Münzfund in Østerdalen

Wikingerschatz in Norwegen wächst auf über 5.000 Silbermünzen

 Dennis Lenz

Wikingerschatz in Norwegen wächst auf über 5.000 Silbermünzen
(Symbolbild) Der Wikingerschatz von Mørstad bei Rena gilt bereits als größter Münzfund der Wikingerzeit in Norwegen und wächst weiter. Nach der Getreideernte nahmen Archäologen und Sondengänger die Suche auf dem Acker wieder auf und stießen auf zahlreiche weitere Silbermünzen, die tiefer im Boden liegen. Die Prägungen reichen bis in die Mitte des 11. Jahrhunderts und verbinden das abgelegene Østerdalen mit einem Handelsnetz, das weit über Skandinavien hinausreichte. Wer das Vermögen vergrub und warum es nie geborgen wurde, ist weiterhin ungeklärt. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Auf einem Getreidefeld bei Rena im Osten Norwegens schlagen die Metalldetektoren noch immer an. Der Wikingerschatz von Mørstad, im April 2026 von zwei Sondengängern entdeckt, hat inzwischen die Marke von 5.000 Silbermünzen überschritten und ist damit der größte Münzfund der Wikingerzeit, der je in Norwegen gemacht wurde. Die meisten Münzen wurden weit entfernt geprägt, und einige tragen Namen, die selbst erfahrene Münzforscher aufhorchen lassen. Warum jemand um das Jahr 1046 ein solches Vermögen auf einem Acker vergrub und nie zurückkehrte, ist bis heute offen.

Der Fund begann unscheinbar. Am 10. April 2026 meldeten die Sondengänger Rune Sætre und Vegard Sørlie 19 Silbermünzen, die sie auf einem Acker des Hofs Mørstad in der Gemeinde Åmot im Tal Østerdalen aufgespürt hatten. Die Kreisarchäologin May-Tove Smiseth von der Provinzverwaltung Innlandet rechnete zunächst mit einigen Hundert Stücken. Doch der Wikingerschatz wuchs von Tag zu Tag. Allein am ersten Grabungstag kamen 90 Münzen zusammen, wenige Wochen später waren es Tausende. Bis zum Sommer zählten die Fachleute 4.886 Münzen. Weil weder die Grabung noch eine Untersuchung mit Bodenradar weitere Hinweise geliefert hatten, säte der Landwirt Ole Erik Hørstad danach wieder Getreide aus. Als Hort bezeichnen Archäologen eine bewusst im Boden verborgene Ansammlung von Wertgegenständen, in der Wikingerzeit meist Silber in Form von Münzen, Schmuck oder zerteiltem Hacksilber, das nach Gewicht gehandelt wurde. Auch solches Hacksilber kam in Mørstad zum Vorschein.

Für die Forschung ist der Fund schon jetzt eine Ausnahme. Große Münzschätze aus der Wikingerzeit sind in Norwegen selten. Der bisherige Rekordhalter, der zwischen 1836 und 1843 bei Årstad nahe Egersund geborgene Hort, umfasste 1.849 Münzen. Zudem liegt die Fundstelle in einem Tal, das fernab der Gegenden lag, die in der Wikingerzeit als zentral galten. Bereits mit dem Stand vom Frühsommer übertraf der Mørstad-Hort die vier bis dahin größten Funde dieser Art zusammengenommen. Gesichert und ausgegraben wurde der Wikingerschatz gemeinsam von der Provinzverwaltung Innlandet, dem Kulturhistorischen Museum der Universität Oslo und den beiden Findern, die den Fundort umgehend gemeldet hatten. Nach der Getreideernte begann eine zweite Suchphase auf dem Feld, und sie brachte genau das, was viele Beteiligte nicht mehr erwartet hatten: Der Boden gab weiter Silber frei, Münze um Münze, teils aus größerer Tiefe als zuvor.

Wie viele Münzen enthält der Wikingerschatz von Mørstad?

