im Orbit einfangen und auf eine stabile Höhe heben. Beauftragt wurde das Unternehmen Katalyst Space aus Arizona, das dafür weniger als ein Jahr Zeit hatte, um die Sonde mit dem Namen LINK zu entwerfen, zu bauen und zu testen. Üblich sind für solche Systeme mehrere Jahre. Der Start erfolgte am 3. Juli 2026 mit einer luftgestarteten Pegasus-XL-Rakete, also von einem Trägerflugzeug aus statt von einer Startrampe. Etwa drei Wochen nach Erreichen des Orbits begann die Sonde unkontrolliert zu rotieren. Das Vorhaben galt von Anfang an als Versuch mit ungewissem Ausgang.
Nach dem Fehler in der Triebwerkssteuerung sagte die NASA das eigentliche Rendezvous ab. Der Anflug wurde dennoch so weit fortgesetzt, wie es die verbliebene Kontrolle über die Sonde zuließ. LINK zündete alle drei elektrischen Triebwerke, veränderte die eigene Bahn und näherte sich dem Observatorium bis auf zwölf bis fünfzehn Kilometer. Zum Vergleich: Für ein Greifmanöver müssen zwei Körper auf wenige Meter zusammenkommen, bei Relativgeschwindigkeiten im Zentimeterbereich. Zusätzlich fuhr die Sonde alle drei Roboterarme aus, mit denen sie das Teleskop hätte fassen sollen. Beide Schritte waren nicht mehr Teil der Rettung, sondern der technischen Erprobung. Sie belegen, dass Antrieb und Greifmechanik grundsätzlich funktionierten und der Ausfall an der Lageregelung hing, nicht am Konzept des Fangens selbst.
Für Swift bedeutet das Ergebnis das Ende. Ohne Anhebung sinkt die Bahn weiter, und das Observatorium wird nach Einschätzung der NASA vor Jahresende in der Atmosphäre verglühen. LINK selbst folgt voraussichtlich binnen weniger Wochen. Bemerkenswert ist, wie die Betreiber mit der verbleibenden Zeit umgehen: Zwei der drei wissenschaftlichen Instrumente an Bord von Swift, das Röntgenteleskop und das Ultraviolett- und Optikteleskop, wurden Ende August wieder eingeschaltet. Abgeschaltet worden waren sie im Februar, um die vom Luftwiderstand angeströmte Fläche zu verringern und die Bahn für den geplanten Anflug möglichst lange zu halten. Da dieser Anflug entfällt, entfällt auch der Grund für die Sparschaltung, und das Teleskop liefert bis zum Wiedereintritt weiter Messdaten. Der aktuelle Stand der Mission ist im Missionsblog der NASA zum Swift-Observatorium dokumentiert, der die einzelnen Schritte des Anflugs auflistet.
Der wirtschaftliche Hintergrund erklärt, warum NASA und Hersteller die Sonde nicht einfach abschreiben. Im Orbit stehen Hardware im Wert von vielen Milliarden Euro und tausende Satelliten, die über kurz oder lang an Treibstoffmangel oder Bahnverlust scheitern. Ein Fahrzeug, das sich einem nicht dafür vorbereiteten Objekt nähert, es greift und anhebt, würde diese Rechnung verändern, denn bislang sind nur wenige Satelliten überhaupt für eine Wartung ausgelegt. Genau dafür sind die Daten des gescheiterten Anflugs wertvoll: Navigation im Nahbereich, Verhalten der elektrischen Triebwerke bei feinen Korrekturen, Entfaltung und Steuerung der Greifarme unter realen Bedingungen. Diese Größen lassen sich am Boden nur eingeschränkt nachstellen. Einschränkend gilt, dass ein einzelner Versuch keine belastbare Statistik ergibt und der eigentliche Kontakt nie stattfand.
Der wissenschaftliche Verlust wiegt schwer, weil Swift eine Aufgabe erfüllt, die kaum ein anderes Instrument übernimmt: Es reagiert innerhalb von Minuten auf plötzlich auftretende Ereignisse am Himmel. Gammablitze dauern oft nur Sekunden, ihr Nachleuchten verblasst binnen Stunden. Wer die Position nicht sofort meldet und selbst nachmisst, verliert das Ereignis. Swift kombiniert dafür einen weitwinkligen Detektor zur Entdeckung mit zwei nachführbaren Teleskopen zur genauen Vermessung und speist die Koordinaten in ein weltweites Alarmnetz ein, an dem Observatorien auf allen Kontinenten hängen. Fällt dieser Knoten aus, verlängern sich die Reaktionszeiten für die gesamte Hochenergieastronomie. Ein direkter Nachfolger mit derselben Fähigkeit ist derzeit nicht im Anflug, weshalb der Wiedereintritt mehr bedeutet als das Ende eines einzelnen Satelliten.