Handel in Ur

Auf einer 3.800 Jahre alten Tontafel steht eine Beschwerde

 Dennis Lenz

Auf einer 3.800 Jahre alten Tontafel steht eine Beschwerde
(Symbolbild) Die Tontafel stammt aus der Stadt Ur im Süden des heutigen Irak und wurde in den Grabungen von Leonard Woolley gefunden. Sie misst 11,6 mal 5 Zentimeter und ist in akkadischer Keilschrift beschrieben. Der Text stammt aus der altbabylonischen Zeit um 1750 vor Christus und richtet sich an einen Kupferhändler. Im Haus desselben Händlers lagen weitere Schreiben mit ähnlichem Inhalt. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Im Süden des heutigen Irak fanden Ausgräber eine Tontafel von der Größe einer Handfläche, die einen Vorgang festhält, den jeder Käufer kennt. Ein Mann namens Nanni beschwert sich bei einem Händler über gelieferte Kupferbarren und über die Behandlung seines Boten. Der Text ist rund 3.800 Jahre alt und gilt als ältester erhaltener Beschwerdebrief eines Kunden. Der Ton der Zeilen unterscheidet sich kaum von einer heutigen Reklamation.

Ur war um 1750 vor Christus eine Handelsstadt am Persischen Golf und Umschlagplatz für ein Metall, von dem die gesamte Bronzezeit abhing. Kupfer kam über den Seeweg aus der Region Dilmun, dem heutigen Bahrain, wurde in Barren gehandelt und in Werkstätten zu Werkzeugen, Waffen und Geräten verarbeitet. Der Handel lief über Kaufleute, die Silber als Zahlungsmittel vorstreckten, Boten schickten und ihre Abmachungen schriftlich festhielten. Schrift war in dieser Wirtschaft kein Luxus, sondern Voraussetzung: Wer Ware auf Kredit bestellte, brauchte einen Beleg. Genau aus diesem Grund sind aus der altbabylonischen Zeit tausende Tontafeln erhalten, die Quittungen, Verträge, Schuldscheine und Briefe enthalten.

Eine dieser Tafeln fällt seit Jahren besonders auf. Sie misst 11,6 Zentimeter in der Höhe, 5 Zentimeter in der Breite und gut 2,6 Zentimeter in der Dicke, sie ist auf Vorder- und Rückseite dicht beschrieben und enthält 23 sowie 25 Zeilen, dazu einige kurze Zeilen am Rand. Gefunden wurde sie in den Grabungen von Leonard Woolley, der zwischen 1922 und 1934 im Auftrag zweier Museen in Ur arbeitete. 1953 gelangte sie in die Sammlung des British Museum. Der Inhalt ist kein Vertrag und keine Abrechnung, sondern ein Brief eines verärgerten Kunden an einen Kupferhändler namens Ea-nasir.

Was auf der Tontafel tatsächlich steht

Nanni wirft dem Händler vor, ihm Kupfer von minderer Güte geschickt zu haben, obwohl hochwertige Barren zugesagt waren. Sein Bote habe vor Ort nur die Wahl gehabt, die schlechte Ware anzunehmen oder mit leeren Händen zurückzukehren. Nanni verweist auf Geld, das bereits geflossen war, und kündigt an, künftig selbst auszuwählen.

Die Wucht des Textes liegt in seinen Nebensätzen. Der Absender beschreibt, wie sein Bote durch Feindesland reisen musste, um die Lieferung abzuholen, und wie er dort abgewiesen wurde. Er erinnert daran, dass es nicht das erste Mal war, dass Zusagen nicht eingehalten wurden. Der Betrag, um den gestritten wurde, lag in der Größenordnung einer Mine Silber, also bei etwa einem halben Kilogramm eines Metalls, für das man in Ur mehrere Monate Arbeitslohn ansetzen konnte. Es ging also nicht um eine Kleinigkeit, sondern um ein Geschäft, dessen Scheitern den Ruf beider Seiten berührte. Übersetzt und bekannt gemacht hat den Text der Assyriologe A. Leo Oppenheim in seiner Sammlung mesopotamischer Briefe.

Ein Händler mit einer Akte voller Klagen

Aufschlussreich ist der Fundzusammenhang. In den Ruinen des Gebäudes, das als Wohn- und Geschäftshaus des Händlers gilt, lagen weitere Schreiben ähnlichen Inhalts. Ein Mann namens Arbituram beklagt, sein Kupfer noch immer nicht erhalten zu haben, ein anderer schreibt, er sei es leid, minderwertiges Material zu bekommen. Damit wird aus einer Anekdote ein Geschäftsbild: Offenbar sammelte der Kaufmann die Beschwerden, die ihn erreichten, und bewahrte sie in seinem Archiv auf. Wie viel sich aus solchen alltäglichen Hinterlassenschaften rekonstruieren lässt, zeigen auch andere Fundplätze, etwa wenn eine Grabkammer nach mehr als vier Jahrtausenden noch ihre Farben trägt.

Warum ausgerechnet Ton so lange hält

Dass dieser Streit überhaupt überdauert hat, liegt am Material. Ton ist feucht formbar, trocknet an der Luft und wird bei einem Brand keramisch hart. Papyrus, Pergament und Papier zerfallen in feuchtem Boden binnen weniger Jahrhunderte, gebrannte oder auch nur ausgetrocknete Tontafeln überstehen dagegen Jahrtausende. Ausgerechnet Katastrophen halfen dabei: Wo ein Haus abbrannte, wurden die Tafeln darin gehärtet und blieben lesbar. Die Keilschrift selbst entstand um 3300 vor Christus zunächst als Buchhaltungssystem und entwickelte sich erst später zu einer vollwertigen Schrift für Briefe, Gesetze und Literatur. Ohne diese Verbindung aus haltbarem Material und kaufmännischem Bedarf wüsste man über den Alltag der Bronzezeit fast nichts, während über Herrscher und Tempel weit mehr überliefert wäre.

Was der Fund über den Alltag verrät

Für die Forschung ist der Brief mehr als eine Kuriosität. Er belegt, dass es feste Qualitätsstufen für Kupfer gab, dass Boten als Vertreter ihrer Auftraggeber auftraten und dass ein Käufer auf schriftliche Beschwerde setzte, statt einfach den Händler zu wechseln. Die University of Liverpool ordnet den Text in den Handel von Ur ein und verweist darauf, dass über den weiteren Verlauf des Streits nichts bekannt ist. Weder Antwort noch Einigung sind erhalten. Geblieben ist ein Stück Ton, auf dem ein Mann vor 3.800 Jahren festhielt, dass er sich betrogen fühlte, und das heute in einer Museumsvitrine liegt, ohne dass jemand seinen Fall je entschieden hätte.

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