An der altsteinzeitlichen Fundstelle Breitenbach im Süden von Sachsen-Anhalt haben Archäologen erstmals seit fast 100 Jahren wieder größere Anhäufungen von Mammutknochen freigelegt. Dazu kommen mehrere längere Stoßzahnfragmente, bearbeitetes Elfenbein und Schnittspuren, die auf eine Nutzung der Tiere als Nahrung hindeuten. Die Funde stellen eine bisherige Annahme infrage: Die frühen modernen Menschen, die hier vor mehr als 30.000 Jahren lagerten, verarbeiteten offenbar nicht nur altes, aufgesammeltes Elfenbein, sondern erlegten Mammuts wohl auch selbst. Noch handelt es sich um Ergebnisse direkt aus der Grabung, eine ausführliche wissenschaftliche Auswertung der neuen Funde steht aus.
Die Fundstelle Breitenbach-Schneidemühle liegt im Burgenlandkreis unweit von Zeitz und gilt als einer der wichtigsten Plätze für die frühe Geschichte des modernen Menschen in Mitteleuropa. Seit 2009 untersuchen das Archäologische Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution MONREPOS, eine bei Neuwied gelegene Einrichtung des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA), und das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt den Platz gemeinsam nach modernen Standards. Die Grabungsleitung vor Ort teilen sich Olaf Jöris von MONREPOS und Marcel Weiß vom Landesamt. Die jüngste Kampagne lief von Juli bis Oktober 2026, beteiligt waren 40 Studierende aus dem In- und Ausland.
Über die neuen Ergebnisse berichtet das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Demnach konnten die Ausgräber zum ersten Mal seit den Arbeiten des schwedischen Archäologen Nils Niklasson im Jahr 1927 wieder dichte Konzentrationen von Mammutknochen dokumentieren. Für die Forscher ist das mehr als ein schöner Fund, denn die Knochen könnten die bisherige Deutung des gesamten Lagerplatzes verändern.
In einer der Grabungsflächen lagen mehrere große Mammutknochen dicht beieinander, zusammen mit Steingeräten aus Feuerstein. In derselben Fundkonzentration entdeckte das Team einen durchbohrten Zahn eines Eisfuchses, der nach Einschätzung der Archäologen wohl als Anhänger getragen wurde. An anderer Stelle drängten sich Knochen und Elfenbein auf einem Ausschnitt von nur etwa 50 mal 60 Zentimetern so dicht, dass sie sich teilweise überlagern. Zu den Neufunden gehört außerdem der Backenzahn eines noch jungen Mammuts. Hinzu kommen mehrere längere Fragmente von Stoßzähnen sowie Elfenbeinstücke, die eindeutig bearbeitet wurden.
Besonders wichtig sind die Schnittspuren an den Mammutknochen. Solche feinen Kerben entstehen, wenn Menschen mit scharfkantigen Steinklingen Fleisch von den Knochen lösen oder Sehnen durchtrennen. Sie zeigen also, dass die Bewohner von Breitenbach die Tiere als Nahrung nutzten. Das Elfenbein und wahrscheinlich auch die Häute dienten nach Einschätzung der Forscher zugleich als Rohstoff: für Geräte, Schmuck und Kunstobjekte, möglicherweise auch für Kleidung oder Zeltbahnen. Die enge Verbindung von Mammutknochen, Feuersteingeräten und Schmuck an einer Stelle spricht dafür, dass hier ein zusammenhängender Arbeitsbereich erhalten geblieben ist.
Bislang gingen die Forscher davon aus, dass die Menschen in Breitenbach vor allem altes Elfenbein verarbeiteten. „Untersuchungen der Vorjahre hatten angedeutet, dass das in Breitenbach genutzte Elfenbein wahrscheinlich deutlich älter ist als die rund 32.000 bis 34.000 Jahre alte Besiedlung durch den frühen modernen Menschen“, erklärt Olaf Jöris. Gejagt wurden nach dem bisherigen Bild vor allem Rentiere, seltener Pferde und gelegentlich Rothirsche, außerdem Füchse und Hasen, letztere wahrscheinlich wegen ihres Pelzes. Mammutreste hätten demnach schon länger in der Landschaft gelegen, bevor die Menschen ihre Stoßzähne als Rohstoff nutzten.