Ende September grub Landwirt Hørstad gemeinsam mit Sætre und Sørlie die Münze mit der Nummer 5.000 aus. Es war ein sogenannter Otto-Adelheid-Pfennig, eine Prägung, die im Mørstad-Hort häufig vorkommt. Nach der jüngsten Zählung liegt der Bestand bei rund 5.200 Münzen. Smiseth und mehrere Archäologen der Provinz setzten die Suche gemeinsam mit den Sondengängern bis in den Oktober fort. Die Signale der Detektoren werden seltener und stammen aus größerer Tiefe, weshalb das Team inzwischen mit einem Bagger Erde abträgt, um an die tiefer liegenden Stücke heranzukommen. Die Kreisarchäologin hält es für möglich, dass am Ende mehr als 6.000 Münzen zusammenkommen. Dass die Silberstücke über eine größere Fläche verteilt liegen, erklären die Fachleute mit der jahrhundertelangen Bewirtschaftung des Ackers. Der Pflug hat die Münzen erfasst und Jahr für Jahr ein Stück weiter verschleppt, nachdem der ursprüngliche Behälter, vermutlich ein Lederbeutel oder ein anderes Gefäß aus organischem Material, längst vergangen war.

Woher stammen die Silbermünzen aus Østerdalen?

Die Antwort führt weit nach Süden. Nach Angaben des Münzexperten Svein Harald Gullbekk stammen mehr als 95 Prozent der Münzen aus Königreichen auf dem Gebiet des heutigen Englands und Deutschlands. Es waren die damals am weitesten verbreiteten Währungen im internationalen Handel, wie das Kulturhistorische Museum der Universität Oslo in seiner Mitteilung zum Fund hervorhebt, und sie verbinden das abgelegene Tal mit einem Handelsnetz, das über die Nordsee bis nach England und an den Rhein reichte. Bemerkenswert ist zudem der Zustand der Stücke. Sie sind weder beschnitten noch beschädigt, was Gullbekk als Hinweis auf eine Zahlung in großem Umfang deutet. In vielen Horten der Wikingerzeit finden sich dagegen zerteilte Stücke, denn Silber zählte damals vor allem nach seinem Gewicht. Gut erhalten blieben die Münzen auch, weil der Boden des Ackers nahezu frei von Steinen ist.

Beim Katalogisieren fallen den Fachleuten im Museum weitere Details auf. Viele der deutschen Prägungen stammen aus Köln, und zu den häufigsten Typen gehören die Otto-Adelheid-Pfennige, benannt nach Kaiser Otto III. und seiner Großmutter Adelheid. Auf einigen englischen Münzen hat die Numismatikerin Anne Skogsfjord die Namen der Münzmeister entziffert und dabei nordisch klingende Namen wie Beorn, Aslac und Cetil gefunden. Daraus ergibt sich die Frage, ob Männer aus Skandinavien in englischen Münzstätten arbeiteten und Silber prägten, das später in den Norden zurückfloss. Dass große Silberschätze in Äckern kein norwegisches Phänomen sind, zeigt ein Fund im Rheinland: Auf einem Acker bei Köln kam Deutschlands größter Münzschatz aus der Zeit Kaiser Hadrians ans Licht, rund neun Jahrhunderte älter als das Silber von Mørstad.

Warum datieren Forscher den Schatz auf 1046 oder 1047?

Den Schlüssel liefern vier besonders seltene Stücke im Wikingerschatz. Es handelt sich um norwegische Münzen des Königs Harald Hardråde, die offenbar kurz nach seinem Herrschaftsantritt im Jahr 1046 geprägt wurden und kaum Umlaufspuren zeigen. Sie datieren die Niederlegung des Horts auf die Jahre 1046 oder 1047, also an das Ende der Wikingerzeit. Gerade dieser Zeitpunkt macht den Fund für Historiker wertvoll. Vor Harald Hardråde beherrschten ausländische Münzen den Zahlungsverkehr in Norwegen, erst unter ihm entstand eine eigene Landesprägung in größerem Umfang. Der Mørstad-Hort fängt damit den Moment ein, in dem sich das Geldwesen des Landes zu wandeln begann. Hinzu kommt, dass die Mitte des 11. Jahrhunderts in Norwegen nur dünn überliefert ist. Die heidnischen Grabbeigaben, die frühere Epochen so gut dokumentieren, waren mit der Christianisierung bereits verschwunden, und die Sagas entstanden erst später und kreisen vor allem um Könige und Eliten. Umso mehr Gewicht erhält ein Fund, der unmittelbar aus jener Zeit stammt.

Wer vergrub ein Vermögen von 5.000 Münzen auf einem Acker?

