Ein Acker bei Wesseling südlich von Köln hat Deutschlands größten Hadrian-Münzschatz freigegeben. Ein Sondengänger stieß bei einer genehmigten Suche auf römische Silbermünzen, anschließend bargen Archäologen insgesamt 934 Denare mit einem Gewicht von 3,1 Kilogramm. Das Vermögen wurde vermutlich im zweiten Viertel des 2. Jahrhunderts nach Christus absichtlich in der Erde versteckt und nie wieder abgeholt. Weltweit gilt der Hortfund als fünftgrößter Münzschatz aus der Zeit von Kaiser Hadrian.
Gefunden hat den Schatz Oliver Riedl, der mit seiner Metallsonde ein Feld bei Wesseling absuchte. Nach Angaben des LVR-Amts für Bodendenkmalpflege im Rheinland hatte er bereits 15 Münzen aus dem Boden geholt, als die Signale seines Geräts noch immer nicht abbrachen. Für ihn sei damit klar gewesen, dass dort etwas Größeres liegen müsse, schildert Riedl, weshalb er umgehend das zuständige Amt informierte. Die Außenstelle Nideggen reagierte sofort und begann mit Ausgrabungen auf dem Acker. Was dabei zum Vorschein kam, übertraf die Erwartungen der Fachleute deutlich. Statt einiger Dutzend Münzen zählten die Archäologen am Ende 934 römische Silberdenare. Am 22. September 2026 stellte das Amt den Fund in Bonn der Öffentlichkeit vor. Zu sehen ist der Münzschatz nun erstmals im LVR-LandesMuseum Bonn, wo Besucher die Silbermünzen nach rund 1.900 Jahren im Ackerboden mit eigenen Augen betrachten können.
Der Zeitpunkt der Präsentation war kein Zufall. In Bonn tagte zeitgleich der West- und Süddeutsche Verband für Altertumsforschung, dessen Jahrestagung rund 300 Archäologen aus ganz Deutschland zusammenbrachte. Dort wurde der Fund auch erstmals der Fachwelt vorgestellt. Der Verbandsvorsitzende Simon Matzerath hob hervor, dass private Sondengänger eine enorme Unterstützung für die Wissenschaft sein können, wenn sich alle an die Regeln halten. Zugleich verwies er darauf, dass die Archäologie häufig mit Raubgrabungen zu kämpfen hat, bei denen Funde ohne jede Dokumentation aus dem Boden gerissen werden. Umso mehr freue man sich über ein so positives Beispiel. Landesarchäologe Erich Claßen, Leiter des Amts, lobte das Verhalten des Finders ausdrücklich als vorbildlich. Nur weil Riedl rechtzeitig Bescheid gab, habe man den Hortfund fachgerecht und vollständig bergen können. Diese Sorgfalt macht den Schatz aus Wesseling wissenschaftlich weit wertvoller als eine bloße Ansammlung einzelner Silbermünzen.
Bei den Ausgrabungen zeigte sich schnell eine dichte Konzentration zahlreicher Münzen. Um sie in Ruhe untersuchen zu können, hoben die Archäologen den Bereich im Block, also mitsamt dem umgebenden Erdreich, und brachten ihn in die Restaurierungswerkstatt des LVR-LandesMuseums. Dort wurde der Erdblock zunächst geröntgt, bevor die Restauratoren ihn Schicht für Schicht freilegten. Auf diese Weise ließen sich Erkenntnisse gewinnen, die bei einer schnellen Bergung verloren gegangen wären. Im Block fanden sich Fragmente eines Keramiktopfes und Reste von Stroh. Nach Einschätzung der wissenschaftlichen Referentin Rahel Otte wurden die Münzen ursprünglich in einem mit Stroh ausgepolsterten Topf vergraben. Die jahrelange Bewirtschaftung des Ackers hat das Gefäß später zerstört und die Münzen im Boden verteilt. Trotzdem gelang es nach Angaben des LVR-Amts für Bodendenkmalpflege bei den Untersuchungen, sämtliche Münzen zu finden und zu bergen.