Die neuen Befunde zeichnen ein anderes Bild. „Die neuen Befunde legen nun aber nahe, dass die Breitenbacher Jäger vielleicht doch nicht nur fossiles Elfenbein nutzten, sondern Mammute vor Ort erlegten“, sagt Jöris. Die vorsichtige Formulierung ist berechtigt. Schnittspuren belegen zunächst, dass Fleisch von den Knochen gelöst wurde. Ob die Tiere zuvor gejagt wurden oder ob Menschen frisch verendete Mammuts zerlegten, lässt sich daraus allein nicht sicher ablesen. Erst weitere Analysen der Knochen, ihrer Lage und ihres Alters können zeigen, wie gut die Hypothese einer Mammutjagd vor Ort trägt.
Die Frage reicht über Sachsen-Anhalt hinaus. Wie stark eiszeitliche Menschen große Säugetiere bejagten, wird seit langem diskutiert. Eine Auswertung der Universität Aarhus kam etwa zu dem Ergebnis, dass vor allem der Mensch für das Aussterben vieler großer Säugetiere in den vergangenen 50.000 Jahren verantwortlich war. Konkrete Fundstellen, an denen sich die Nutzung einzelner Mammuts genau nachvollziehen lässt, sind für solche Debatten wertvoll. Breitenbach könnte hier einen Baustein für Mitteleuropa liefern, weil die Knochen zusammen mit Werkzeugen und Abfällen der Menschen im ursprünglichen Zusammenhang liegen.
Mit ungefähr 10.000 Quadratmetern ist Breitenbach-Schneidemühle nach Angaben des Landesamts die größte Freilandfundstelle des Aurignaciens im westlichen Eurasien. Als Aurignacien bezeichnen Archäologen die Zeit vor etwa 42.000 bis 32.000 Jahren, einen frühen Abschnitt der Besiedlung Europas durch den anatomisch modernen Menschen. Entdeckt wurde der Platz bereits 1924, als ein Schüler bei Bauarbeiten an der Schneidemühle einen Mammutzahn fand. Drei Jahre später legte Niklasson, der damals an der Landesanstalt für Vorgeschichte arbeitete, fast 400 Quadratmeter frei. Seit 2009 wurde die untersuchte Fläche um mehr als 150 Quadratmeter erweitert.
Dass es sich um einen Lagerplatz unter freiem Himmel handelt, macht Breitenbach so besonders. Aus dieser Epoche sind Fundstellen überwiegend aus Höhlen bekannt, in denen die Felswände die Nutzung des Raums vorgaben und Menschen dieselben Bereiche immer wieder bewohnten. Spätere Spuren überlagern dort oft frühere. „Aus einer Zeit, in der Fundplätze überwiegend aus Höhlen bekannt sind, ist ein Freilandfundplatz dieser Größe etwas ganz Besonderes, vor allem wenn die Funde so gut erhalten sind wie in Breitenbach“, sagt Marcel Weiß. Daraus ließen sich neue Erkenntnisse zur räumlichen Organisation der Lagerplätze damaliger Jäger und Sammler gewinnen. So gebe es in Breitenbach spezielle Bereiche für die Elfenbeinbearbeitung oder für die Verarbeitung von Schneehasen- und Eisfuchspelzen.