Eine mögliche Erklärung liegt im Eisen. Der Archäologe Kjetil Loftsgarden vom Kulturhistorischen Museum, der die Grabung im Frühjahr leitete, verweist darauf, dass in Østerdalen in jener Zeit große Mengen Eisen erzeugt wurden. Rund um Rena und Åmot finden sich zahlreiche Verhüttungsplätze. Jede dieser Anlagen konnte nach seiner Einschätzung zwei bis vier Tonnen Eisen hervorbringen, und es gab Tausende davon, verteilt auf spezialisierte Höfe im Binnenland. Das Metall wurde für Ackergeräte, Hausbau, Schiffsnieten, Äxte und Schwerter gebraucht und auch nach Süden ausgeführt, etwa nach Dänemark, das kein eigenes Eisen gewann. Der Hof von Mørstad könnte also durch Eisenproduktion zu großem Wohlstand gekommen sein. Bislang war bekannt, dass Eisen aus dem Binnenland Norwegens exportiert wurde, nicht aber, welche Werte im Gegenzug zurückflossen. Der Wikingerschatz liefert darauf nach Einschätzung der Fachleute eine greifbare Antwort, denn er belegt Zahlungen in einem Umfang, wie sie im Tal bislang nicht nachgewiesen waren.

Allerdings fanden die Archäologen auf dem Feld keinerlei Spuren von Gebäuden. Auch das Bodenradar des Norwegischen Instituts für Kulturerbeforschung zeigte unter der Ackerkrume nichts, was auf eine Siedlung hindeuten würde. Der Archäologe Knut Paasche folgert daraus, dass der Schatz bewusst abseits der Wohnstätten versteckt wurde, wo ihn niemand vermutete, der das Haus des Besitzers durchsuchte. Sein Kollege Lars Gustavsen hat den früheren Verlauf des Flusses Rena rekonstruiert und hält es für möglich, dass die Fundstelle damals auf einer Insel lag, was das Versteck noch sicherer gemacht hätte. Ebenso denkbar ist nach Paasche, dass ein Reisender auf der Flucht seinen Besitz vergrub, etwa auf dem Weg zwischen Trondheim und Oslo. Einig sind sich die Forscher darin, dass danach etwas Einschneidendes geschehen sein muss, denn den Ort eines so großen Vermögens vergisst niemand ohne Grund.

Was der Fund über das Verstecken von Vermögen verrät

Loftsgarden vergleicht solche Depots mit einem Bankkonto. In unruhigen Zeiten vergruben Menschen ihr Silber, um es später nach und nach wieder zu entnehmen. Die meisten derartigen Verstecke dürften daher vollständig geleert worden sein, ohne je Spuren zu hinterlassen. Dass ein so großer Bestand im Boden blieb, macht den Mørstad-Hort zur Ausnahme und für die Forschung zum Glücksfall. Das Bedürfnis, Vermögen dem Zugriff anderer zu entziehen und in greifbarer Form zu halten, ist bis heute nicht verschwunden. In Deutschland etwa horten Privatleute fast dreimal so viel Gold wie die Bundesbank. Für die Archäologie bleibt entscheidend, was nie geborgen wurde. Ein vergessener Wikingerschatz erzählt fast tausend Jahre später von Handel, Reichtum und Risiko einer Epoche, aus der sonst kaum schriftliche Quellen erhalten sind, und er zeigt, wie eng ein abgelegenes Tal in Norwegen mit den Märkten Europas verbunden war.

Wie geht es mit dem Wikingerschatz weiter?

Die geborgenen Münzen gehen an das Kulturhistorische Museum der Universität Oslo, wo Fachleute die Stücke reinigen, bestimmen und dokumentieren. Die Katalogisierung wird nach Einschätzung von Skogsfjord mindestens ein Jahr dauern. Im Sommer hatte die Numismatikerin bereits gut 1.000 Münzen bearbeitet, die ersten 100 sind inzwischen in der Datenbank des Museums öffentlich einsehbar. Der Hort soll Teil der staatlichen archäologischen Sammlung Norwegens werden und damit zu einer zentralen Quelle für die Erforschung der späten Wikingerzeit. Sondengänger Sørlie ist inzwischen auf den Acker zurückgekehrt und hilft den Archäologen bei der Suche. Der Fall gilt in Norwegen als Beispiel dafür, wie private Detektorsucher und Fachbehörden zusammenarbeiten können, wenn Funde rasch gemeldet werden. Ob am Ende 5.500 oder mehr als 6.000 Münzen gezählt werden, ist offen. Sicher ist, dass der Wikingerschatz von Mørstad schon jetzt die Wirtschaftsgeschichte Skandinaviens in der Mitte des 11. Jahrhunderts neu beleuchtet.

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