Die jüngste Münze des Schatzes wurde in den Jahren 124 oder 125 nach Christus geprägt. Damit steht fest, dass das Geld in der Regierungszeit von Kaiser Hadrian in den Boden kam, der das Römische Reich von 117 bis 138 nach Christus regierte und heute vor allem durch den nach ihm benannten Grenzwall in Nordengland bekannt ist. Überraschend ist jedoch die Zusammensetzung. Der Großteil der Denare stammt aus der Zeit der flavischen Kaiser, die zwischen 69 und 96 nach Christus herrschten, darunter viele Stücke mit dem Profil Domitians. Die älteste Münze wurde sogar noch zur Zeit der Römischen Republik im Jahr 148 vor Christus geschlagen. Als der Schatz vergraben wurde, war sie also bereits mehr als 270 Jahre alt, galt aber weiterhin als Zahlungsmittel. Unter den Stücken befindet sich zudem eine stark abgenutzte Münze, deren Wert nachträglich mit einem Gegenstempel bestätigt wurde. Die Forscher gehen davon aus, dass das Vermögen um das Jahr 100 zusammengetragen, aber erst später versteckt wurde.
Wie viel das Silber damals wert war, lässt sich nur annähernd bestimmen. Einen Anhaltspunkt liefert der Sold römischer Legionäre, der aus Schriftquellen gut bekannt ist. Ein einfacher Soldat in der Legion verdiente zu jener Zeit 300 Denare im Jahr, wie Otte erläutert. Etwa die Hälfte davon wurde allerdings für Verpflegung und Ausrüstung einbehalten. Ein Legionär hätte demnach rund sechs Jahre lang sein gesamtes verfügbares Geld zurücklegen müssen, um die Summe des Wesselinger Schatzes anzusammeln. Die 934 Denare waren damit ein beträchtliches Vermögen, das niemand zufällig verloren hat. Wer es besaß, bleibt offen. Nach Vermutung der Archäologen könnte die Person auf einem der römischen Landgüter gelebt haben, die es im Umfeld des Fundorts gab. Das Rheinland zwischen Köln und Bonn war im 2. Jahrhundert dicht besiedelt und eng mit den Legionslagern und Städten am Rhein verbunden. Weitere Einblicke in den Alltag der Römer liefern die Meldungen der Rubrik Archäologie.
Über die Beweggründe können die Forscher nur spekulieren. Sehr wahrscheinlich wollte jemand sein Geld sicher aufbewahren, erklärt Claßen, denn Banken im heutigen Sinn gab es damals nicht. Münzen zu vergraben war in der Antike eine verbreitete Methode, Ersparnisse vor Dieben oder Plünderern zu schützen. Die entscheidende Frage lautet deshalb, warum der Topf nie wieder ausgegraben wurde. Möglicherweise starb der Besitzer, bevor er das Wissen um das Versteck weitergeben konnte. Hortfunde aus dem Römischen Reich sind an sich nicht selten, doch nur wenige aus dem 2. Jahrhundert erreichen einen Umfang wie der aus Wesseling. Für die Forschung ist der Fund deshalb doppelt wertvoll, weil seine Zusammensetzung verrät, welche Münzen um das Jahr 125 im Rheinland tatsächlich noch umliefen und wie lange ältere Prägungen im Umlauf blieben. Wie aufwendig Rom seine Grenzprovinzen ausbaute, zeigt auch das freigelegte Haupttor der Römerfestung Apulum in Rumänien.
Dass der Fund so gut dokumentiert ist, hängt eng mit den Regeln für private Schatzsucher zusammen. Wer in Nordrhein-Westfalen mit einem Metalldetektor nach Bodenfunden suchen möchte, benötigt eine Genehmigung der Denkmalbehörden und die Erlaubnis der jeweiligen Grundstückseigentümer. Außerdem ist eine Schulung durch die Fachämter vorgeschrieben. Die Einzelheiten erläutert das Amt auf einer eigenen Informationsseite zum Sondengehen für interessierte Laien. Riedl erfüllte all diese Voraussetzungen. Nach dem nordrhein-westfälischen Denkmalschutzgesetz ist der Münzschatz nun Eigentum des Landes. Weil sich der Finder regelkonform verhalten hat, erhält er vom Ministerium für Heimat, Kommunales, Bauen und Digitalisierung eine Belohnung. Zu ihrer Höhe machte das Amt keine Angaben. Für die Bodendenkmalpflege im Rheinland ist der Fall damit auch ein Beleg dafür, dass Zusammenarbeit zwischen Hobbysuchern und Fachleuten Funde rettet, die sonst unbemerkt vom Pflug zerstreut worden wären.
LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland, Sensationeller römischer Münzschatz, Presseinformation vom 22. September 2026