Zu den wichtigsten Entdeckungen der vergangenen Jahre gehört ein Areal, das die Forscher als Elfenbeinwerkstatt deuten. Bereits 2012 hatten die Ausgräber dort zwei getrennte Arbeitszonen beschrieben: In einer wurden Stücke von Stoßzähnen in dünne Lamellen gespalten, in einer anderen wurden diese weiter geschnitzt und die Abfälle entsorgt. Gefunden wurden durchbohrte Perlen, Projektile, Rohlinge und Fragmente plastischer Figuren. Ein Bruchstück einer rund 34.000 Jahre alten Elfenbeinplastik beschrieben Jöris und Kollegen 2022 in einem Band des Landesmuseums. Eine Auswahl dieser Funde ist im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Saale) ausgestellt.
Damit gehört Breitenbach in eine Reihe mit den bekannten Fundstellen der Schwäbischen Alb, wo Menschen des Aurignaciens Figuren, Schmuck und Flöten aus Elfenbein und Knochen herstellten. Gestaltete Objekte gab es in Mitteleuropa allerdings schon früher: Ein rund 51.000 Jahre altes graviertes Knochenstück aus der Einhornhöhle im Harz wird Neandertalern zugeschrieben. In Breitenbach zeigt sich dagegen, wie die frühen modernen Menschen das Material Elfenbein in großem Umfang und arbeitsteilig organisiert verarbeiteten. Gerade deshalb ist die Frage, woher dieses Elfenbein stammte, für die Deutung des Platzes so zentral.
Beim Alter der Besiedlung gibt es noch offene Fragen. Das Landesamt nennt rund 32.000 bis 34.000 Jahre. Eine im Fachjournal Boreas veröffentlichte Studie eines Teams um Tilman Böckenförde von der Universität Göttingen hält die bisher publizierten Radiokarbondaten aus Breitenbach jedoch für zu jung. Sie reichen von etwa 33.100 bis 27.800 Jahren vor heute und unterschätzen das wahre Alter nach Ansicht der Autoren wahrscheinlich um 1000 bis 6000 Jahre. Andere Fundstellen des Aurignaciens nördlich des 50. Breitengrads, etwa im hessischen Friedrichsdorf-Seulberg mit Daten zwischen rund 38.800 und 35.200 Jahren, sind deutlich älter datiert.
Die Studie ordnet Breitenbach auch in die Ausbreitungsgeschichte des modernen Menschen ein. Erste Vorstöße nach Mittel- und Nordwesteuropa gab es bereits vor rund 45.000 Jahren. So lebten Menschen trotz Kälte schon früh in der Ilsenhöhle bei Ranis in Thüringen. Eine dauerhafte Besiedlung nördlich des 50. Breitengrads entstand nach Einschätzung der Göttinger Forscher aber erst später, als sich das Aurignacien vom Donauraum aus nach Norden ausbreitete. Die Fundstellen dieser Phase in Nord- und Mitteldeutschland sind selten. Breitenbach zählt mit mehr als 10.000 Steinartefakten und über 600 Werkzeugen zu den reichsten unter ihnen. Den Feuerstein dafür fanden die Bewohner in der Region, die nur etwa 30 Kilometer nördlich der Grenze liegt, bis zu der eiszeitliche Gletscher den baltischen Feuerstein einst transportiert hatten.
Für die Forscher ist die Grabung deshalb längst nicht abgeschlossen. Die neu entdeckten Mammutknochen müssen nun im Detail untersucht werden, um zu klären, wie viele Tiere vertreten sind, wann sie starben und wie genau die Menschen sie zerlegten. Die Ausgrabungen in Breitenbach sollen fortgesetzt werden. Wie groß das Interesse auch vor Ort ist, zeigte eine Informationsveranstaltung im benachbarten Haynsburg Anfang Oktober, zu der zahlreiche Besucher kamen.
Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Neue Entdeckungen an der mehr als 30.000 Jahre alten Fundstelle Breitenbach im Süden Sachsen-Anhalts
Boreas, The Early Upper Palaeolithic open-air site of Friedrichsdorf-Seulberg, Germany, in the context of the northern central European Aurignacian; doi:10.1111/bor.70073
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